Trotz eines kurzzeitigen Anstiegs teils giftiger Substanzen im Grundwasser rund um die Gasbohrung in Reichling im August gibt es nach Ansicht des Bergamts Südbayern keinen Grund zur Sorge. „Aus keinem der bisherigen Untersuchungsergebnisse ergeben sich Anhaltspunkte für Gefahren für Mensch oder Umwelt. Anlass zur Änderung oder gar zum Widerruf bestehender Genehmigungen bestand daher nicht“, teilte die Aufsichtsbehörde auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur in München mit.
Derweil lehnte der Landtag mit den Stimmen von CSU, Freien Wählern und AfD wie erwartet den in einer Petition von Umweltverbänden geforderten generellen Bohr-Stopp ab. Bund Naturschutz in Bayern, Fridays for Future Bayern und Greenpeace Bayern hatten darin zudem gefordert, alle neuen Anträge zur Erdgasförderung im Freistaat im Interesse des Allgemeinwohls abzulehnen. Sie beriefen sich dabei auch auf mehr als 57.000 gesammelte Unterschriften.
Kürzlich war bekanntgeworden, dass bei Messungen laut Wasserwirtschaftsamt Weilheim ein signifikanter Anstieg von den Parametern von Zink, Barium und BTEX mit teils deutlicher Überschreitung der „Geringfügigkeitsschwellenwerte“ (GFS) festgestellt worden war. BTEX ist die Sammelbezeichnung für die leichtflüchtigen aromatischen Kohlenwasserstoffe Benzol, Toluol, Ethylbenzol und Xylole. Diese giftigen Substanzen sind Bestandteile von Treibstoffen, Lösemitteln und Farben, die Böden und Grundwasser verunreinigen können. Benzol ist zudem als krebserzeugend eingestuft. Auch Barium gilt als giftig.
Inzwischen gehen die Behörden davon aus, dass die Ursache „mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht auf einen aktuellen Eintrag zurückzuführen“ sei - also die neue Bohrung, heißt es in einem Schreiben des Bergamtes, welches der dpa vorliegt. Vielmehr stammten diese von einem „Schadstoffinventar“, welches sich seit der Bohrung 1983 an der identischen Stelle im Boden befunden habe.
„Insgesamt gaben und geben die Messergebnisse zu keinem Zeitpunkt Anlass zu Besorgnis“, urteilte das Bergamt. Das Trinkwasser von Reichling aus der Quelle Erbistal und die umliegenden relevanten Messstellen würden weiterhin entsprechend den Auflagen „regelmäßig untersucht“ und die Untersuchungsergebnisse durch ein unabhängiges Sachverständigenbüro sowie die Fachbehörden bewertet. „Die Messergebnisse lagen und liegen ausnahmslos weit unter jedem relevanten Grenzwert.“
Dies gelte auch hinsichtlich besagter Messung im August 2025, als ein „kurzzeitiger Anstieg“ der Parameter Barium, Zink und BTEX zu verzeichnet wurde. „Auch diese Messergebnisse bewegten sich immer noch weit unterhalb jedes relevanten Grenzwerts und gingen in kürzester Zeit auch wieder auf diejenige Schwankungsbreite zurück, innerhalb derer sich die Messergebnisse schon vor Beginn der Bohrung konstant bewegten“, betonte das Bergamt.
Entwarnung gab es seitens des Bergamts auch hinsichtlich einer vom Wasserwirtschaftsamt bemängelten ungenügenden Übermittlung von Messergebnissen samt Bewertungen des Sachverständigen. Ferner seien alle fehlenden Unterlagen umgehend nachgereicht worden.
Weniger beruhigend ist aber ein anderes Detail: Das Grundwasser im Umfeld der Gasbohrung bewegt sich viel schneller als angenommen. „Derzeit wird von einer Grundwasser-Fließgeschwindigkeit von 10 Metern pro Tag ausgegangen“, teilte das Bergamt mit. Im Trinkwasser-Notfallkonzept war noch eine Fließgeschwindigkeit von nur einem Meter pro Tag angenommen worden, zwischenzeitlich hatte das Wasserwirtschaftsamt Weilheim nach Messungen eine Geschwindigkeit von mindestens drei Metern pro Tag errechnet.
Die Fließgeschwindigkeit ist eine wichtige Kenngröße für Schutzmaßnahmen an der Trinkwasserquelle. Je schneller das Wasser fließt, desto kürzer wäre im Falle von Verunreinigungen durch die Bohrung der Zeitkorridor für einen Eingriff. Die Trinkwasserquelle ist rund 720 Meter vom Bohrloch entfernt - dies bedeutet, dass Schadstoffe schon nach 72 Tagen die Quelle erreichen könnten. Bisher hatte es immer geheißen, dass dies knapp zwei Jahre dauern dürfte.
Das Notfallkonzept setzt weiterhin im Falle einer Verunreinigung der Quelle auf eine „mittelfristige Versorgung“ durch Tankwagen. Der mittlere Tagesbedarf könne über zehn Pendelverkehrsfahrten mit einem einzigen Tankwagen bewerkstelligt werden. Für Spitzenverbräuche sei ein weiterer Tankwagen erforderlich. Diese Lösung ist aber nicht unumstritten - da etwa aus hygienischen Gründen keine Milchtankwagen einfach umgewidmet werden könnten. Für eine längerfristige Versorgung präferiert das Gesundheitsamt Landsberg am Lech daher eine „leitungsgebundene Wasserversorgung“, wie es in einem internen Schreiben an das Bergamt heißt,
Die Suche nach Erdgas in Reichling war fortwährend von massiver Kritik von Anwohnern begleitet worden. Von Anfang an hatte es etwa die Sorge gegeben, dass die Trinkwasserquelle verunreinigt werden könnte. Hinter den Förderplänen steht die Energieprojekt Lech Kinsau 1 GmbH. Nachdem die Probebohrung im September 2025 abgeschlossen werden konnte, laufen derzeit Untersuchungen zur Wirtschaftlichkeit des Projektes. Das Unternehmen plante bisher eine Gasförderung über 10 bis 15 Jahre. Es wird eine Gasmenge von 400 bis 500 Millionen Kubikmetern vermutet.
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