Die FIFA verbietet diesem Jungen Fußballspielen bei der SpVgg Ansbach | FLZ.de

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Veröffentlicht am 16.04.2024 12:00

Die FIFA verbietet diesem Jungen Fußballspielen bei der SpVgg Ansbach

„Ohne Wettkampf ist es hart, die Motivation fürs Training aufzubringen“: Stiliyan Shatov im Trikot der SpVgg Ansbach. (Foto: Alexander Keck)
„Ohne Wettkampf ist es hart, die Motivation fürs Training aufzubringen“: Stiliyan Shatov im Trikot der SpVgg Ansbach. (Foto: Alexander Keck)
„Ohne Wettkampf ist es hart, die Motivation fürs Training aufzubringen“: Stiliyan Shatov im Trikot der SpVgg Ansbach. (Foto: Alexander Keck)

Auf der Vereinshomepage immerhin ist Stiliyan Shatov Teil der SpVgg Ansbach. Wie alle anderen U17-Fußballer posiert der junge Bulgare im Trikot. Ein Spiel allerdings hat er noch nicht für die nullneuner bestritten. Und wie es im Moment aussieht, wird es dazu auch so schnell nicht kommen. Die FIFA hat etwas dagegen.

Ein Freitagabend im April. Dritte Trainingseinheit diese Woche. Ansbach kämpft im Endspurt der Saison noch um die Meisterschaft. Auch Shatov ist da, wie eigentlich immer. Obwohl er weiß, dass er am Wochenende nicht spielen wird. Wieder nicht. Wie schon seit Monaten.

„Ohne Wettkampf ist es hart, die Motivation fürs Training aufzubringen“, sagt er und dass er das Vertrauen verloren hat. Ob er mit seiner Mischung aus Deutsch und Englisch Selbstvertrauen meint, oder das ins System bleibt offen. Wahrscheinlich beides. Er geht tagsüber in die Schule und am Abend zum Training. Wie viele andere. Wenn am Wochenende um Punkte gespielt wird, schaut er zu. Seit acht Monaten wartet er auf seine Spielberechtigung.

Eine „Sauerei“ findet der Co-Trainer

„Das ist eine Sauerei, was mit dem Jungen passiert. Das versteht niemand. Mir tut er so leid, er ist immer da und hängt sich rein“, sagt U17-Co-Trainer Karl-Heinz Knetsch. Mit seiner Meinung ist er da rund um den Xaver-Bertsch-Sportpark nicht allein. Andere drücken sie vielleicht etwas diplomatischer aus.

Aber warum interessiert sich der Weltverband FIFA überhaupt für einen 16-Jährigen, der in einer regionalen Nachwuchsliga kicken will? Shatov wechselt von einem ausländischen Verband (Problem eins) zu einem Verein, dessen erste Mannschaft in der Regionalliga spielt (Problem zwei).

Die FIFA schließt internationale Vereinswechsel minderjähriger Fußballspieler (zehn bis 18 Jahre) eigentlich grundsätzlich aus. Der Weltverband will mit dem Verbot Geschäfte zum Nachteil der Kinder verhindern. Dubiose Spielervermittler sollen nicht Talente aus armen Ländern in großer Zahl ins Umfeld solventer Vereine schleusen in der Hoffnung, mit dem einen oder anderen den großen Reibach zu machen.

Bei Umzug gilt das Verbot nicht

Eine Ausnahme von diesem Verbot gilt, wenn die Eltern das Land wechseln. Dann darf der Nachwuchs natürlich am neuen Wohnort zum Fußballverein gehen. Das gilt auch, wenn Wohnort und neuer Verein relativ nah an der Landesgrenze liegen. Eine weitere Ausnahme betrifft Wechsel von 16- bis 18-Jährigen innerhalb der EU zu Erst- oder Zweitligisten.

Die Regel gilt nicht für alle Vereine. Auch im Hinblick auf minderjährige Geflüchtete hat die FIFA dem Deutschen Fußballbund und damit auch seinen Landesverbänden eine „beschränkte Befreiung“ gewährt. Die besagt, dass nur internationale Vereinswechsel minderjähriger Spieler zu einem Verein der ersten vier Leistungskategorien der FIFA zur Beurteilung vorgelegt werden müssen.

Die vier Kategorien sind erste und zweite Bundesliga, Dritte Liga und Regionalliga. Wenn man so will, spielt die SpVgg Ansbach für die FIFA in dieser Hinsicht in einer Liga mit Bayern München und Borussia Dortmund. Wenn das doch beim Fernsehgeld nur auch so wäre, denkt sich jetzt wahrscheinlich der Vereinskassier der SpVgg.

FIFA fordert Dokumente an

Stiliyan Shatov zog mit seiner Familie 2023 von Bulgarien nach Ansbach. Emilian Palyiski, der vor vielen Jahren mal für die SpVgg Ansbach und den TSV Neustadt kickte, vermittelte den Kontakt zur SpVgg. Der Vater nahm einen Job an, die Mutter ging dann wieder zurück, um eine kranke Angehörige zu pflegen.

Shatov sollte zur neuen Saison Teil der U17-Landesligamannschaft werden. So nahmen die Dinge ihren Lauf. Der Antrag auf Spielrecht bei der SpVgg Ansbach ging zum BFV nach München, der DFB klinkte sich ein und legte den internationalen Vereinswechsel eines Minderjährigen der FIFA vor.

Die ließ sich eine Menge Dokumente schicken, forderte zwischendurch neue Unterlagen an. Es entwickelte sich reger Mailverkehr, von Seiten der SpVgg Ansbach im Lauf der Monate in durchaus drängendem Tonfall gestaltet, aber in der Sache tat sich nichts.

Die Freigabe des abgebenden Vereins Beroe Stara Zagora aus der Stadt Stara Zagora (120000 Einwohner, gelegen ungefähr auf halbem Weg zwischen der Hauptstadt Sofia und der Schwarzmeerküste) änderte daran nichts, ebenso wenig die notariell beglaubigte Zustimmung der mittlerweile wieder in Bulgarien lebenden Mutter, die das Sorgerecht ihrem Mann übertrug.

Der schlimmste Fall in 40 Jahren

Ferner wurden vorgelegt der Arbeitsvertrag des Vaters bei einer Firma in Feuchtwangen, Geburtsurkunden, Meldebescheinigungen, diverse Bestätigungen. Damit glaubte die SpVgg Ansbach alles nötige getan zu haben, um ihrem Neuzugang das Spielrecht zu verschaffen. Tja.

„Das ist mein schlimmster Fall seit 40 Jahren“, sagt Harald Riegler von der SpVgg Ansbach, der den Schriftwechsel für den Verein führte und schon viele hundert Spielerwechsel über die Bühne gebracht hat.

Nach Monaten das Urteil: abgelehnt

Rejected (abgelehnt) ist das entscheidende Wort in der dieser Tage zugestellten Entscheidung der FIFA.

Zum konkreten Ansbacher Fall äußert sich Stefan Schneider, Leiter der Passabteilung beim Bayerischen Fußballverband, nicht. „Das Ziel der FIFA, Unheil von Kindern fern zu halten, ist grundsätzlich sehr lobenswert“, findet Schneider, „was nicht ausschließt, dass in Einzelfällen übers Ziel hinaus geschossen wird“. Auch könne man darüber diskutieren, ob es sinnvoll ist, Champions-League-Teilnehmer mit Milliardenumsätzen und Vereine aus einer Bezirkshauptstadt mit ein paar hundert Mitgliedern gleich zu setzen.

Wäre Shatov zufällig bei den Stadtrivalen Fichte oder ESV vorstellig geworden, hätte er sich das ganze Trara erspart und vermutlich schon etliche Punktspiele hinter sich.

Großer bürokratischer Aufwand

„Das ist unglaublich großer bürokratischer Aufwand für einen Spieler, der einfach nur Fußball spielen will“, sagt U17-Trainer Jonas Langer. Stiliyan Shatov ist ein talentierter Kicker, aber solche wie ihn gibt es viele bei der SpVgg Ansbach. Langer sieht in dem Bulgaren nicht das überragende Talent, das man vor windigen Geschäftemachern behüten müsste. Im Fall von Shatov und der SpVgg scheint sich die Schutzfunktion der FIFA-Regelung in ihr Gegenteil zu verkehren. Da wird Fußball verhindert, statt gefördert.

Julie Jorgensen aus Dänemark entschied den Fall bei der FIFA und begründet auf sechs Seiten ihr Nein. Sie hegt Zweifel daran, dass der Umzug nach Mittelfranken tatsächlich wie dargelegt dem Wunsch nach bessern Lebensumständen und einer besseren Bildung für den Filius geschuldet ist, sondern sieht den Orts- und Jobwechsel als Folge und nicht als Ursache des gewünschten Vereinswechsels.

Dänin sieht einen „football factor“

Die Ausnahme des Umzugs gelte nicht, wenn der „football factor“ eine Rolle spiele. Der sei angesichts der Abfolge der wesentlichen Ereignisse (erster Kontakt mit dem Verein, Umzug, Aufnahme des neuen Jobs durch den Vater) nicht auszuschließen, legt sie in dem Dokument dar. Jorgensen, so lässt sich aus dem Schriftsatz herauslesen, glaubt, dass die Shatovs nach Ansbach gekommen sind, um die Fußballkarriere von Stiliyan anzuschieben. Deshalb: reject.

Und nun? Wenn das mit den nötigen Dokumenten bei der SpVgg nichts werde, werde er es wohl bei einem anderen Verein versuchen müssen, sagt Stiliyan Shatov. Dann trottet er rüber zum Kunstrasen, bereit für das nächste Training, dem wieder kein Wettkampf folgen wird.


Alexander Keck
Alexander Keck
Der noch in Vor-Internetzeiten der FLZ zugelaufene Schwarzwälder hat im Verlauf von fast drei Jahrzehnten die fränkischen Merkwürdigkeiten, die in Ohrmuscheln (Allmächd!) und auf Esstellern (Saure Zipfel!) landen schätzen gelernt. Nur die im Vergleich zu Spätzle stets zu breiigen Knödel mag der Schwabe nicht. Das Schreiben über Sport dagegen immer noch sehr - gerne auch abseits des Mainstreams.
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