Eine Tagung in Rothenburg dreht sich um frühere Reichsstädte | FLZ.de

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Veröffentlicht am 01.05.2024 10:00

Eine Tagung in Rothenburg dreht sich um frühere Reichsstädte

Im Rokokosaal des Wildbads lässt es sich gepflegt tagen. Das Foto entstand bei der Begrüßungsansprache von Oberbürgermeister Dr. Markus Naser (links). Rechts neben ihm: Stadtarchivar Dr. Florian Huggenberger, der das Programm mitorganisiert hatte. (Foto: Jürgen Binder)
Im Rokokosaal des Wildbads lässt es sich gepflegt tagen. Das Foto entstand bei der Begrüßungsansprache von Oberbürgermeister Dr. Markus Naser (links). Rechts neben ihm: Stadtarchivar Dr. Florian Huggenberger, der das Programm mitorganisiert hatte. (Foto: Jürgen Binder)
Im Rokokosaal des Wildbads lässt es sich gepflegt tagen. Das Foto entstand bei der Begrüßungsansprache von Oberbürgermeister Dr. Markus Naser (links). Rechts neben ihm: Stadtarchivar Dr. Florian Huggenberger, der das Programm mitorganisiert hatte. (Foto: Jürgen Binder)

Am Mittwoch, 15. Mai, jährt sich zum 750. Mal die Verleihung des königlichen Freiheitsprivilegs, mit dem 1274 Rothenburgs Status als Reichsstadt zementiert wurde. Der Anlass wird mit einem Bürgerfest groß gefeiert. Wissenschaftlich gibt das Thema aber auch viel her, wie sich bei einer Tagung mit elf Fachvorträgen im Wildbad zeigte.

Dr. Florian Huggenberger und Tourismusdirektor Dr. Jörg Christöphler, die das zweitägige Symposium organisiert hatten, freuten sich über eine Besetzung mit internationalem Anstrich. Die weiteste Anreise hatte Dr. Joshua Hagen, der an der Universität des US-Bundesstaats Wisconsin lehrt und Rothenburg von einem hier vor über 20 Jahren absolvierten mehrmonatigen Studienaufenthalt kennt.

Mit dabei waren auch Professorin Dr. Anja Grebe von der Donauuniversität Krems in Österreich sowie Dr. Thomas Lau von der Universität der schweizerischen Stadt Fribourg. Weitere Fachreferenten reisten aus Dortmund, Regensburg, Stuttgart, Esslingen, Aachen und München an. Auch die reichsstädtische Nachbarschaft war vertreten, und zwar in Person des Dinkelsbühler Stadtarchivars Maximilian Mattausch.

Der Historiker im OB kam zum Vorschein

Die Begrüßung der Runde übernahm ein gelernter Wissenschaftler, der hauptberuflich inzwischen etwas völlig anderes macht. Die Rede ist von Oberbürgermeister Dr. Markus Naser, der vor seiner Wahl zum Rathauschef als Historiker an der Uni Würzburg gewirkt hatte. Die der Tagung als roter Themenfaden dienende Frage, wie es Orte mit reichsstädtischer Vergangenheit in der Moderne ergeht, sei „ein Herzensthema von mir“. In jedem Fall klar sei, dass das Prädikat Reichsstadt „nach wie vor grandios“ klinge, so Naser.

Den Reigen der Fachvorträge eröffnete mit Professor Dr. Karl Borchardt ein gebürtiger Rothenburger, der von 2001 bis 2007 auch das Stadtarchiv geleitet hatte und seither an einem in München ansässigen Institut zur Erforschung der Geschichte des deutschen Mittelalters tätig ist. Borchardt skizzierte unter anderem die territoriale Entwicklung der Reichsstadt Rothenburg, die ihre maximale Ausdehnung mit einer Fläche von 370 Quadratkilometern im Jahr 1406 unter dem Bürgermeister Heinrich Toppler erreichte.

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Nur Nürnberg und Ulm mit deutlich mehr Land

Deutlich mehr Territorium hätten unter den gut 80 Reichsstädten des Mittelalters nur Nürnberg (rund 1500 Quadratkilometer) und Ulm gehabt. Die meisten anderen seien kleiner gewesen als Rothenburg, sogar das wegen seiner Salzproduktion sehr reiche Schwäbisch Hall mit einer Maximalausdehnung von 350 Quadratkilometern, meinte er. Nach dem Sturz Topplers habe Rothenburg im Machtgefüge der Reichsstädte, Fürstentümer und Bistümer um seinen Status zu kämpfen gehabt. Es sei den Oberen aber gelungen, die Autonomie der Stadt zu wahren und das Territorium zusammenzuhalten.

Dr. Hartwig Kerksen berichtete aus der Historie eines Ortes, der heute als Fußball-Hochburg und Ruhrgebiets-Metropole bekannt ist, weniger als ehemalige Reichsstadt. Die Rede ist von Dortmund. Kerksen ist wissenschaftlicher Archivar des dortigen Stadtarchivs und erläuterte beispielsweise, dass sich für die westfälische Stadt nach der 1803 zu Ende gegangenen Reichsstadtzeit dieser frühere Status zunächst als Hemmnis einer modernen kommunalen Entwicklung erwiesen habe. Im Zuge der rasanten Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts seien die Relikte der Vergangenheit dann bis auf geringe Reste verschwunden.

Zur „nationalen Ikone“ geworden

Der US-amerikanische Wissenschaftler Dr. Joshua Hagen widmete sich in seinem Vortrag über das „Gesamtkunstwerk Rothenburg“ auch den gängigen Klischees, die der Stadt anhaften. Deren Wahrnehmung als romantisches und malerisches Kleinod des Mittelalters, das aus einem Dornröschenschlaf erweckt worden sei, habe bereits Mitte des 19. Jahrhunderts eingesetzt, erklärte er. Rothenburg sei in dieser Zeit zu einer Art „nationaler Ikone“ geworden.

Im Laufe der Jahrzehnte danach sei die Darstellung aber „immer wieder neu geschrieben“ worden. Daraus erkläre sich auch die Tendenz, das an alten Gebäuden vielfach unter Putz verschwundene historische Fachwerk wieder freizulegen. Neben dem Verschönerungsaspekt sei hierfür das Argument der Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands angeführt worden, so Dr. Hagen. Der Wissenschaftler wies noch auf die Theorie hin, wonach Rothenburg zur Reihe der „German Home Towns“ zählt, „bei denen fast jeder Deutsche das Gefühl hat, dass da seine Ursprünge als Deutscher liegen“.

Und wie ergeht es nun der alten Reichsstadt Rothenburg in der Moderne? Den Umständen entsprechend wohl gar nicht so schlecht.

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