Damit auch ihre Enkel einmal von der Herkunft und der Verfolgung ihrer Vorfahren wissen, will Dr. Eva Ogens ein Buch über ihren Vater schreiben. Karl Steinberger wurde in Colmberg geboren, als Jude musste er unter dem NS-Regime fliehen. Nun besuchte die US-Amerikanerin das Dorf und das Platen-Gymnasium, die frühere Schule ihres Vaters in Ansbach.
Einmal war sie in den 1980ern schon in Colmberg. „Da gab es aber nicht viel zu entdecken“, erinnert sich Ogens. 2023 sieht es anders aus: Kreisarchivpfleger Günther Fohrer empfängt die 70-Jährige. Im Colmberger Dokuzentrum zur jüdischen Familiengeschichte ist das Leben der Steinbergers nacherzählt. Über 200 Jahre lang war die Familie in Colmberg ansässig.
Auf der Karte am Boden des kleinen Museums lassen sich auch das Grundstück und die zugehörigen Felder der Steinbergers ausmachen. Das frühere Anwesen ist heute die Adresse Burgstraße 1. Vom Hof aus sieht man die Burg über Colmberg thronen. Das Gebäude dient als Gemeindezentrum für die Liebenzeller Gemeinschaft Colmberg, diese hatte das Haus in den 50ern von der Familie erworben, erklärt Fohrer.
Er nimmt Ogens mit ans Platen-Gymnasium, wo sie von der Schulleitung empfangen werden. Karl Steinberger besuchte die frühere Oberrealschule Ansbach, Fohrers Vater war ein Klassenkamerad von ihm. „Über das Thema habe ich leider nie viel mit ihm gesprochen“, sagt der Kreisarchivpfleger.
Auf jüdischer Seite ist das nicht gänzlich anders gewesen, Ogens hat vor allem aus den Erinnerungen ihres Vaters Informationen zu dessen Vergangenheit in Deutschland. Steinberger hat sie chronologisch und feinsäuberlich notiert. „Ein typischer Deutscher“, meinen Fohrer und Ogens lachend. 1918 wurde Steinberger in Colmberg geboren. In den Aufzeichnungen des Platen-Gymnasiums ist er als guter Schüler vermerkt, nur Musik beziehungsweise Gesang war nicht seine Stärke.
Die Malerei wiederum war seine Passion. Schon als 17-Jähriger schuf er eine eindrucksvolle Ansicht der Colmberger Burg. Ogens hat eine Kopie als Geschenk an Fohrer mitgebracht. „Ich bin mir sicher, er wäre gerne Architekt oder Ähnliches geworden, wenn er die Chance gehabt hätte, zu studieren.“
Doch die vielerorts schon vorhandene antijüdische Stimmung wurde unter der NSDAP entfesselt. „Er wurde zunehmend von der Hitlerjugend ausgegrenzt“, sagt Ogens. Bereits 1935 verlässt er die Oberrealschule. In der Reichspogromnacht rief er bei seinen Eltern in Colmberg an, sie warnten ihn, nicht herzukommen. „Er hatte sich versteckt“, sagt Ogens.
Im folgenden Jahr gelingt ihm die Flucht mit dem Schiff in die USA, er geht nach New York, tritt in die US-Armee ein und kämpft in Afrika und Italien gegen die Achsenmächte.
Sein Vater starb, als er deportiert werden soll. Die Todesorte anderer Verwandter sind auf einem Familienbild über den Köpfen festgehalten: „Ghetto Riga“ oder „KZ Theresienstadt“ steht dort. Karl Steinberger aber kehrt zurück in die USA, in einem deutsch-jüdischen Café in New York hatte er Anneliese Biermann kennengelernt, heiratet sie 1947. Ogens will als eine seiner zwei Töchter nun gegen das Vergessen kämpfen.