Otto Jakobi feierte seinen 100. Geburtstag. Der Buchbinder mit Leib und Seele ging zwar 1989 offiziell in den Ruhestand, doch seine Handarbeit war weiterhin geschätzt. Erst vor vier Jahren hörte er endgültig mit der Arbeit auf.
Zufrieden blickt er auf sein Leben zurück. Er habe immer seinen Beruf ausüben können und habe Freude daran gehabt. Irgendwie wollte er 100 Jahre alt werden, erzählt er. Dadurch, dass er immer beschäftigt gewesen sei, seien die Jahre vorübergegangen und auf einmal sei er 90 gewesen. Gerne wäre er es mit einem Bruder zusammen geworden, doch dieser sei im Dezember 2021 im Alter von 96 Jahren gestorben. Die Frau seines Bruders ist ein klein wenig älter als er, im Januar wurde sie 101 Jahre. „Ich bin jetzt der Zweite in der Familie mit 100 Jahren“, freut er sich.
Am 2. April 1926 kam er gegenüber der Jakobskirche auf die Welt. Mit seinen drei Brüdern wuchs er auf. Seine Tochter Kornelia Jakobi holt das Bild mit den vier Brüdern und den Eltern von der Wand über der Kommode. „Wir sind zwischen Januar 1924 und August 1927 geboren. Darum sehen wir da wie die Orgelpfeifen aus“, meint er und lacht.
In seiner Jugendzeit hat sich vieles auf der Straße abgespielt. Von Frühjahr bis Herbst war man barfuß unterwegs. „Wir sind stachern gegangen an der Tauber“, erzählt er. So habe das früher in Rothenburg geheißen. Burgen seien gebaut worden und Straßen hätten gegen Straßen gekämpft. Jedes Viertel habe sein Gebiet gehabt. Bei Missachtung desselben sei es zu Schlachten gekommen. Abgesehen von blauen Flecken sei alles gut ausgegangen, erzählt er.
Acht Jahre ging er in die Volksschule, wegen des Krieges wurden die Schüler im Frühjahr 1940 vorzeitig entlassen. Wie das damals so üblich war, hatten seine Eltern beschlossen, dass er Buchbinder werden sollte. So fing er am 26. März 1940 beim Buchbindermeister Horn am Kirchplatz seine Lehre an. 1943 folgte die Gesellenprüfung in Nürnberg.
Wenig später musste er zum Arbeitsdienst. Er hatte verschiedene Einsatzorte und Ausbildungen, bis er mit siebzehneinhalb Jahren in Schweinfurt ein Geschütz übernehmen musste. Sein weiterer Einsatzort hätte die Verteidigung der Alpenfestung sein sollen. Doch am 3. Mai wurde seine Einheit aufgelöst. „Jeder hat dann versucht, nach Hause zu kommen“, erzählt Jakobi. Am 5. Mai nahmen ihn aber die Amerikaner in München gefangen.
Nach verschiedenen Lageraufenthalten kam er nach Frankreich zum dortigen Wiederaufbau. 1947 wollte er dort fliehen, doch nach drei Tagen wurde er erwischt. Danach musste er im Steinbruch arbeiten, bevor er 1948 entlassen wurde.
Sein früherer Lehrbetrieb nahm ihn für ein Jahr auf. Dann arbeitete er vorübergehend in der Kinderwagenfabrik als Lackierer, bis 1951 der von ihm gewünschte Platz als Buchbinder bei der Druckerei Holstein frei wurde. Fast 30 Jahre blieb er dort. Ab 1968 war er Abteilungsleiter in der Buchbinderei und im Versand. 1980 war es dann die Firma Schneider Druck, in der er noch neun Jahre bis zu seinem Ruhestand 1989 arbeitete.
Doch wenige Jahre später fragte ihn die Firma, ob er noch Bücher für die Pfarrämter binden möchte. Unter anderem band er Tauf- oder Sterbebücher. Zu Hause hatte er unter dem Dach eine kleine Werkstatt dafür. Fast 30 Jahre lang war das quasi sein Hobby. Über 6500 Bücher lieferte er über die Jahre ab.
Kurz vor seinem 96. Geburtstag stürzte er und zog sich einen Oberschenkelhalsbruch zu. Mit der Arbeit war es damit vorbei. Dankbar ist er, dass ihn seine Tochter versorgt.
1951 lernte er seine spätere Frau Hildegard Rosche in der Wirtschaft, in der er Stammgast war, kennen. 1952 läuteten die Hochzeitsglocken. Da seine Frau aus der damaligen DDR stammte, dauerte es ein Jahr, bis er seine Schwiegereltern kennenlernte. 1958 wurde seine Tochter geboren. Im August wird das erste Enkelkind erwartet, weswegen sein nächstes Ziel „Urgroßvater“ lautet.
70 Jahre war Jakobi verheiratet. Vor zweieinhalb Jahren starb seine Frau im Alter von 95 Jahren. Neben der Buchbinderei war Sportkegeln sein Hobby. Viele Medaillen und Meistertitel zeugen von seinen Erfolgen, ob im Einzel oder mit der Mannschaft.Seine Leidenschaft ist auch die Heimatkunde. In der Geschichte von Rothenburg kennt er sich hervorragend aus. Mit Literatur ist er gut ausgestattet. „Ich habe über 1000 Bücher“, erzählt er.
Was ihn gesund erhält? Er isst jeden Tag einen Apfel. Seit Jahren trinkt er keinen Alkohol mehr. Aber jeden Tag brauche er etwas Süßes, verrät seine Tochter. Was er sich wünscht? Dass sich die Politiker auf der Welt besinnen und diese nicht ins Chaos stürzen. Dass es nicht wieder Zustände gibt wie 1939. Denn das, was er in der Jugend mitgemacht habe, wünsche er keinem.