„Ich finde es schade, dass es oft nur um jüdische Friedhöfe geht. Mich interessiert mehr das Zusammenleben in den Dörfern, das Menschelnde“, sagt Friedrich Nöth über die Forschungen, die er und seine Frau Gertraud in Weigenheim angestellt haben. Da kommt das „Netzwerk Jüdisches Leben in Bayern“ genau richtig.
Gerade erst fand das vierte Landestreffen des Netzwerks statt, das der Beauftragte der bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, Dr. Ludwig Spaenle, ins Leben gerufen hat. Für überzeugend halten die Nöths seinen Einsatz für dieses Projekt.
Nachdem durch die Zeit des Nationalsozialismus das jüdische Leben in Deutschland ein jähes Ende fand, gibt es keine Nachkommen oder eine jüdische Gemeinde, die Traditionen und Erinnerungen lebendig hält. Dazu braucht es Menschen wie die Nöths.
Das pensionierte Lehrerehepaar – nein, nicht für Geschichte, sondern für Englisch und Sport – engagiert sich beim Geschichts- und Brauchtumsstammtisch (GUBS): Sie als Vorsitzende, er als Protokollführer. Taucht ein Dokument in altdeutscher Schrift auf, kommt man zu den Nöths. Sie verfassten mehrere Bücher über die Geschichte des Orts im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim. Während Corona setzten sie mit Hilfe des Regionalbudgets die 1200-jährige Geschichte mit informativer Tafeln an markanten Stellen Weigenheims um.
Zwei dieser Tafeln verwiesen auf die jüdische Geschichte. Weigenheim hat nämlich eine Synagoge, die den Nationalsozialismus überstand, weil sie damals schon nicht mehr als solche genutzt worden war. Später wurde sie erweitert und dient bis heute als Maschinenhalle: Im Innern sind aber noch deutlich die zugemauerten Rundbogenfenster zu erkennen und die Wandnische für den Thoraschrein.
Gleich nebenan betrieb früher Pauline Rothschild einen kleinen Laden. Die „Sprinzen Lina“ (Sprinzen ist nach den Forschungen der Nöths der Vorname einer Tante, bei der Pauline aufwuchs) war die letzte jüdische Mitbürgerin. Es handelte sich, das haben Zeitzeugen den Nöths verraten, um eine beliebte und hilfsbereite Frau, die sich um Kranke und Alte kümmerte. In der Reichspogromnacht wurde ihr Laden geplündert. Sie musste Weigenheim verlassen, damit es judenfrei wurde – auf Betreiben eines Lehrers und fanatischen Nazis, der davor gerne bei ihr Tee getrunken hatte.
Die Nöths berichten davon, dass mehrere Weigenheimer sie noch in Würzburg in ihrer winzigen Dachwohnung besucht hatten. Eine Frau wurde sogar polizeilich verhört, weil sie ihr Eier und Butter gebracht hatte. Nur mit der Ausrede, dass sie alte Schulden beglichen habe, konnte sie sich aus dieser Situation herauswinden.
Für Pauline Rothschild dagegen gab es kein Entrinnen: Im März 1942 kam sie in das Würzburger Sammellager und noch im gleichen Monat mit mehr als 1000 weiteren Juden aus Mainfranken nach Izbica in Polen – ein Durchgangslager in die Vernichtungslager.
Zur dieser Zeit war die jüdische Gemeinde schon Geschichte und die Synagoge verkauft. Bis zu ihrer Entstehung hatte die Weigenheimer Gemeinde eine große Hartnäckigkeit an den Tag legen müssen, um für die damals etwa zehn Familien – etwa zwölf Prozent der Weigenheimer Bevölkerung – ein eigenes Gotteshaus zu errichten.
Im Schwarzenberger Land waren die Juden eine willkommene Einkommensquelle. Der Seinsheimer Erkinger, Stammvater der Schwarzenberger, zu deren Herrschaftsgebiet Weigenheim gehörte, war nämlich „stinkreich“, wie Friedrich Nöth erzählt. Er lieh dem damaligen König Sigismund Geld, das jener nicht zurückzahlen konnte. Stattdessen stattete er die Schwarzenberger mit dem Privileg aus, die Judensteuer einzutreiben. Und dieses Privileg war natürlich mehr wert, umso mehr Juden im Herrschaftsbereich lebten.
Obwohl die Gemeinde trotzdem zahlenmäßig überschaubar war, startete sie 1768 einen ersten Versuch, den Bau einer Synagoge genehmigen zu lassen. Der wurde von der Schwarzenberger Herrschaft noch brüsk abgeschmettert: Die Weigenheimer jüdische Gemeinde solle froh sein, dass man den Betsaal dulde, ließ sie wissen.
Einige Jahre später baten die Mitglieder dann darum, eine Landeskollekte für die Renovierung ihres alten Betsaals veranstalten zu dürfen. Das wurde ihnen gestattet, sie bekamen sogar eine Spende von den Schwarzenbergern. Das Geld verwendeten sie dann aber für einen Neubau. 1849 wurde das kleine, aber schmucke Gebäude eingeweiht. 51 Jahre später waren nur noch Lina und ihre Mutter Sophia in Weigenheim, die Synagoge wurde verkauft – mit der Maßgabe, dass nie ein Schweinestall an ihrer Stelle errichtet werden dürfe.
Bald erstrahlt die Synagoge – wenn auch in verkleinertem Maßstab – dank der akribischen Arbeit von Robert Pümmerlein wieder in altem Glanz. Aber das ist eine eigene Geschichte.