Stefan Wigler ist Rentner. Doch er mag sich nicht einfach dem Ruhestand hingeben. Bei der Kommunalwahl 2020 hat ihn das Politikfieber gepackt. Nun will der 68-Jährige in den Bundestag. Er ist Direktkandidat der AfD im Wahlkreis Ansbach.
„Ich war immer ein gemäßigter Mensch“, sagt er über sich selbst. Doch die politische Mitte habe sich unter Angela Merkel verschoben. „Die konservative CSU von Franz-Josef Strauß gibt es nicht mehr“, konstatiert der Ansbacher. 2019 ist er der AfD beigetreten, weil er sich immer mehr aufgeregt hat beim Nachrichtenschauen.
2020 kandidierte er für den Stadtrat in Ansbach, schaffte es auf den Nachrückerplatz. Das hat ihn beflügelt. Auf der Landesliste hat er sich nicht über einen Listenplatz abgesichert. Bei der Aufstellung hatte sich Wigler für Platz 19 beworben und unterlag. „Wenn ich am 23. Februar nicht gewählt werde, genieße ich eben weiter mein Rentnerleben.“
Stefan Wigler legt einen bewegten Lebenslauf vor. Geboren wurde er im Banat, in einer Region, die von Jugoslawien regiert wurde. Er war noch keine drei Jahre alt, als seine Mutter mit ihm nach Deutschland floh. In Remstal, südlich von Stuttgart, wuchs er auf.
Nach einer Ausbildung zum Steuerfachgehilfen lernte Stefan Wigler 1980 bei einem USA-Urlaub seine spätere Frau kennen. Ab 1982 lebte er mehr als 20 Jahre in Amerika, machte eine Ausbildung zum Flugzeugtechniker und zum Piloten. An der Westküste flog er Blutproben oder Gewebe zu Laboren.
Wigler schwärmt, wenn er von der Zeit spricht. Doch die Unruhen in Los Angeles 1992 verpassten der Idylle einen Dämpfer. Er und seine Frau mussten täglich die Stadt durchqueren, um zur Arbeit zu kommen. Sie fühlten sich nicht mehr sicher, machten einen Schießkurs und besorgten sich Pistolen. „Ich hatte vorher nie eine Waffe“, betont Wigler.
Der 11. September 2001 brachte den nächsten Einschnitt. „Man wusste nicht, was noch kommt“, erinnert sich der 68-Jährige. Er und seine Frau überlegten, nach Kanada auszuwandern. Dazu kam es nicht. Stattdessen zerbrach die Ehe. Er ging zurück, lernte in Stuttgart eine Frau aus Ansbach kennen. Wegen ihr ist er in Mittelfranken gelandet. „Es hat mir hier sofort sehr gut gefallen.“
Aber auch hier waren tragische Ereignisse nicht weit. Beim Absturz einer Propellermaschine bei einer Flugschau in Schnaittach 2010 stand er mit seiner Lebensgefährtin nur Sekunden vorher an dem Platz, an dem sich die Maschine in die Zuschauermenge bohrte und eine Frau tötete. Den Zeitungsausschnitt hat er zum Interview mitgebracht. Beim Anschlag auf die Ansbach Open 2016 war er ebenfalls in unmittelbarer Nähe des Geschehens.
Seine Zeit in den konservativ geprägten USA hat Stefan Wigler stark geprägt. „Im Ausland kriegt man einen anderen Blick auf Werte.“ So habe er in den USA nie das Gefühl gehabt, zu viel Steuern zu zahlen. In Deutschland sei das anders.
Der Vergleich mit den USA kommt im Gespräch immer wieder auf. In Amerika ist der Umgang mit Flüchtlingen anders. Wer dazugehören will, muss arbeiten, seinen eigenen Lebensunterhalt verdienen. „Es geht darum, mit Arbeit und Fleiß etwas zu erreichen“, beschreibt es Stefan Wigler. Aus seiner Sicht sind das an sich deutsche Tugenden, die hierzulande mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten drohen.
„Die Gastarbeiter damals waren eine Bereicherung“, blickt Wigler zurück. Doch heute gebe es „unkontrollierte Einwanderung“ und wenn es im Bundestag ums Thema Migration geht, stehe Parteiräson über der eigenen Überzeugung, glaubt der AfD-Kandidat. Er spricht ruhig und sachlich, Hetzparolen gibt es im Interview von ihm nicht zu hören.
Wigler stellt sich als Freund einer europäischen Handelsvereinigung dar. Doch mit dem Euro hadert er, spricht von einer „Schulden-Union“, die für ihn die „rote Linie“ sei. Mit einer eigenen Währung ließe sich auch die eigene Wirtschaftskraft bewerten und auch zu D-Mark-Zeiten habe Deutschland internationalen Handel betrieben, erinnert der 68-Jährige.
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer verweist indes darauf, dass deutsche Unternehmen über die Hälfte ihrer Im- und Exporte innerhalb der EU abwickeln. Sie profitieren ganz besonders vom Wegfall der Währungsschwankungen sowie anderer Hürden beim grenzüberschreitenden Handel.
Nicht verstehen will Wigler, warum Deutschland nicht mehr auf Atomkraft setzen sollte. Andere Länder wie Frankreich täten das ebenfalls. Wigler: „Wenn wir der Industrie in Deutschland nicht günstige Energie anbieten, wird unsere Wirtschaft noch mehr abstürzen.“ Offen bleibt die Frage eines Endlagers für atomare Abfälle. Auch CO2- und EEG-Abgaben stoßen dem AfD-Politiker sauer auf. Er ist überzeugt: „Der Strom ist zu teuer. Viele kleine Firmen gehen kaputt.“ Um die Wirtschaft anzukurbeln, schlägt er zinslose Darlehen oder günstige Grundstücke für Start-ups vor.
Dass sich die AfD für ihre politischen Ziele Anfeindungen ausgesetzt sieht, ärgert Stefan Wigler. Als Nazi oder als Putinversteher sei er schon beschimpft worden. In Ansbach wurden etliche Wahlplakate der Partei mit der Zahl 161 beschmiert. Der Code der Antifa. Ihre Infostände muss die AfD der Polizei melden, weil Angriffe nicht ausgeschlossen werden können. Dennoch will er auch in den verbleibenden Tagen bis zur Wahl noch unterwegs sein und für sich und seine Partei werben.