Der Sommer war heiß, doch Lukas Aue hat ihn im Schnee verbracht. Nicht im echten Schnee, sondern in einer Theater-Winterlandschaft. Die war auf der Seebühne in Bregenz aufgebaut, für Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“. Lukas Aue, in Ansbach und Umgebung als Akrobat und Schauspieler bekannt, war Stuntman bei der spektakulären Produktion.
Mehr als 193.000 Menschen haben die opulente Inszenierung von Regisseur Philipp Stölzl auf dem See gesehen – in 28 ausverkauften Vorstellungen. Gespielt wurde zwischen Mitte Juli und Mitte August an sechs Abenden pro Woche. Lukas Aue hatte danach nur einen einzigen Tag Zeit zur Erholung, ehe er wieder an der Rezat statt am Bodensee auf der Bühne stand.
Der 42-Jährige ist regelmäßig in Produktionen des freien Ansbacher Theaterensembles Spiel.Werk zu erleben, zuletzt in dem Tanztheaterstück „Mond.Masse.Mensch“. Auch bei den Rokoko-Festspielen trat er schon öfter auf und im Theater Ansbach, etwa in Handkes „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“.
Bei den weltberühmten Bregenzer Festspielen, die jeden Sommer Zehntausende Besucher locken, war Lukas Aue erstmals in den Jahren 2020 und 2021 engagiert: als Akrobat in Verdis Oper „Rigoletto“, die in der Inszenierung ins Zirkusmilieu verlegt worden war. Ein gigantischer Clownskopf, der nach und nach zerfiel, hatte das Bühnenbild geprägt.
Beim „Freischütz“ in Bregenz, der nächsten Sommer erneut mehrere Wochen lang gegeben wird, ist die Bühne in frostigen Farbtönen gehalten und voller grusliger Symbole. Kahle Bäume, Eisschollen neben Grabsteinen, Särge und windschiefe Häuser, eine Unglücksmühle, ein Skelettpferd, eine im Wasser lauernde monströse Schlange, ein riesiger Vollmond und noch viel mehr schaurig Schönes gibt es zu entdecken. Ein kalter, böser Ort mitten im Hochsommer für eine fantastische Opern-Horror-Show.
Lukas Aue schlüpfte als Stuntman in die Rolle einer lebenden Wasserleiche. Mit einer scheußlichen Maske tauchte er neben mehreren untoten Kumpanen in der wichtigsten Szene der Oper auf: in jenem dramatischen Moment, als der Jäger Kaspar, der seine Seele verkauft hat, in der Wolfsschlucht die sieben Freikugeln gießt. Kugeln, die immer ihr Ziel treffen – doch die Letzte lenkt der Teufel.
Das Auftauchen ist wörtlich gemeint, denn die schauderhaften Wasser-Zombies erheben sich in der Inszenierung aus einem Bassin mit Eisschollen im vorderen Teil der Bühne. Sie kriechen und wanken durch das düstere Becken, um schließlich auf eine von dem Skelettpferd gezogene Kutsche zu steigen. Dazu lodert Höllenfeuer im Wasser, der Mond wird zum Totenschädel, Wölfe heulen, Raben krächzen, Nebel wabert und die Winterlandschaft färbt sich grellpink, giftig grün und gespenstisch blau.
„Die Wolfsschlucht-Szene ist das Kernstück in der Oper, und bei jeder Kugel, die erschaffen wird, passiert in Philipp Stölzls Inszenierung etwas Diabolisches auf der Bühne“, erzählt Lukas Aue. „Dazu gehört eben auch das Auftauchen der Wasserleichen. Was meine Kollegen und ich in der Szene machen, ist sehr körperlich, sehr akrobatisch – die Wasserleichen sind also ziemlich lebendig.“
Das Wasserbecken auf der Bühne im See, aus dem sich die Untoten erheben, ist eine Besonderheit bei der „Freischütz“-Produktion: Die Darstellerinnen und Darsteller waten darin herum oder stürzen in die tieferen Zonen hinein, schwimmen und tauchen auch.
Wie ist das Gefühl, ständig nass zu sein, vor allem an kühlen Abenden? Die Vorstellungen beginnen erst gegen 21 Uhr, wenn es dunkel wird. „Wir haben Neoprenanzüge unterm Kostüm getragen“, verrät Lukas Aue. „Ich hatte mehrere Schichten, die ich je nach Wetter anziehen konnte. Wenn es warm war, habe ich oft nur eine Neoprenhose genommen, die die Knie bedeckte. Das war praktisch, weil ich ziemlich viel auf dem harten Boden im Becken robbte, wobei die Hose ein guter Schutz war.“
Auch in anderen Szenen hatte Aue zu tun. Er gehörte zum Beispiel zu den Trägern eines Sarges, was erstmal nicht so spannend klingt, aber doch herausfordernd war. Denn die Bühne ist im oberen Bereich abschüssig und unwegsam, so dass Stuntleute eingesetzt wurden, um den Sarg, in dem eine Darstellerin lag, heil nach unten zu hieven.
Außerdem war der Akrobat Teil des wütendenden Mobs, der den Protagonisten Max an einem Baum aufknüpft. An dem Henkersstrick hing ebenfalls ein Stuntman, sicher befestigt an einem unterm Kostüm verborgenen Klettergurt.
Für den „Freischütz“ – und auch für „Rigoletto“ – engagiert wurde Lukas Aue über eine Stunt-Firma in Liverpool. Er reiste eigens nach England, wo beim Casting unter anderem in einem Schwimmbad getaucht werden musste. „Es ging darum, wie wir uns im Wasser bewegen.“
Die Stimmung im internationalen Team der 22 Stuntfrauen und -männer und im gesamten Ensemble mit den Opernsängerinnen und -sängern sei hervorragend gewesen, sagt Aue. „Wir haben in einem unglaublich tollen Team gearbeitet, mit sehr angenehmen Kolleginnen und Kollegen.“ Wer bei der Wiederaufnahme nächsten Sommer dabei sein wird, steht noch nicht fest. „Wir haben erstmal einen Vertrag für ein Jahr.“
Und wie fühlt es sich an, auf der Seebühne vor 7000 Zuschauern zu spielen? „Das ist natürlich toll, aber ich hatte diesmal ziemlich viel Distanz zum Publikum. Bei ,Rigoletto‘ bin ich mehr an der Rampe herumgeturnt“, schildert der Akrobat. „Nach den Wochen in Bregenz genieße ich es jetzt total, in Ansbach wieder in kleinerem, persönlichen Rahmen zu spielen, wo ich im Publikum manchmal fast jeden kenne.“
Dieses Wochenende steht Lukas Aue erneut im Tanztheaterstück „Mond.Masse.Mensch“ in der Spielstätte „Tanthe“ in der Nürnberger Straße in Ansbach auf der Bühne. Am 18. Oktober spielt er in Neuendettelsau in dem Erfolgsstück „Die Besteigung des Rum Doodle“. Und am 24. Oktober ist er dann in der Gumbertuskirche in einer Performance zu sehen – zusammen mit einer Kollegin aus Bregenz, der britischen Tänzerin Bethany Edward.
„Der Freischütz“ bei den Bregenzer Festspielen ist wieder ab 17. Juli 2025 zu erleben. Die Bühne am Bodensee in Österreich kann auch außerhalb der Spielzeit bestaunt werden.