Erfolgsstory aus Dietersheim: Parkinson-Patientin nutzt Tischtennis-Therapie | FLZ.de

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Veröffentlicht am 02.01.2025 17:10

Erfolgsstory aus Dietersheim: Parkinson-Patientin nutzt Tischtennis-Therapie

Aktuell hat Anke Leidenberger ihre Parkinson-Erkrankung ganz gut im Griff. Sie kann deshalb uneingeschränkt ihrem Hobby Tischtennis frönen. (Foto: Jürgen Binder)
Aktuell hat Anke Leidenberger ihre Parkinson-Erkrankung ganz gut im Griff. Sie kann deshalb uneingeschränkt ihrem Hobby Tischtennis frönen. (Foto: Jürgen Binder)
Aktuell hat Anke Leidenberger ihre Parkinson-Erkrankung ganz gut im Griff. Sie kann deshalb uneingeschränkt ihrem Hobby Tischtennis frönen. (Foto: Jürgen Binder)

Anke Leidenberger ist tischtennisverrückt. So sie Zeit und einen Spielpartner hat, geht das oft über Stunden. Der schnelle Sport wurde zu einem wichtigen Teil ihres Lebens. Er macht der Stettbergerin nicht nur Spaß, sondern erfüllt auch therapeutische Zwecke: Die 40-Jährige hat Parkinson und kommt damit durch Tischtennis besser klar.

Das mag überraschend klingen, denn bei Parkinson denken viele an typische Symptome wie Muskelzittern bis hin zur Erstarrung und einen insgesamt verlangsamten Bewegungsapparat, während Tischtennis doch gerade von Schnelligkeit und Präzision bei der Schlägerführung lebt. Und in der Tat hatte auch Anke Leidenberger schon üble Krankheitsphasen, in denen an die Ausübung dieses Sportes nicht zu denken gewesen wäre. Aber wenn es ihr – wie seit einigen Monaten der Fall – stabil gut geht, weil die Medikation funktioniert, kann sie es in Sachen Tischtennis mehr oder weniger uneingeschränkt krachen lassen.

Die Verschlechterung verlangsamt sich

Dazu muss man wissen, dass die therapeutische Wirkung dieser Sportart bei Parkinson wissenschaftlich untersucht wurde – mit positivem Ergebnis. Demnach spricht viel dafür, dass sich durch intensives Tischtennisspielen die eigentlich programmierte Verschlechterung der Parkinson-Symptome zumindest verlangsamen lässt. Weil das so ist, gibt es für Parkinson-Betroffene inzwischen auch institutionelle Angebote zur therapieorientierten Ausübung dieser Sportart. Das Programm heißt PingPongParkinson, kurz PPP.

Deutschlandweit gibt es inzwischen rund 200 PPP-Stützpunkte, an denen Menschen mit dieser Krankheit durch gezieltes Tischtennis-Training ihre Lebensqualität verbessern können. Einer davon wurde 2022 beim SC Dietersheim (Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim) angesiedelt. Anke Leidenberger gehört dort zum Leitungsteam.

Mehrmals pro Woche schwingt sie in Dietersheim den Schläger und nimmt regelmäßig auch an Turnieren teil – dies mit beeindruckendem Erfolg. So kehrte das Dietersheimer PPP-Team um die 40-jährige Stettbergerin vor einigen Monaten von den German Open mit diversen Medaillen zurück. Der Stützpunkt in Dietersheim, wo inzwischen rund 20 Parkinson-Betroffene regelmäßig den Sport ausüben, ist bislang der einzige dieser Art in Westmittelfranken.

Im Landkreis Ansbach hat PPP noch Nachholbedarf

Im Kreis Ansbach herrscht diesbezüglich noch Nachholbedarf. Anke Leidenberger möchte das ändern und hofft hier auf Unterstützung von Vereinen mit Tischtennis-Abteilungen. Dass ein solcher Treffpunkt in Rothenburg, Ansbach, Feuchtwangen oder Wassertrüdingen guten Zulauf hätte, davon ist sie überzeugt, denn die Zahl der Parkinson-Erkrankungen steigt kontinuierlich, gerade auch bei jüngeren Leuten.

Leidenberger hatte diese Diagnose vor drei Jahren bekommen. Natürlich war das ein Einschnitt, aber nicht unbedingt ein Schock, denn dass etwas nicht stimmt mit ihrem Körper, war da längst klar. Schon Jahre zuvor hatte sie unter massiven Erschöpfungszuständen und Schmerzen gelitten, was sich immer stärker auf den Alltag auswirkte. Als alleinerziehende Mutter eines damals noch sehr kleinen Jungen, der inzwischen elf ist, und in ihrem Job als Sozialpädagogin in einem Bad Windsheimer Seniorenheim war sie gefordert, stieß aber wegen der immer heftiger werdenden Schübe zunehmend an ihre Grenzen.

Die medizinischen Untersuchungen, denen sich Anke Leidenberger unterzog, brachten keine Klarheit. Zeitweise wurden eine rheumatische Erkrankung oder Multiple Sklerose für möglich gehalten, bis eine Magnetresonanztomografie (MRT) in Würzburg den dortigen Arzt auf die richtige Spur brachte: eben auf Parkinson. „In meiner Situation war das damals gut“, erzählt die 40-Jährige: „Ich dachte mir: Endlich ist klar, wo man anpacken kann.“

Der Körper streikte schon lange vorher

Es folgten Aufenthalte in Fachkliniken zur Einstellung der Medikation. Bei Parkinson streikt vor allem die körpereigene Dopaminproduktion. Das muss durch die Einnahme entsprechender Arzneimittel ausgeglichen werden. Ein Plan für den Umgang mit der Krankheit im Alltag wurde entwickelt. Ein wichtiger Bestandteil war von vorn herein aktive sportliche Betätigung.

Anke Leidenberger gewöhnte sich gut ein in ihrem Leben als Parkinson-Betroffene. Es gab aber auch Krisen, vor allem ausgelöst durch private Schicksalsschläge. Ihr Vater starb, und ihre Mutter erkrankte schwer. „Solcher Stress ist der Killer“, sagt die 40-Jährige. Im Frühjahr 2024 hatte sie die letzte heftige Phase dieser Art. Es folgte ein Aufenthalt in einer Spezialklinik. Seither passt es wieder. Anke Leidenberger kann ganz regulär ihren Job ausüben und uneingeschränkt ihrer Tischtennis-Passion frönen, die umgekehrt natürlich auch prophylaktisch wirkt.

Da trifft es sich gut, dass ihr Lebensgefährte Gunnar Sahr ebenfalls leidenschaftlich gerne Tischtennis spielt. Kennengelernt haben sich die beiden über einen Internetaustausch zum Thema Parkinson, denn der 51-Jährige, der ursprünglich aus Brandenburg stammt und in seiner Jugend ein ziemlich ambitionierter Zehnkämpfer gewesen war, ist ebenfalls ein Betroffener. Bei ihm war die Erkrankung schon vor 22 Jahren festgestellt worden. Er lebt inzwischen mit Anke Leidenberger in Stettberg zusammen und fährt mit ihr regelmäßig zum Trainieren nach Dietersheim oder auch zu Turnieren.

Lebensgefährte teilt die Passion

In ihrem Verhalten am Pingpong-Tisch unterscheiden sich die beiden. Während Gunnar Sahr seine Stärken eher im gezielten taktischen Agieren sieht, geht Anke Leidenberger meistens voll drauf und möchte so schnell wie möglich den Punkt machen. Wenn es läuft, dann will sie auch immer weiterspielen: „Ich kann nicht aufhören. Das ist speziell“, sagt die 40-Jährige und schmunzelt.

Schnelle Bewegungen sind beim Tischtennis normalerweise sehr förderlich, wenngleich risikoreiches Spiel auch die Gefahr von Punktverlusten erhöht. In jedem Fall seien sie aber für Parkinson-Betroffene „ein Patentrezept“, betont Anke Leidenberger. Deswegen werde Patienten, die noch relativ jung sind, auch dynamisches Tanzen als Therapiemaßnahme empfohlen.

Und komme es im Alltag zu den für die Krankheit typischen Bewegungsblockaden, „dann kann es helfen, etwas zu singen“, erzählt die 40-Jährige. Es gehe in solchen Momenten darum, nicht zu viel nachzudenken und diese Erstarrung „zu überlisten“, sagt sie. Nicht allzu viel nachzudenken, das beschreibt aber auch ganz gut die Art, wie Anke Leidenberger Tischtennis spielt.

Wer in Sachen Parkinson und Tischtennis mit der Stettbergerin Kontakt aufnehmen möchte, kann das tun über die Mail-Adresse anke.leidenberger@pingpongparkinson.de.

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