Wie der Name „Geschichts- und Brauchtums Stammtisch“ sagt, befassen sich die Weigenheimer Vereinsmitglieder auch mit den Gepflogenheiten der Vergangenheit. In die Kaffee- und Besuchskultur der Nachkriegszeit versetzte Otto Rückert die Gäste in seiner Museumsscheune, in der nach einer Sanierung erstmals wieder eine Gruppe zu Gast war.
Vor der Scheune im Weigenheimer Ortsteil Geckenheim hatte er einen alten, holzbefeuerten Küchenherd aus seinem Museum aufgestellt, auf dem in einem großen Topf Wasser siedete, beschreibt es der Geschichts- und Brauchtums-Stammtisch in einer Pressemitteilung. „Ich bereite euch heute ein Getränk,“ führte Otto Rückert in das Thema des Abends ein, „das in der Nachkriegszeit bei uns weit verbreitet war; jeder kannte es, nicht allen schmeckte es, aber in der Not konnte man nicht wählerisch sein. Ich spreche vom ’Muggefugg’, den die Franzosen ’mocca faux’ (’falscher Mokka’) nannten – für Franken ein nicht auszusprechendes Wort. Sie machten daraus ’Muggefugg’; das klang so ähnlich, ging aber viel leichter über die Lippen.“
Zu einem guten Muggefugg braucht es drei Zutaten, erfuhren die Gäste: Wasser, Gerste und Zichorie. Rückert machte sich ans Werk: Die Gerste wird in einer speziellen Rösttrommel, die in den Küchenherd eingesetzt wird, unter ständigem Rühren geröstet bis die Körner unter leisem Knacken aufplatzen und ihren süßlichen Duft verbreiten. Aber Vorsicht – schnell sind die Gerstenkörner angebrannt und können nicht mehr verwendet werden. Nach dem Abkühlen werden sie zu einem feinen Pulver gemahlen.
Ein weiterer Bestandteil des Muggefuggs ist Zichorie – ein Pulver, das aus der Wurzel der Wegwarte (lateinisch cichorea) gewonnen wird. Sie wird ausgegraben, gesäubert, getrocknet, geraspelt und anschließend geröstet. Zichorie konnte man aber auch, als Taler gepresst, beim Krämer für wenig Geld kaufen. Zichorie verleiht dem „Kaffee“ den leicht bitteren „Mokkageschmack“ und vor allem die gewohnte braune Kaffeefarbe – das Auge trinkt ja auch mit.
Das Kochen des Muggefugg ist dann keine Hexerei: Zwei Liter Wasser werden zum Kochen gebracht, etwa 150 Gramm geröstetes Gerstenpulver und circa fünf Gramm Zichorie beigegeben; das Ganze zwei Minuten gekocht – und fertig ist der Muggefugg, bereit zur Verkostung durch die Mitglieder des Geschichts- und Brauchtums-Stammtisches.
Die Reaktion der mutigen Trinker war durchaus positiv – er schmeckte, wenn auch etwas anders als „echter Kaffee“, durchaus gut. Der nach dem Abschöpfen des Muggefugg im Topf verbliebene Bodensatz wurde früher, nachdem er mehrfach wieder aufgegossen wurde, dem Schweinefutter beigegeben – „auf dem Bauernhof wurde nichts weggeschmissen“, sagte Otto Rückert.
Damals, in der Zeit vor dem „coffee to go“ saßen die Menschen gerne bei einer Tasse Kaffee in geselliger Runde zusammen. Das war auch bei den Rückerts so: „Wenn wir uns früher zu fünft auf unseren Bulldog setzten und unsere Verwandten in Ippesheim besuchten, liefen die Besuche immer nach dem gleichen Muster ab: Nach der Begrüßung setzten sich die Erwachsenen zusammen, tranken ihren Kaffee (beziehungsweise Muggefugg) und ließen sich ein Stück Gugelhupf schmecken.
Dann gingen die Männer in den Stall und begutachteten den Stolz des Bauern, seine fein herausgeputzten Pferde, während die Frauen in der guten Stube die neuesten Nachrichten austauschten. Die Kinder hatten in der Zeit ihren Spaß ganz ohne elterliche Kontrolle. Nachdem die Frauen alles besprochen, die Männer alles begutachtet hatten, gab es ein Abendessen oder eine deftige Brotzeit und wir machten uns gestärkt wieder auf den Heimweg,“ erinnerte sich Otto Rückert an die Nachkriegszeit.
Ganz nach diesem alten Muster lief auch der Besuch des Geschichts- und Brauchtums-Stammtisches ab: Nach dem Kaffeetrinken, zu dem von Gertrud Rückert ein köstlicher Kuchen gereicht wurde, wurde der Stolz des Hausherrn besichtigt – doch es gab keine Rösser mehr in Ottos Bauernhof zu bewundern. Wo sie einst standen, ist nun ein sehenswertes Bauernmuseum mit all den Gerätschaften aus einer längst vergangenen Zeit zu bestaunen.
Um die 3000 genau verzeichnete Exponate sind dort zu erblicken. Es ist ein Glücksfall, dass es sie noch zu bestaunen gibt: Vor fast genau drei Jahren wäre die Scheune beinahe abgebrannt, als das Nachbarhaus in Flammen stand. Otto Rückert erwähnte in diesem Zusammenhang dankbar das entschlossene Eingreifen der Weigenheimer Feuerwehr.
Der Geschichts- und Brauchtums- Stammtisch war die erste Gruppe, die Otto Rückert nach der Reparatur des Gebäudes wieder in seinem Bauernhofmuseum willkommen hieß. Nach der von der Familie Rückert bereitgestellten Brotzeit bedankte sich Gertraud Nöth folgerichtig vor allem bei ihren Gastgebern. „Der Muggefugg,“ so sagte die Vereinsvorsitzende beim Abschied „hätte eigentlich das Zeug dazu, zu einem echten „superfood“ zu werden – er ist gesund, kann nachhaltig hergestellt werden und beutet keine Kaffeebauern in vielen Teilen der Welt aus. Es bräuchte halt eine Influencerin im Netz, eine fetzige Verpackung und einen coolen amerikanischen Namen. Aber soweit wird es wohl nicht kommen, da haben schon die Kaffeeröstereien etwas dagegen.“