Es ist schon ein paar Jährchen her, da war das Ruhrgebiet wirtschaftliches Zentrum in Westdeutschland – auch deshalb, weil dort die nötige Energie in Form von Kohle zu haben war. Eine Energieform der Zukunft könnte Wasserstoff sein. Und der Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim möchte die Chancen nutzen, die sich daraus ergeben, dass das Wasserstoffkernnetz durch ihn hindurchführt.
Wie man auf die Karte sieht (Foto Nummer 2), ist das tatsächlich ein Vorteil: Sehr viele Landkreise bleiben zunächst weiß. Ende 2032, so der Plan, soll das Wasserstoff-Kernnetz für Deutschland in unserer Region in Betrieb gehen. Das Landratsamt versucht im Vorfeld, sowohl das Interesse an der Einspeisung grünen Wasserstoffs als auch an der Entnahme auszuloten und seinen Standortvorteil zu nutzen.
In der Kreisbehörde ist Bertram Bröse in Zusammenarbeit mit anderen Stellen damit befasst, abzuklären, wo denn ein Schieber für eine Entnahme- oder Einspeisestelle den größten Sinn macht. Er hat Energietechnik und Energiewirtschaft studiert.
Wie er berichtet, ist der Landkreis in die Planungen für den Verlauf des Wasserstoff-Kernnetzes nicht direkt involviert. Den Plan dafür erarbeitete die Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber Gas (FNB Gas). Dies ist ein Zusammenschluss von zwölf überregionalen Gastransportunternehmen in Deutschland. Sie sorgen für den operativen Betrieb, die Instandhaltung und den bedarfsgerechten Ausbau der Gastransportnetze und den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur. In unserem Bereich ist laut Homepage die Ferngas Netzgesellschaft in Schwaig zuständig, die indirekt zum Konzern der „Versicherungskammer“ gehört.
Die Bundesnetzagentur genehmigte den von FNB Gas eingereichten Plan im vergangenen Jahr mit kleinen Abweichungen. Insgesamt soll das Wasserstoff-Kernnetz demnach gut 9000 Kilometer lang sein. Zu etwa 60 Prozent werden bestehende Erdgasleitungen umgenutzt. So auch in unserem Landkreis.
Es gibt keine detaillierten Karten über den Verlauf dieser Leitungen – und es sind auch keine zu erwarten, da es sich um kritische Infrastruktur handelt.
Da ein ganzes Leitungsbündel verlegt ist, fließt weiterhin auch Erdgas auf der Trasse. Nur eine der Leitungen wird laut Bröse umgenutzt. Selbst wenn im Energie-Mix der neuen Bundesregierung Erdgas noch eine größere Rolle spielen würde als in den bisherigen Konzepten, wäre das Wasserstoff-Projekt also aus seiner Sicht nicht gefährdet.
Schwieriger wird das erst auf niedrigeren Verteilebenen, wo es oft nur eine Leitung gibt, erklärt der Energie-Fachmann. Momentan wird zusammen mit der N-Ergie Netz der Wasserstoffbedarf in deren Verteilnetz im Landkreis ermittelt, hierzu fand eine Datenabfrage statt. Bedarfe können nach Bröse gerne auch weiterhin an den Landkreis gemeldet werden. Je höher der ist, desto größer wird die Chance auf eine flächendeckende Versorgung mit dem erneuerbaren Energieträger Wasserstoff.
Die schwierige Aufgabe für den Landkreis besteht darin, abzuklären, wo in Zukunft am ehesten Abnahme und Erzeugung von Wasserstoff stattfinden könnte. „Am charmantesten wäre es natürlich, wenn die Nutzer nah beim Wasserstoff-Kernnetz angesiedelt sind“, erläutert Bröse. Landrat Christian von Dobschütz sprach dieses Thema bei einer Bürgermeisterdienstversammlung schon einmal an: Ein interkommunales Gewerbegebiet in Dachsbach wäre eine Überlegung, die mehreren Gemeinden ermöglichen würde, vom Wasserstoff-Kernnetz zu profitieren.
Zu überlegen wäre auch, nah bei dieser Leitung Wasserstoff zu erzeugen. Mit dem Energienutzungsplan will der Kreis herausfinden, wo Wasserstofferzeugung mit dem Fokus auf der Nutzung überschüssiger erneuerbarer Energien dezentral oder zentral möglich ist.
Im Landkreis soll der Wasserstoffhochlauf unter anderem durch ein Projekt der Stadtwerke Uffenheim in Kooperation mit der Firma Walther Gas in Schweinfurt vorangetrieben werden. Ein Förderbescheid über fünf Millionen Euro im Rahmen des Bayerischen Elektrolyseurförderprogramms liegt vor.
Die Planungen sind durchaus komplex: Wie könnte man die Abwärme eines Elektrolyseurs nutzen? Gibt es einen Abnehmer für den Sauerstoff, der bei der Elektrolyse anfällt? Solche Fragen gilt es bis 2029 zu klären, denn dann – davon geht Bröse bislang aus – sollte man wissen, wo der Schieber für die Entnahmestelle am meisten Sinn macht. Denn der muss eingebaut werden, wenn die Leitung leer ist.
Wie Bröse berichtet, durchquert die Leitung die Gemeindegebiete von Oberscheinfeld, Scheinfeld, Markt Taschendorf, Münchsteinach, Gutenstetten und Gerhardshofen. Obwohl lediglich eine bestehende Leitung eine neue Nutzung erfährt, sind die Kosten beträchtlich: 266 Millionen Euro wird die Leitung „H2ercules“ zwischen Rimpar (nördlich von Würzburg) und Rothenstadt, einem Ortsteil von Weiden in der Oberpfalz nach den von der Bundesnetzagentur veröffentlichten Dokumenten kosten, dazu kommen zweimal um die 85 Millionen für die Verdichterstationen in Rimpar und Rothen-stadt.
Insgesamt ist es logistisch keine leichte Aufgabe, dass bei der Inbetriebnahme des neuen Wasserstoffnetzes die Einspeisung und Abnahme des neuen Energieträgers gleichmäßig hochlaufen.