Eine fast 100 Jahre dauernde Ära ist am 31. Dezember in Oberickelsheim zu Ende gegangen: Brigitte Auch hat ihren kleinen Gemischtwarenladen an der Hauptstraße/B13 für immer geschlossen, um sich in den Ruhestand zu verabschieden. Damit verliert das Dorf einen zentralen Ort zum Einkaufen und für die Gemeinschaft.
Der Abschied am Dienstag – jener Tag, an dem Brigitte Auch ihren Laden noch einmal geöffnet und zum letzten Mal für ihre Kunden frische Brötchen von einem Bäcker aus der Nachbarschaft besorgt hatte – verlief äußerst emotional. „Manche meiner Kunden mussten mit den Tränen kämpfen“, erklärt sie.
„Die Brötchenholer jammerten: ,Wo bekomme ich jetzt meine Brötchen her‘ und die, denen ich öfter mal mit meinem bunten Sortiment den weiten Weg in den Supermarkt erspart habe, waren einfach nur traurig. Denn diese – auch der Kommunikation innerhalb des Dorfes dienende – Anlaufstelle gibt es seit dem 1. Januar 2025 in Oberickelsheim nicht mehr“, schilderte Brigitte Auch den Verlauf der letzten Stunden in dem kleinen Lädchen.
„Manche meinten zwar: ,Mach’ wenigstens die Brötchen weiter.‘ Aber entweder mache ich etwas ganz oder gar nicht. Schluss ist Schluss“, betont die Oberickelsheimerin im Gespräch mit unserer Redaktion. „Jetzt beginnt für mich ein neuer Lebensabschnitt, alles hat seine Zeit.“ Um schlussendlich zu ergänzen: „Bis jetzt hat es ja noch Spaß gemacht, den von meiner Großmutter in den 1920er Jahren gegründeten Laden weiterzuführen, aber die Zeiten haben sich geändert. Die bürokratischen Vorschriften werden immer mehr und komplizierter.“
Allein 2024 wurde „unser kleines Geschäft im Februar, Mai, August und Oktober von ein bis zwei Lebensmittelkontrolleuren des Landratsamtes gründlichst überprüft“. Deshalb findet Brigitte Auch: „Da kommt man sich doch vor, als passe man nicht mehr in die Zeit, zieht sich am besten ins Private zurück und hört schweren Herzens früher auf, als es aus gesundheitlichen Gründen unbedingt notwendig gewesen wäre.“
Auf die Geschichte des Dorfladens zurückblickend, erzählt Brigitte Auch: „Meine Großmutter hat dieses Haus, die Hauptstraße 12, im Jahr 1922 als Bauernhof gekauft. Dann hat sie nach und nach damit angefangen, sich Waren des täglichen Bedarfs auf Lager zu legen und zu verkaufen.“ 1954 starb die Großmutter, worauf die Mutter den Laden weiterführte. Als diese schließlich 1986 verstarb, entschloss sich Brigitte Auch, das Geschäft zu übernehmen.
„Ich wohnte damals allerdings mit meinem Mann – den ich 1967 geheiratet hatte – und den drei Kindern noch in Aschaffenburg, so dass ich zuerst nur jeden Samstag nach Oberickelsheim gefahren bin, um den Laden zu öffnen.“ Das Haus Hauptstraße 12 habe bereits eine lange Geschichte hinter sich: „Erbaut wurde dieses Gebäude im Jahr 1816. Es hat also mehrere Kriege mitgemacht, diese aber glücklicherweise relativ unbeschadet überstanden. Seit 2002 dient es uns als Wohn- und Geschäftshaus.” Damals seien sie mit der Familie nach Oberickelsheim gezogen, weshalb seit jenem Jahr jeweils von Mittwoch bis Samstag die Türen für die Kundschaft offen standen.
Dass sich die Zeiten geändert haben, merkte Brigitte Auch unter anderem auch daran, was an Gütern nachgefragt wurde. Waren es früher zu Schulbeginn zum Beispiel viele Hefte, schlug jetzt mehr und mehr die Digitalisierung der Schulen durch: „Fast alle Kinder haben bereits Tablets, Hefte werden nicht mehr gebraucht. Zum Schulbeginn 2024/25 habe ich nur ein einziges Heft verkauft.“
Lediglich Süßigkeiten seien ein konstanter Renner geblieben, deren Beliebtheit auch unter der jetzt fast alle Lebensbereiche durchdringenden Digitalisierung nicht geringer geworden sei.
Nachdem nun der letzte Tag im Geschäft überstanden ist, will Brigitte Auch die erste Woche des Ruhestands zur Erholung nutzen, anschließend muss sie noch die Auflösung des Ladens stemmen. Es wird also noch einige Zeit dauern, bis die nun schon fast hundert Jahre dauernde Ära des Dorfladens endgültig der Vergangenheit angehört.