„Wir könnten flennen”: Kaltenneuses und die Umzingelung durch Windräder | FLZ.de

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„Wir könnten flennen”: Kaltenneuses und die Umzingelung durch Windräder

Diese beiden Windräder nördlich des Emskirchener Ortsteils Kaltenneuses sind ebenfalls nicht unumstritten. Wenn der Wind ungünstig weht, werfen sie einen Schall über den Ort, sagen Anwohner. (Foto: Johannes Zimmermann)
Diese beiden Windräder nördlich des Emskirchener Ortsteils Kaltenneuses sind ebenfalls nicht unumstritten. Wenn der Wind ungünstig weht, werfen sie einen Schall über den Ort, sagen Anwohner. (Foto: Johannes Zimmermann)
Diese beiden Windräder nördlich des Emskirchener Ortsteils Kaltenneuses sind ebenfalls nicht unumstritten. Wenn der Wind ungünstig weht, werfen sie einen Schall über den Ort, sagen Anwohner. (Foto: Johannes Zimmermann)

„Ortsteilentwicklung Kaltenneuses“ war der Tagesordnungspunkt in der Ratssitzung von Emskirchen (Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim) überschrieben. Dahinter verbarg sich der Antrag auf Aufstellung eines vorhabenbezogenen Bebauungsplans für eine Freiflächen-PV-Anlage. Anwohnerin Tina Marek-Bienert sieht dieses wie auch andere Vorhaben kritisch. Kaltenneuses werde zum „Industriepark“.

Volker und Tina Bienert sitzen auf ihrer Terrasse. Im Garten haben sie sich ein wahres Idyll geschaffen, Schmetterlinge fliegen, Bienen naschen. Die heile Welt, die in Kaltenneuses bisher noch herrscht, sehen die beiden allerdings in Gefahr.

Der Grund: mehrere Pläne für Photovoltaik-Anlagen und Windräder. Drei Wind-Exemplare der neuesten Generation – mit rund 285 Metern Höhe – sollen direkt im Wald vor ihrer Terrasse gebaut werden, mit nur 800 Metern Abstand, klagen die Bienerts. Sie sprechen von einem „Kollateralschaden“. Wenn das Projekt tatsächlich so umgesetzt werden sollte, will die Familie den Emskirchener Ortsteil verlassen. „Das würden wir einfach nicht ertragen.“

Anwohner machen mobil

Um das zu verhindern, hat Tina Marek-Bienert, unterstützt von ihrer Nachbarin, am Freitagabend in der Bürgerredezeit vor der Ratssitzung in Emskirchen vorgesprochen. Den Namen „Ortsteilentwicklung“, wie er auf der Tagesordnung steht, kritisierte sie dabei als zynisch, schließlich stelle man sich darunter etwas Positives vor.

Mit Blick auf die Erneuerbare-Energien-Projekte, die für Kaltenneuses und Umgebung im Gespräch oder teils sogar schon umgesetzt sind, kommentierte sie gegenüber Bürgermeister Sandra Winkelspecht: „Ich wollte Sie fragen, ob Kaltenneuses jetzt zum Industriepark wird.“ Langsam werde die Situation schwierig, das Dorf fühle sich zunehmend „eingekesselt“ von Windrädern und Photovoltaik-Modulen. Diese Ansicht teilen aber nicht alle.

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Bayern will bis 2040 klimaneutral sein

Winkelspecht verteidigte das Photovoltaik-Projekt, das in der jüngsten Ratssitzung Thema war, mit einem gewissen Handlungsdruck, der auf die Gemeinden abgewälzt wurde. Bayern will bis 2040 klimaneutral werden, „und wir müssen die Entwicklungen mitgehen“. Ansonsten drohe der Wegfall der Privilegierung für Windräder – und Projektierer dürften mit niedrigen Hürden bauen. Die Gemeinden würden also ihre Planungshoheit verlieren.

Marek-Bienert findet: „Es wird langsam ein bisschen extrem. Das ist nicht mehr das Leben, was wir uns vorgestellt haben.“ Winkelspecht: „Da beschweren Sie sich an der falschen Stelle. Wir haben das Gesetz nicht beschlossen.“ Marek-Bienert warf ihr indes vor, ihre Wahlversprechen nicht einzuhalten und die Menschen vor Ort nicht mitzunehmen.

Es habe eine Einladung zu einer Ausschuss-Sitzung gegeben, verteidigte sich Winkelspecht, doch von den Anwohnern sei niemand erschienen. Als Grund hierfür nannte die Anwohnerin, dass das Mitteilungsblatt im Ort zu spät zugestellt worden sei. Da sei der Termin schon vorbei gewesen. „Sonst wären wir da gewesen.“ Winkelspecht: „Das ist dann unglücklich gelaufen.“

Fläche für Stromerzeugung und Landwirtschaft

Für die Räte ging es schließlich um eine Freiflächen-Photovoltaik-Anlage, die nördlich von Kaltenneuses entstehen soll. Insgesamt zehn Hektar groß, sieben Hektar davon für Module. In der Sitzung wurde über den Aufstellungsbeschluss für einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan debattiert. An der Straße zwischen Dettendorf und Hohholz soll die Anlage entstehen und sei von Kaltenneuses aus „gar nicht“ sichtbar, weil eine Heckenreihe, die jetzt schon existiert, die Module eingrüne.

Der Vorhabenträger prüft derzeit auch eine Agro-PV-Anlage, also die doppelte Nutzung der Fläche für Stromerzeugung und Landwirtschaft. Problem: Auf dem Acker wurden drei Feldlerchen entdeckt. Wenn die Untere Naturschutzbehörde Ausgleichsflächen verlange, werde eine Agro-PV unwirtschaftlich, hieß es.

Bernd Rauscher (CSU) forderte ein Umdenken bei der Staatsregierung. Die Feldlerche sei in unseren Breitengraden noch relativ häufig anzutreffen und „verhindert Innovationen“. Rauscher: „Ich bin nicht gegen Feldlerchen“, aber man müsse das Schutzprogramm überdenken. Sollte die Agro-Anlage wirtschaftlich nicht klappen, würde der Investor eine konventionelle PV-Anlage errichten. Gegen drei Stimmen wurde der Aufstellungsbeschluss gefasst.

Was Kaltenneuses viel mehr beschäftigt, wie Tina Marek-Bienert in der Bürgerredezeit ausführte, seien aber die Pläne für Windräder. Die Südachse sei im Entwurf der neuen Windkulisse für Westmittelfranken als Vorranggebiet eingestuft. Die Gerüchteküche sage, dass ein Projektierer bereits in den Startlöchern stehe. Mit diesen Windrädern könnten die Bienerts nach eigener Aussage nicht leben, sie sind verzweifelt, „blutleer, wir könnten flennen“.

Drei neue Windräder im Süden geplant

Doch was hat es mit den Gerüchten auf sich? Winkelspecht bestätigt entsprechende Pläne eines Projektierers auf Nachfrage unserer Redaktion. Derzeit sei zwar noch nichts offiziell – weil auch die Änderungen des Windkapitels im Regionalplan Westmittelfrankens von der Verbandsversammlung erst noch abgesegnet werden müssen. Der Investor bereite aber im Hintergrund schon alles vor, um Windräder bei Kaltenneuses zu bauen, sagt die Bürgermeisterin. Er habe sich auch schon Grundstücke gesichert. „Ich denke, das wird kommen.“

Konkret seien drei Windanlagen geplant: eine auf Neustädter Hoheitsgebiet bei Eggensee, zwei auf Emskirchener Gemeindefläche – eben jene, welche die Bienerts direkt vor der Terrasse hätten. Hinzu komme der Schall, sagt Volker Bienert. Schon jetzt hörten sie immer wieder den Lärm der beiden Windräder, die nördlich von Kaltenneuses ihre Rotorblätter drehen lassen. „Uns haben schon Gäste gefragt, wo hier ein Hubschrauber fliegt“, sagt Bienert, so laut seien die Anlagen teilweise.

Wenn jetzt noch drei Exemplare vor ihrer Nase gebaut werden, wollen die Bienerts wegziehen. Allerdings, so fürchten sie, werde das Windkraft-Projekt den Wert ihrer Immobilie erheblich mindern. Nicht umsonst spricht Volker Bienert von einem „Kollateralschaden“.

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