Ein ehemaliger Hausmeister ist Mitte Oktober wegen sexueller Belästigung am Reichsstadt-Gymnasium verurteilt worden. Die Schulfamilie ist seitdem verunsichert, besorgt und hat Fragen. Auch, weil viele erst aus der Zeitung von der Sache erfuhren. Jetzt hat sich der Schulleiter auf Fragen der Redaktion schriftlich geäußert.
Für den Amtsrichter in Ansbach war die Sache klar. Er glaubte den Schülerinnen, die als Zeuginnen aussagten, und sagte bei der Verkündung des Urteils im Gerichtssaal: „All diese Gefühle, all diese Eindrücke, die sie geschildert haben: Das ist nicht erfunden.” Der Angeklagte habe „immer häufiger Situationen herbeigeführt, die für die jungen Frauen unangenehm waren”.
Konkret wurde der 64-jährige, jetzt ehemalige Hausmeister der Schule wegen eines Vorfalls von sexueller Belästigung einer Schülerin zu einer Geldstrafe verurteilt. Allerdings stellte sich während des Prozesses heraus, dass es über mehrere Jahre Grenzüberschreitungen gegenüber Schülerinnen von ihm gab, die gerade so nicht strafrechtlich relevant waren.
Während der Richter also den Schülerinnen glaubte, hatte die Schulleitung vorher an den Mädchen gezweifelt, die Beschwerden gegen den eigentlich beliebten Hausmeister vorgebracht hatten.
Diese Geschehnisse haben die Schulfamilie verunsichert. Auch deshalb, weil viele – sowohl Schülerinnen, Schüler, Eltern und Erziehungsberechtigte – wohl erst durch unsere Zeitung davon erfuhren. Nach der Veröffentlichung und damit nach dem Prozess habe es mehrere Tage lang vonseiten der Schulleitung keinerlei Information gegeben, kein Gespräch, keinen Elternbrief, wie mehrere Eltern berichten. Wenn Schülerinnen und Schüler nachhakten, bekamen sie wohl keine Antwort. Auch einen „Maulkorb” soll es nach einer außerordentlichen Lehrerversammlung zum Thema angeblich gegeben haben.
Die Redaktion hat bei der Schulleitung nachgefragt. Schulleiter Thomas Knäulein hat auf den Fragenkatalog der Redaktion ausführlich schriftlich geantwortet; zum Thema „Maulkorb” schreibt er zum Beispiel: „Im Rahmen einer außerordentlichen Lehrerkonferenz wurden die Kolleginnen und Kollegen über den Sachstand, das Gerichtsverfahren und die geplanten Maßnahmen zum Schutzkonzept informiert. Lehrerkonferenzen sind generell nicht öffentlich und das, was dort besprochen wird, unterliegt der dienstlichen Verschwiegenheitspflicht. Im Interesse einer sachgerechten Aufarbeitung an der Schule wurde Wert darauf gelegt, dass die Kommunikation an die Mitglieder der Schulgemeinschaft Aufgabe der Schulleitung und nicht der einzelnen Lehrkräfte ist.”
Eine „Aufarbeitung der Vorfälle” habe in allen Gremien der Schulgemeinschaft bereits begonnen, schreibt er weiter, und „wird durch die Schulleitung intensiv weiterverfolgt”. Knäulein: „Besonders wichtig waren mir dabei unter anderem die Jahrgangsstufenversammlungen, die in den letzten Tagen durchgeführt wurden, um der jeweiligen Altersstufe entsprechend den richtigen Ton finden zu können.”
Die Redaktion hat auch gefragt, ob er jetzt etwas in der Schule ändern möchte oder dies schon hat. Die Antwort: „Wir bemühen uns nach Kräften um Transparenz und auch um selbstkritische Aufarbeitung. Den besagten Vorfall nehmen wir zum Anlass, um die bereits begonnene Arbeit am ‚Schutzkonzept gegen sexualisierte Gewalt‘ intensiv voranzutreiben.” So werde am unterrichtsfreien Buß- und Bettag das Schutzkonzept in den Mittelpunkt des „Pädagogischen Tages“ gestellt werden.
Hier erhält die Schule „professionelle Unterstützung” von Rauhreif, dem Verein, der Menschen im Landkreis Ansbach bei sexualisierter Gewalt beisteht. Der Verein werde das Lehrerkollegium bei der Umsetzung des Schutzkonzepts beraten.
Weiter schreibt der Schulleiter: „Die Einbindung von Schüler- und Elternschaft soll dafür sorgen, dass künftig für Fälle dieser Art Präventionsmaßnahmen und Handlungsleitlinien festgelegt sind, damit unsere Schule ein noch sicherer und geschützterer Ort wird. Wir unternehmen alles, dass eine vergleichbare Situation nicht mehr vorkommt.”
Auf die Frage, ob es für die Schülerinnen und Schüler offizielle Anlaufstellen bei Belästigung und Mobbing gibt, antwortet er, das Reichsstadt-Gymnasium nehme „den Schutz seiner Schülerinnen und Schüler sehr ernst”. Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner für Sorgen und Konfliktfälle seien „neben den Klassenlehrkräften die pädagogischen Koordinatoren der Unter-, Mittel- und Oberstufe, die durch die Schülerinnen und Schüler gewählten Verbindungslehrkräfte, der Beratungslehrer, die Schulpsychologin und die Schulleitung”.
Für jene, die sich lieber außerhalb der Schule Hilfe holen möchten, „hängen an verschiedenen, auch geschützten Stellen des Reichsstadt-Gymnasiums, wie zum Beispiel Toiletten, die Kontaktdaten und QR-Codes verschiedener Beratungsangebote, zum Beispiel der Telefonseelsorge, des Krisendienstes Mittelfranken, des Hilfetelefons ‚Hilfe suchen, hilft!‘ sowie der ‚Nummer gegen Kummer‘ aus”.
Die Redaktion hat ihn außerdem gefragt: Warum haben Sie an dem Bericht der Schülerinnen gezweifelt? Vor allem vor dem Hintergrund, dass sich Lehrkräfte in der gleichen Thematik bereits an Sie gewandt hatten und es einen Beschwerdebrief eines Vaters gab?
Dazu äußert sich der Schulleiter so: „Ich bin unmittelbar, nachdem ich über die Vorwürfe gegenüber dem Mitarbeiter der Schulverwaltung informiert wurde, auf die betreffende Person zugegangen und habe ihn zu den im Raum stehenden Aussagen konfrontiert. Diese hat er vehement und mit Nachdruck abgestritten. Die angesprochene Beschwerde eines Vaters erfolgte etwa im ersten Schulhalbjahr 2023/24 und stand nicht im Zusammenhang mit den zuvor vorgebrachten Vorwürfen. Ich nahm jedoch die Beschwerde zum Anlass, mit dem Mitarbeiter ein abmahnendes Dienstgespräch zu führen.”
Auf die Frage, ob er im Nachhinein glaubt, er hätte sich an einer bestimmten Stelle anders verhalten sollen, schreibt er: „Die Schulleitung hat versucht, in der jeweiligen Situation unter sorgfältiger Abwägung aller ihr zur Verfügung stehenden Informationen nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln.”
Deutlicher und vor allem persönlicher formuliert er in einem Brief, der mit Datum 31. Oktober 2025 an alle Eltern und Erziehungsberechtigten ging und der Redaktion mehrfach vorliegt. Hier schreibt er unter anderem: „Wir bemühen uns nach Kräften um Transparenz und auch um selbstkritische Aufarbeitung. Ich bedauere zutiefst und es belastet mich persönlich sehr, dass es überhaupt zu Vorfällen dieser Art kommen konnte. Auch wenn ich versucht habe, jeweils situationsangemessen und unter sorgfältiger Abwägung aller mir zur Verfügung stehenden Information nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, muss ich mich rückblickend doch der Frage stellen, ob nicht konsequenteres Handeln angebracht gewesen wäre. Das Reichsstadt-Gymnasium nimmt den Schutz seiner Schülerinnen und Schüler sehr ernst. Es hat sich aber gezeigt, dass die Schule auf den Umgang mit der Thematik ‚sexualisierte Gewalt‘ zu wenig vorbereitet ist.”