Mehr als 80 Jahre nach Ende des NS-Terrors zeigt sich der Antisemitismus in Deutschland dröhnend laut. Dies prägte die Gedenkstunde anlässlich der Reichspogromnacht in Ansbach. Mahnend wandte sich Dr. Josef Schuster an die Gäste. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland war Hauptredner.
Die Reichspogromnacht sorgte im nationalsozialistischen Deutschland in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 für Schrecken. Die Stadt erinnerte am Mittwochabend mit den evangelischen und katholischen Kirchengemeinden sowie dem Frankenbund daran.
Wegen der beschränkten Platzkapazität in der Synagoge und des großen Interesses an der Rede Josef Schusters fiel die Wahl diesmal auf die Karlshalle. Dies erklärte Pfarrer Reinhold Braun vom Katholischen Seelsorgebereich Ansbach Stadt und Land eingangs.
Mit Blick auf 1938 machte Oberbürgermeister Thomas Deffner deutlich: „Auch in Ansbach wurden in der Reichspogromnacht und den Tagen danach zahlreiche Verbrechen verübt.” Die heutige Zeit, nach dem Angriff der radikalislamischen Terrororganisation Hamas auf Israel, sprach er ebenso an: „Nach den Angriffen des 7. Oktobers 2023 hat sich der Antisemitismus in Deutschland ungehemmt Bahn gebrochen.”
Der OB ging auf das Hissen von Israels Flagge am Rathaus ein: „Ansbach bekennt sich zur Solidarität mit dem jüdischen Volk.” Daher sei es ihm im Mai auch möglich gewesen, Bundesaußenminister Dr. Johann Wadephul zu bitten, dass sich die Bundesregierung mit Nachdruck dafür einsetzt, die dramatische Lage für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen einzudämmen.
Als „Schicksalstag unseres Landes” bezeichnete Josef Schuster den 9. November 1938, „an dem die Nationalsozialisten alle Masken fallen ließen”. Für Jüdinnen und Juden war dies laut seinen Worten der Beginn der sichtbaren Vernichtung ihres Lebens in Deutschland. Viel zu viele nichtjüdische Nachbarinnen und Nachbarn hätten sich entschieden zu schweigen oder gar mitzulaufen.
Der Präsident des Zentralrats ging auf die Stadt ein, in der er zu Gast war: „Dass die Synagoge nicht lichterloh brannte, änderte nichts an der Tatsache, dass das jüdische Leben in Ansbach vernichtet werden sollte.”
„Wer heute sagt, er hätte damals anders gehandelt, muss sich fragen lassen: Wie handeln wir heute, wenn Hass und Hetze wieder um sich greifen?” Positiv dagegen hob er das Dokumentationszentrum „Familiengeschichten – jüdisches Leben in Colmberg“ hervor.
Ansbach habe sich ebenfalls „der Geschichte gestellt, sei es auch in manchen Bereichen etwas später, vielleicht etwas spät”. Er erinnerte daran, dass sich der Stadtrat erst 2021 ausdrücklich von der Praxis während der NS-Zeit distanzierte, Ehrenbürgerwürden zu verleihen. Dies sei wohl mit Thomas Deffners Verdienst.
Für zu viele ist das geflügelte Wort „Nie wieder” Josef Schusters Ansicht nach nicht mehr als eine Floskel, hinter der man sich verschanzen kann, um für den Rest des Jahres unverdächtig zu sein. Er nannte Beispiele dafür, wo man jüdische Menschen ausgrenzt und ermordet. „Über allem türmt sich der 7. Oktober 2023 auf, das größte Massaker an Juden seit der Shoah.”
Hier Solidarität zu zeigen, sei allerdings für viele in der Gesellschaft mehr ein notwendiger Akt gewesen. Das Hissen der israelischen Flagge in Ansbach und ihr Verbleib am Rathaus, solange noch Geiseln in der Hand der Hamas waren, sei indes ein gegenteiliger Beweis.
Und: „Es schmerzt, dass Äußerungen des Kanzlers zum Stadtbild deutscher Großstädte Demonstrationen hervorrufen, während die antisemitischen Übergriffe, die sich in denselben Großstädten ereignen, mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen werden.”
Selbstberufene Feministinnen täten sich in einem Brandbrief an Friedrich Merz zusammen, während die massenhaften und gezielten Vergewaltigungen der Hamas an Jüdinnen für die allermeisten von ihnen nicht mehr als eine Fußnote seien. „Wer Haltung zeigen will, muss dies jetzt tun”, rief Josef Schuster angesichts des Antisemitismus auf. „Die Erinnerung an 1938 verpflichtet uns, 2025 nicht zu versagen.”
Die „beeindruckenden und auch mahnenden Worte” Josef Schusters berührten die evangelische Regionalbischöfin Gisela Bornowski sehr, und sie machten sie betroffen, wie sie darlegte. „Viele Mitglieder unserer evangelischen Landeskirche in Bayern haben damals, 1938, leider auch geschwiegen.”
Für „einen sicheren Ablauf” hatte die Stadt den Kreis der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf geladene Gäste beschränkt: rund 120 Anwesende, schätzte Stefan Guggenberger vom Geschäftsbereich Oberbürgermeister.
Die Musiklehrerinnen Barbara Henzold (Violine) und Barbara Wiesneth (Klarinette) sowie Musiklehrer Stefan Hofmann (Klavier und Cello) vom Theresien-Gymnasium umrahmten den Abend. In der Synagoge hatte Josef Schuster mit dem Oberbürermeister sowie Vertreterinnen und Vertretern der Kirchengemeinden und des Frankenbundes vor der Gedenkstunde Kränze niedergelegt. Außerdem trug er sich ins Goldene Buch der Stadt ein.