Wo genau war Megingaudeshausen? Diese Frage beschäftigt die Geschichtsforscher im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim schon lange. Immer wieder mal ploppen Vorschläge auf, wo der Standort jenes Klosters gewesen sein soll.
Hans Stubenrauch kann ebenfalls nur mutmaßen, wenn auch auf Basis ausführlicher Nachforschungen, und hält Oberlaimbach für eine plausible Stelle. Wichtiger als der genaue Standort ist für den evangelischen Ruhestandspfarrer und Hobbyheimatkundler allerdings die gesellschaftliche Bedeutung. Immerhin gilt Megingaudeshausen, das laut einer Urkunde im Jahr 816 gegründet wurde, als der Vorgänger des Benediktinerklosters Münsterschwarzach.
„Mir geht es eigentlich gar nicht so sehr um den Ort, sondern mir geht es um die Funktion dieses Klosters“, sagt Stubenrauch. Seine Erkenntnisse stützt der 76-Jährige auf Literatur- und Archivstudien, vor allem aber auf den Austausch mit anderen Heimatkundlern und mit dem Benediktinerpater Franziskus Büll, ein ausgewiesener Kenner der Geschichte seiner Abtei Münsterschwarzach.
Die Bedeutung von Megingaudeshausen ist zum einen verknüpft mit den Personen. Das ist insbesondere das Stifterehepaar, der Graf Megingaud und seine Frau Imma aus dem damals einflussreichen Adelsgeschlecht der Mattonen. Megingaud hatte weitläufige verwandtschaftliche Beziehung mit Kaiser Karl dem Großen; der mächtigste Mann seiner Zeit starb 814. Er und sein Sohn und Nachfolger Ludwig der Fromme gelten als reformfreudig und trieben auch die Christianisierung der zu einem Gutteil als heidnisch geltenden Bevölkerung voran.
Die Gründung von Kloster Megingaudeshausen gehört zur dritten Christianisierungswelle in der Gegend im Steigerwald. „Das Kloster Megingaudeshausen und das Nachfolgekloster Münsterschwarzach hatten dafür in unserer Region den Missionsauftrag“, erklärt Stubenrauch.
Zur Bedeutung der Neugründung gehörte zudem seine Ausstattung. Megingaud und Imma übergaben dem Kloster zahlreiche Ländereien (Wälder, Wiesen, Gewässer und ganze Dörfer) und Gegenstände, von denen als erstes in der Urkunde „alle unsere Bücher“ genannt werden sowie zahlreiche Kirchenutensilien und „mancherlei Haustiere“. In jener Zeit wohl selbstverständlich gehörten zum Geschenkpaket offenbar auch Leibeigene dazu.
Und schließlich hängt die Bedeutung sicherlich auch von der Lage ab. Stubenrauch erachtet es für sehr wahrscheinlich, dass dies an einem Handelsweg war. Eine seiner Grundannahmen ist, dass das Kloster wohl an einer Hauptverkehrsader lag, an einer uralten Route, die – mit der wohl im neunten Jahrhundert entstandenen Bezeichnung als Via Publica – von Brüssel nach Prag führte und gewissermaßen ein Vorläufer der Bundesstraße 8 ist. Zur Sicherung und Versorgung solcher Handelsstrecken dienten insbesondere Burgen und Klöster. „Dieses Kloster hatte, modern gesprochen, auch die Funktion einer Raststätte“, erläutert Stubenrauch Megingaudeshausens praktische Aufgabe.
Einen konkreten Hinweis auf die Lage des Klosters gibt die Gründungsurkunde, auf die sich alle Forschung beruft, ja durchaus. Megingaudeshausen, so steht da in alter, eckiger Schrift auf Latein, liegt beim „fluvium Leibach in pago yphigauim“ (über dem „ei“ von Leibach steht in der Handschrift ein sogenannter Nasalstrich, weshalb in diesem Fall ein „m“ mitgelesen wird, also „eim“). Gemeint ist folglich ein Fluss namens Leimbach im Gebiet des Ipfgaus.
Was war zu jener Zeit der Ipfgau? Der Name stammt, so darf angenommen werden, vom Flüsschen Iff, das bei Reusch entspringt. Doch reichte das Gebiet wohl bis in den Steigerwald hinein. Demnach könnte der Ehegrund als Untergau des Ipfgaus (auch als Iffgau oder Iffiggau bezeichnet) betrachtet werden. Einige Dörfer des Ehegrunds sind in der Megingaudeshausen-Urkunde erwähnt: Krassolzheim, Ezelheim, Deutenheim und Ullstadt. Sie werden vom Stifterehepaar dem neuen Kloster übertragen, ebenso wie etwa der Weinberg (oder ein Gehöft – der Text ist hier etwas schwer leserlich) bei Scheinfeld.
Eine kleine Tücke dieser Gründungsurkunde ist, dass sie nicht im Original vorliegt, sondern „nur“ in einer wohl zwei, drei Jahrhunderte später erstellten Abschrift. Doch gilt diese als glaubwürdig, erklärt Stubenrauch zum Stand der Forschung.
Ist mit dem Laimbach das heutige, nur wenige Kilometer lange Gewässer gemeint? Das erscheint möglich, wenn auch nicht gewiss. „Leimbach heißt einfach Lehmbach, den hat es an verschiedenen Orten gegeben“, sagt Stubenrauch. Und wenn der heutige Laimbach gemeint ist, ist es eher unwahrscheinlich, dass das Flussbett vor 1200 Jahren genau dort verlief, wo es heute liegt.
Ähnliches muss fürs Wegenetz bedacht werden. Die Straße hat im Laufe der Geschichte verschiedene Verläufe gehabt – mal im Tal, mal auf dem Höhenzug, erklärt Stubenrauch. Eingedenkt dessen, dass die Benediktiner ihre Klöster vorzugsweise auf Anhöhen errichteten, hält Stubenrauch eine Anhöhe bei Oberlaimbach für den wahrscheinlichsten Standort. Zumal dort wohl auch eine Nord-Süd-Route verlief. Oberlaimbach entspricht im übrigen auch den Annahmen anderer Hobbykundler, die sich intensiv mit dem verschollenen Kloster befasst haben, wie etwa der Rockenbacher Manfred Bittner, auf dessen Nachforschungen sich Stubenrauch ebenfalls bezieht.
Was zudem für diesen Standort spricht, ist seine ziemlich mittige Lage zwischen den beiden damaligen Königshöfen bei Iphofen und im Riedfeld (also dem späteren Neustadt), findet Stubenrauch.
Die mutmaßlich gute Verkehrslage war aber anscheinend keine Bestandsgarantie. Megingauds und Immas Klostergründung war – so steht es in der Urkunde – auf Ewigkeit angelegt. Doch es bestand nur gut sechs Jahrzehnte. Wohl um 877 zogen die Mönche von Megingaudeshausen nach Münsterschwarzach in ein verwaistes Frauenkloster (die Nonnen waren nach Zürich umgezogen). Als Grund kann sich Stubenrauch die bessere Versorgungslage im Maintal vorstellen. Aber dies ist, wie so manches in der Megingaudeshausen-Forschung, nur eine Mutmaßung.
Mehr Gewissheit, darüber sind sich die Heimatkundler ziemlich einig, könnten archäologische Funde bringen. Aber da beißt sich die Katze ein wenig in den Schwanz: Wo sollte man da graben?