„Volatile” Aussichten für ANregiomed in 2026: Was folgt, Herr Dr. Sontheimer? | FLZ.de

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„Volatile” Aussichten für ANregiomed in 2026: Was folgt, Herr Dr. Sontheimer?

Für Klinikvorstand Dr. Gerhard Sontheimer hat die Umsetzungsphase bereits begonnen. (Foto: Evi Lemberger)
Für Klinikvorstand Dr. Gerhard Sontheimer hat die Umsetzungsphase bereits begonnen. (Foto: Evi Lemberger)
Für Klinikvorstand Dr. Gerhard Sontheimer hat die Umsetzungsphase bereits begonnen. (Foto: Evi Lemberger)

Im September hat der Verwaltungsrat von ANregiomed nach langem Ringen einen Kompromiss für die drei Krankenhaus-Standorte in Ansbach, Dinkelsbühl und Rothenburg gefunden. Die Verwaltungsrats-Vorsitzenden Landrat Dr. Jürgen Ludwig und Oberbürgermeister Thomas Deffner sowie Klinikvorstand Dr. Gerhard Sontheimer erklären, wie es weitergeht.

Im September hat sich der Verwaltungsrat auf den Kompromiss geeinigt. Wie geht es Ihnen mit etwas zeitlichen Abstand mit dem Beschluss?

Dr. Jürgen Ludwig: Es ist gut, dass eine Strategie festgelegt wurde. Angesichts der Rahmenbedingungen können wir nun das Mögliche möglich machen. Ich bekomme jedenfalls positives Feedback aus der Bevölkerung und der Belegschaft, weil sich der Blick jetzt nach vorne richtet.

Thomas Deffner: Es ist eine gute Entscheidung, die hier nach einem langen Weg getroffen wurde. Bei zwei Trägern liegt es in der Natur der Sache, dass es unterschiedliche Interessen geben kann. Wir haben einen sehr guten, tragfähigen Kompromiss gefunden. Er hat zu einer Beruhigung im Personal geführt. Das war ganz wichtig.


„Ohne Krankenhäuser wird eine ambulante Versorgung in Zukunft nicht möglich sein.”

Dr. Gerhard Sontheimer

In der Vergangenheit wirkte es immer so, als hätten Sie sich noch stärkere Einschnitte gewünscht, Herr Dr. Sontheimer.

Dr. Gerhard Sontheimer: Es geht ja nicht um meine Wünsche, sondern um eine nüchterne Analyse dessen, was die Rahmenbedingungen der Gesundheitspolitik uns für Möglichkeiten lassen. Relevant sind hierbei vor allen Dingen zwei Themen: die Ambulantisierung und die Spezialisierung. Ohne Krankenhäuser wird eine ambulante Versorgung in Zukunft nicht möglich sein. Und Spezialisierung ist eine höfliche Umschreibung dafür, dass man möchte, dass seltene Dinge nur in wenigen Krankenhäusern versorgt werden. Aber grundsätzlich sind wir im Unternehmen sehr zufrieden damit, dass es nach der langen Hängepartie einen Beschluss gibt. Wir haben noch im September einen Lenkungsausschluss etabliert. Wir müssen schnell in die Umsetzung kommen. Denn die Leistungsgruppen als Grundlage der Krankenhausreform greifen nach Stand der Dinge zum 1. Januar 2027.

61 Leistungsgruppen gibt es. Wie viele davon haben Sie für die drei Häuser beantragt?

Sontheimer: Um alle im Beschluss festgelegten Leistungen anbieten zu können, haben wir insgesamt über alle drei Standorte 37 Leistungsgruppen beantragt.

Die Zahlen, die der Klinikverbund ANregiomed im kommenden Jahr erwartet, werden nicht besser. Die beschlossenen Umstrukturierungen werden erst 2027 greifen. (Foto: Robert Maurer)
Die Zahlen, die der Klinikverbund ANregiomed im kommenden Jahr erwartet, werden nicht besser. Die beschlossenen Umstrukturierungen werden erst 2027 greifen. (Foto: Robert Maurer)

ANregiomed rechnet auch 2026 mit mehr als 30 Millionen Euro Verlust

Der Verwaltungsrat des Klinikverbundes hat den Wirtschaftsplan abgesegnet. Die Prognosen für 2025 sind deutlich besser als veranschlagt. Wie passt das zusammen?

Was ist denn in den vergangenen Wochen bereits passiert?

Sontheimer: Wir können hier nicht alle Details durchgehen. Aber ich nenne ein Beispiel. Wir haben mit Dr. Stefan Heinze einen Neurochirurgen im MVZ Rothenburg, der dort Bandscheibenoperationen durchführt. Er hat auch Patienten, die eine größere Operation benötigen und im Bett liegen müssen. In der Vergangenheit lagen sie dann in Rothenburg. Abgerechnet wurden die Leistungen über die Chirurgie. Für eine Neurochirurgie benötigt man in Zukunft mindestens drei Neurochirurgen. Wir haben in Rotenburg aber nur einen. Diese Leistungsgruppe werden wir in Rothenburg also nicht bekommen. Ab sofort wird Dr. Heinze deshalb an einem Tag in der Woche in Ansbach operieren. So sieht ein Beispiel für die konkreten Umsetzungsmaßnahmen aus.

Einer der strittigen Punkte war die Kardiologie in Rothenburg. Der Verwaltungsrat hat festgelegt, dass diese künftig nur noch ambulant angeboten werden soll. Die Vorgaben wären ohnehin nicht einzuhalten. Wie ist da der Stand der Dinge?

Sontheimer: Es stimmt, wir haben die Leistungsgruppen, um kardiologisch stationäre Leistungen zu erbringen, nicht beantragt. Das heißt aber auch, dass wir 2026 – wie bisher auch – diese Leistungen erbringen können. Ab dem 1. Januar 2027 nicht mehr.

Das gilt entsprechend für die stationäre Chirurgie in Dinkelsbühl, die ab 2027 nicht mehr stationär, sondern nur ambulant sein wird. Erstmal merkt man in Dinkelsbühl wenig von der Entscheidung, aber Teil des Pakets ist der Umzug der Endoprothetik, also der künstlichen Hüft- und Kniegelenk-Operationen, nach Ansbach, sobald es die bauliche Situation zulässt. Haben wir 2031 in Dinkelsbühl nur noch ein gestutztes medizinisches Angebot? Also nur noch eine Innere und ambulante Dinge. Oder gibt es ein Ersatzangebot in der Pipeline?


„Wenn man sich anschaut, was die Menschen am häufigsten brauchen, dann sind es ambulante Angebote und die Innere Medizin.”

Dr. Jürgen Ludwig

Ludwig: Wir können in Zukunft stationäre Leistungen nicht einfach ausbauen, wie wir es uns wünschen würden. Der Wille der Bundesregierung ist, dass stationäre Leistungen künftig an größeren Häusern konzentriert werden und es darüber hinaus noch ambulante Angebote geben kann. Wenn man sich anschaut, was die Menschen am häufigsten brauchen, dann sind es ambulante Angebote und die Innere Medizin. Das macht etwa 70 Prozent der konkreten Nachfragen aus. Da sind wir also gut unterwegs. Angesichts der immensen Verluste im Krankenhauswesen bundesweit und damit verbundenen Standortschließungen ist es zukunftsgerichtet, auf die Innere Medizin als Schwerpunkt, ergänzt durch ambulante chirurgische Leistung zu setzen. Gleichzeitig konzentrieren wir die stationären chirurgischen Leistungen in Rothenburg, was dem gesamten westlichen Landkreis zugutekommt.

Anders gefragt: Suchen Sie für Dinkelsbühl nach ergänzenden Angeboten für die Zeit nach 2031?

Ludwig: Das Gesundheitssystem ist sehr volatil. Aussagen aus Berlin sind schon nach wenigen Wochen nichts mehr wert. Wir müssen schauen, was in Zukunft möglich sein wird. Die Nachfrage nach stationären Leistungen ist seit 2016 zurückgegangen und sie wird weiter zurückgehen.

Sontheimer: Ich kann die Sorge in der Bevölkerung nachvollziehen. Man will ein möglichst großes Krankenhaus vor Ort haben. Aber die Endoprothetik ist kein Angebot der Notfallversorgung. Es handelt sich um geplante Eingriffe. Die Menschen wollen kein Krankenhaus, in dem möglichst viele Ärzte arbeiten. Sie wollen ein Krankenhaus, in dem ein Arzt für sie da ist, wenn sie einen brauchen. Die demografische Entwicklung macht sich mehr und mehr auch bei niedergelassenen Ärzten bemerkbar. Hier werden die Krankenhäuser in Zukunft ebenfalls Dinge auffangen müssen. Wir brauchen Strukturen vor Ort, wo genau diese Themen adressiert werden.

Es werden auch in Ansbach Leistungen gestrichen werden. Nephrologie, Thoraxchirurgie und Urologie zum Beispiel. Fehlt etwas in der Aufzählung?

Sontheimer: Nein, das sind im Wesentlichen die Leistungsgruppen, die wir nicht beantragt haben.


„Unklar ist, wie es mit der Versorgung von Kindern in der Station Wald weitergehen wird.”

Thomas Deffner

Deffner: Unklar ist, wie es mit der Versorgung von Kindern in der Station Wald weitergehen wird. Es gibt Gespräche in Sachen Pädiatrie mit Nürnberg. Das Klinikum Nürnberg übernimmt die Cnopfsche Kinderklinik, mit der wir bislang zusammenarbeiten. Wenn klar ist, wie es dort genau weitergeht, können wir auch über die Fortsetzung der Kooperation verhandeln.

Die Klinik Hallerwiese – Cnopfsche Kinderklinik gehört zu den zentralen Häusern der Nürnberger Gesundheitsversorgung. (Foto: Christine Blei/Diakoneo)

Diakoneo tätigt nächsten Verkauf: Klinikum Nürnberg übernimmt Klinik Hallerwiese

Der Sozialkonzern aus Neuendettelsau will sein Klinikgeschäft loswerden. Für das Krankenhaus in Nürnberg gibt es nun eine genaue Perspektive.

Hat es nach der Verwaltungsrats-Entscheidung größere Personalwechsel gegeben?

Sontheimer: Da die Eingriffe nicht so grundlegend sind, dass wir viele Abteilungen schließen, waren die Auswirkungen überschaubar. Punktuell gab es Abwanderungen wie in der Thoraxchirurgie oder der Urologie, aber nicht in der Fläche. In Rothenburg und Dinkelsbühl haben wir jetzt eine ausreichende Personalausstattung, um alle Leistungen, die wir geplant haben, zu erbringen. In Ansbach haben wir einen Aufbau realisieren können. Es sind in der Regel mehr als 90 Prozent der betreibbaren Betten belegt. Nach Corona hatten wir teilweise nur 180 belegbare Betten. Aktuell sind wir bei 240. Und man muss sehen: In die Belegungsstatistik fließen auch die Betten der Aufnahmestation ein. Die soll ja leer sein. In der Wöchnerinnenstation gibt es enorme Schwankungen. Das ist bei Geburten unvermeidlich. Die Palliativmedizin ist ein weiteres Beispiel, wo die Auslastung nicht beeinflussbar ist. Wenn wir insgesamt also bei 90 Prozent liegen, heißt das, dass wir in den chirurgischen und den internistischen Disziplinen quasi eine Auslastung von 100 Prozent haben. Das ist ein großer Erfolg für das Pflegemanagement, dem es gelungen ist, Pflegekräfte anzuwerben.

Ludwig: Vielleicht sollte man das Ganze noch einmal von einer anderen Seite aus beleuchten. Wir haben die neue Integrierte Leitstelle in Ansbach-Brodswinden in Betrieb genommen. Und wir sind dabei, im Rettungsdienst Verbesserungen umzusetzen. In Wolframs-Eschenbach haben wir die Betriebszeiten ausgeweitet. Es tut sich in Ansbach-Eyb, in Bruckberg oder in Ehingen etwas. Das ist wichtig in der Versorgungskette. Die Rückmeldungen, die ich zu den Abläufen in der Notaufnahme in Ansbach bekomme, sind ebenfalls, dass sich da ganz viel getan hat. Stichwort: eigener Chefarzt für die Notaufnahme. Da waren wir ganz vorn dabei.

Das Jahresergebnis für 2025 wird etwa zehn Millionen Euro besser ausfallen als veranschlagt. Bei einer Aufteilung von 30 zu 70 bedeutet das für die Stadt Ansbach rund drei Millionen Euro Ersparnis. Was machen Sie denn mit dem Geld, Herr Deffner?

Deffner: Eingeplant sind die geringeren Verluste bereits im Haushalt 2026. Der Haushaltsausgleich gelingt uns bekanntermaßen nur mit größter Mühe. Insoweit stellt sich die Frage, was wir mit drei Millionen Euro mehr machen nicht, denn die gibt es nicht; nicht mal auf dem Papier.

Sontheimer: Wir haben im Jahr 2019 8,5 Millionen Euro Defizit gehabt. Jetzt sind wir deutlich über 20 Millionen – eigentlich eine Katastrophe. Verursacht hat das Ganze letztendlich der Gesetzgeber. Über 80 Prozent der Krankenhäuser schreiben tiefrote Zahlen. Das ist eine desaströse Situation.

Ludwig: Die kommunalen Finanzen sind so schlecht wie das letzte Mal vor 20 Jahren. Wir haben hohe Ausgaben im Bereich der Jugendhilfe, der Schulen oder auch beim ÖPNV. Das Verlagern von Aufgaben auf die kommunale Ebene muss ein Ende haben. Und zu den sieben Millionen Euro, die wir für 2025 nicht zahlen müssen, kann ich sagen: Es ist schön, wenn der Schmerz nachlässt.

Offen geblieben ist nach dem Beschluss im September die Frage, wie er sich finanziell auswirken wird.

Ludwig: Wir haben das auch nicht wirklich ausgerechnet. Deshalb kann ich keine Zahl nennen. Ich bin aber der Meinung, dass wir mit der Entscheidung verschiedene Ziele erreicht haben. Wir haben innerhalb der Rahmenbedingungen Chancen ergriffen und wir werden das Defizit damit eindämmen. Angesichts der wechselhaften Vorgaben des Bundes lässt sich schlecht etwas berechnen, was sich in zwei Jahren auswirken wird.

Abschließende Frage: Wie steht es um die Baumaßnahmen in Ansbach?

Sontheimer: Es hat Verzögerungen gegeben. Das ist bei einer Modernisierung im Bestand fast unvermeidlich. Und der Fachkräftemangel auf dem Bau leistet ebenfalls seinen Beitrag. Die wesentlichen Umbaumaßnahmen des Gebäudes B werden bis April abgeschlossen sein. Anschließend wird es Rochaden im Haus geben. Die Geburtshilfe wird dann zum Beispiel umziehen. Auch die Funktionsbereiche für die Gastroenterologie, die Kardiologie und die Neurologie können dann umziehen. Bestandteil des Bauabschnitts 5 in der zweiten Hälfte des Jahres sind dann umfangreiche Abrissarbeiten. Das ist für Bauabschnitt 6 erforderlich. Ende des Jahres wollen wir mit den Arbeiten des Bauabschnitts 6 anfangen.

Die Personen

Dr. Jürgen Ludwig (55) studierte Wirtschaftsgeografie, Volkswirtschaftslehre und Planungsrecht in Würzburg, Bayreuth und Glasgow. Er promovierte 2004 in Bayreuth. Bevor der Dinkelsbühler 2012 Landrat wurde, leitete er die Wirtschaftsförderung in Crailsheim.
Mit der Wahl zum Landrat wurde Ludwig auch Vorsitzender des Verwaltungsrates von ANregiomed.

Sein Stellvertreter ist Ansbachs Oberbürgermeister Thomas Deffner (59). Der studierte Diplom-Verwaltungswirt (FH) war vor seinem Amtsantritt Leiter der Bauverwaltung am Ansbacher Landratsamt.

Dr. Gerhard Sontheimer (66) leitet den Klinikverbund seit März 2018 als alleiniger Vorstand. Zuvor stand er an der Spitze verschiedener privater und öffentlicher Krankenhäuser und Rehakliniken. Er ist Mediziner und Diplom-Physiker.

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