Heinrich Schweigert ist 96 Jahre und nicht nur der älteste Bürger der Gemeinde Gutenstetten, sondern auch einer der bekanntesten. In seinem Heimatdorf Rockenbach hatte er vor der Gemeindegebietsreform als Bürgermeister Verantwortung übernommen.
Heinrich Schweigerts Vater starb, als der Bub gerade einmal vier Wochen alt war, er wuchs dann später mit einem Stiefvater auf, erzählt der frühere Landwirt. Doch die Abwesenheit des Vaters hat ihn nicht ausgebremst, er war und ist ein positiv gestimmter Mensch. Für seine Nachkommen hat er nun sein Leben skizziert – von seiner Schulzeit, von seinen frühen Erlebnissen als Bauernbub auf den Feldern, vom einstigen Getreideanbau über das Dreschen, die Heu- und die Kartoffelernte bis hin zur Milchwirtschaft und Flurbereinigung.
An der Durchführung der letztgenannten war Schweigert als Vorstand schon maßgeblich beteiligt, war er doch von 1966 bis 1971 der letzte Bürgermeister von Rockenbach, ehe die Eingemeindung nach Gutenstetten erfolgte.
Die damaligen Gemeinderatssitzungen in Rockenbach mit ganzen sechs Ratsmitgliedern fanden damals im Wohnzimmer der Schweigerts statt– ein Rathaus hatte Rockenbach nicht vorzuweisen. Besagtes Wohnzimmer musste auch für Schweigerts Amtsstunden herhalten, wobei diese Vermengung von Privatleben und Dienstpflichten in damaliger Zeit nicht ungewöhnlich war.
Für seinen Heimatort ging Heinrich Schweigert durch „dick und dünn” erinnert er sich heute. Während seiner Amtszeit wurden 1968 das Feuerwehrhaus errichtet, die Ortsbeleuchtung geschaffen sowie 1969 die Ortsstraßen mit dem Kanalnetz gebaut. Nach der Eingemeindung nach Gutenstetten war Schweigert noch zwölf Jahre im Gemeinderat aktiv und bis zum heutigen Tag hat der ehemalige Bürgermeister fünf weitere Bürgermeister erlebt. Zurechtgekommen ist er mit allen – vorausgesetzt, sie waren Rockenbach wohl gesonnen.
Zeitlebens war Heinrich Schweigert ein Familienmensch. Seine Frau, seine Kinder und seine Enkelkinder sind seit jeher der Fixpunkt seines Lebens. Heute pflegen sie den Ehemann, Vater und Großvater, so wie er stets für sie da war. Im Ort galt er als Vermittler für alle Arten von Problemen, war stets sachlich und hatte für jeden ein offenes Ohr.
Bis zu seinem 90. Lebensjahr arbeitete er noch auf dem Bauernhof mit und steuerte die riesigen Traktoren durch Felder und Wiesen. Wichtig sei ihm stets auch der christliche Glaube gewesen, sagt Heinrich Schweigert, der nach wie vor jeden Sonntagvormittag einen Gottesdienst im Fernsehen anschaut.
Seine Frau Babette heiratete er im Jahr 1957 und zog zu ihr auf deren elterlichen Hof. Tochter Anita kam 1959 auf die Welt, die Söhne Reinhold und Erwin folgten wenige Jahre später. Die Feldarbeit wurde anfangs noch mit den Pferden erledigt und den ersten Traktor mit stolzen 18 PS bekamen die Schweigerts noch im Jahr der Hochzeit, erinnert er sich.
Nach der Volks- und Berufsschule absolvierte Schweigert die Landwirtschaftsschule. Seit den 1950er Jahren schreibt er die wichtigen Ereignisse des Tages auf: Jede Investition, das Wetter, die täglichen Arbeiten auf dem Hof oder auch die Ernteerträge und sogar die Schnittbreite (2,10 Meter) des ersten Mähdreschers (für15.900 D-Mark) fasste er auf Kalenderblättern akribisch zusammen – die Grundlage für seine Lebenserinnerungen. Ein wenig erzählt Schweigert darin auch von seiner Einberufung zum Arbeitsdienst im Winter 1944, von seiner kurzen Kriegsgefangenschaft und seinem Marsch nach Hause.
Eine seiner Enkelinnen – insgesamt hat er acht Enkelkinder – lebt mit ihrer Familie im amerikanischen Denver. Und weil der Opa (und Uropa) neuer Technik gegenüber stets aufgeschlossen war und ist, ist es für Heinrich Schweigert selbstverständlich, mit der Enkelin und den Urenkeln (zehn und 13 Jahre, die auch Deutsch sprechen) zu skypen. Schon lange habe sich der Vater mit dem Computer beschäftigt, erzählte Sohn Reinhold, der den Hof weiterführt.
Seit 2011 haben die Schweigert´s keine Viehhaltung mehr, sondern bewirtschaften „nur” noch die Felder. Auf diesen ist der Ehrensiebener, der in Rockenbach lange Siebenerobmann war, oft unterwegs – jeden Nachmittag zieht es ihn nach draußen, um zu sehen, was alles wächst und gedeiht. Gerne erinnert er sich auch an die Zeiten, als früh die Milchkannen abgeholt wurden und in die Molkerei Uehlfeld kamen.
Weil er nicht mehr gut zu Fuß ist, ist er täglich auf seinem vierrädrigen Elektroscooter unterwegs. So lange wie möglich, will er selbstständig bleiben, seine Tochter Anita Bierlein, die im Dorf lebt, unterstützt ihn dabei, wo sie nur kann. Sein Frühstück mit dem ausführlichen Lesen der Zeitung zählt nach wie vor zu seinen Ritualen, Fernsehen und Kreuzworträtsel gehören ebenfalls zum täglichen Leben.
Und natürlich erzählt Schweigert gerne von früheren Zeiten, zum Beispiel davon, dass es bis 1969 in Rockenbach mit seinen jetzt gerade noch 95 Einwohnern sogar eine eigene Schule gab.. Dort besuchte auch er den Unterricht, übrigens als erster Jahrgang mit acht statt wie zuvor nur sieben Pflichtklassen. Vor allem beim Rechnen scheint es sich ausgezahlt zu haben: Nach wie vor braucht Schweigert keinen Taschenrechner, denn beim Kopfrechnen macht ihm keiner etwas vor.
Dankbar sei er, sagt Heinrich Schweigert, dass es ihm und seiner Babette die Familie ermöglicht, sein Leben auch im hohen Alter zu Hause in den eigenen vier Wänden zu leben und zu gestalten. Für Schwiegersohn Reiner Bierlein eine Selbstverständlichkeit: „Wir wollen ihm einfach etwas zurückgeben, was er uns allen immer Gutes getan hat”.
Kaufen übrigens kann man die Biografie des Heinrich Schweigert nicht – seine Erinnerungen seien nur für die Familie gedacht, sagt er. Schade eigentlich, denn so mancher Heimatforscher hätte wohl viel Freude an den Erinnerungen an ein so bewegtes Leben in einem mittelfränkischen Dorf.