Historischer Wahlabend in München: Dominik Krause jubelt als erster grüner Oberbürgermeister – und Amtsinhaber Dieter Reiter (SPD) muss nach zwölf Jahren den Chefsessel im Rathaus räumen. „Ich hab's verbockt, es ist meine Schuld“, gesteht der 67-Jährige ein. Es ist eine bittere Niederlage mit Folgen. „Das ist heute der letzte Tag meiner politischen Karriere, das war's von mir, vielen Dank“, sagt Reiter und verlässt die Wahlparty im Oberangertheater.
Nicht nur für Reiter persönlich bedeutet dieser Abend eine bittere Niederlage - auch für seine Partei. Seit 1948 war fast immer ein Sozialdemokrat Münchner Oberbürgermeister - mit Ausnahme der Jahre 1978 bis 1984, als CSU-Mann Erich Kiesl den Posten innehatte. Jetzt zieht zum ersten Mal ein Grüner als Chef ins Münchner Rathaus, bislang Regierungspartner von Reiters SPD.
„Es ist wirklich irre“, sagt der Mann, der Geschichte geschrieben hat an diesem Abend - und von seinen Anhängern entsprechend gefeiert wird. „Es ist der Wahnsinn!“ Krause dankt auf der Wahlparty seiner Partei vielen Menschen - und als Allererstem seinem Konkurrenten. Dafür, dass dieser die Stadt zwölf Jahre geführt habe, und „für einen fairen und sachlichen Wahlkampf“. „Wir haben gezeigt, wie Politik ausschauen kann. Vielen Dank an Dieter Reiter.“
Krause spricht von einer Sensation, einem historischen Ergebnis - und schickt dann einen Dank an seinen Verlobten, „an die Liebe meines Lebens, ohne die all das nicht möglich war – lieber Sebi, danke schön“. Er wolle sich „mit der notwendigen Demut und Respekt vor diesem Amt“ seiner Arbeit widmen. „Vielen Dank München für dieses große Vertrauen. Ich fühle mich sehr geehrt“, sagt er - und dass die Arbeit jetzt erst losgehe. Aber an diesem Abend solle gefeiert werden: „Lasst uns richtig fett Party machen.“ Es gibt eine Runde Prosecco für alle.
Reiter muss nun nach zwölf Jahren an der Stadtspitze erst mal seine Niederlage verarbeiten. Zu tief saßen bei den Wählerinnen und Wählern offenbar Frust und Ärger. Etwa darüber, wie er mit seiner Tätigkeit für den FC Bayern umgegangen war, erst als Verwaltungsbeirat, im Februar dann auch als Aufsichtsrat. Posten, die er sich nicht vom Stadtrat hatte genehmigen lassen. Und das, obwohl er dafür über mehrere Jahre hinweg Geld erhielt.
Kurz vor dem ersten Wahlgang 8. März geriet Reiter damit in die Schlagzeilen und fiel in der Gunst der Wähler gewaltig. Bei der Wahl erreichte er nur 35,6 Prozent, rund zwölf Prozentpunkte weniger als 2020. Krause dagegen kam auf 29,5 Prozent und zwang den Amtsinhaber somit in die Stichwahl.
Reiter zog die Notbremse, legte die Posten beim FC Bayern nieder und erklärte, die dafür erhaltenen 90.000 Euro zu spenden. Das Vertrauen der Menschen sei ihm wichtiger als Mandate oder Vergütungen, erklärte der 67-Jährige. Mit roten Rosen und Verweis auf zwölf erfolgreiche Amtsjahre warb er um die Gunst der Münchner - aber offenbar reichte das nicht. Ein bitterer Abend sei das für ihn und für seine SPD, die „grandios“ mit ihm um den Wahlsieg gekämpft habe. Aber: „Es ist mir nicht gelungen, diesen Trend umzukehren.“
Auch bei der Bayern-SPD ist man enttäuscht. Diese Niederlage sei „hausgemacht“, „bedauerlich“ und „sehr bitter“, sagte Landeschef Sebastian Roloff. Das strahle über München hinaus.
Doch trotz aller Enttäuschung gab sich Reiter als fairer Verlierer und gratulierte Krause „ganz herzlich“. „Lieber Dominik, ich wünsche dir persönlich alles, alles Gute, ich wünsche dir eine glückliche Hand für meine Heimatstadt, für München“, erklärte Reiter, der dann fast wehmütig wurde. „Es war mir eine Ehre, hier in dieser Stadt Oberbürgermeister sein zu dürfen“, gestand er. „Danke, liebe Münchnerinnen und Münchner, für zwölf tolle Jahre.“
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