Der Höhepunkt des Sommers: Italien lässt die Läden runter | FLZ.de

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Veröffentlicht am 12.08.2026 07:33

Der Höhepunkt des Sommers: Italien lässt die Läden runter

Anders als in den deutschen Innenstädten mit ihren vielen Schaufenstern hat in Italien noch so gut wie jedes Geschäft die schweren metallenen Rollläden. (Foto: Christoph Sator/dpa)
Anders als in den deutschen Innenstädten mit ihren vielen Schaufenstern hat in Italien noch so gut wie jedes Geschäft die schweren metallenen Rollläden. (Foto: Christoph Sator/dpa)
Anders als in den deutschen Innenstädten mit ihren vielen Schaufenstern hat in Italien noch so gut wie jedes Geschäft die schweren metallenen Rollläden. (Foto: Christoph Sator/dpa)

Der Zeitungskiosk: zu. Die Café-Bar an der Ecke: dicht. Die Bude des Fischhändlers auf dem Markt: geschlossen. So wie in Rom sieht es von Bozen bis Palermo derzeit auch in den allermeisten anderen italienischen Städten aus. Wer kann, hat sich an den Strand oder in die Berge verabschiedet, zumal in diesem Jahr, das auch noch besonders heiß ist. An fast allen Geschäften hängt ein Zettel: „Chiuso per ferie“. Wegen Urlaubs geschlossen.

Der August ist für Italien nach wie vor der wichtigste Ferienmonat, mit dem absoluten Höhepunkt genau in der Mitte. Der 15. August ist in dem immer noch ziemlich katholischen Land mit seinen 59 Millionen Einwohnern sowohl kirchlicher als auch gesetzlicher Feiertag: Mariä Himmelfahrt. Oder auf Italienisch: Ferragosto. Dann gehen endgültig die Läden runter. Und das ist hier durchaus wörtlich zu nehmen.

In den Innenstädten ganze Häuserfronten verrammelt

Anders als in den deutschen Innenstädten mit ihren vielen Schaufenstern - manche vergittert, manche nicht - hat in Italien noch so gut wie jedes Geschäft die schweren metallenen Rollläden, die bis ganz nach unten auf den Bürgersteig reichen. Dort werden sie nach Ladenschluss dann noch einmal mit zwei oder drei Schlössern extra versperrt. Jetzt im August bleiben sie geschlossen rund um die Uhr. Die Straßen sind menschenleer, ganze Häuserfronten wie Festungen verrammelt.

Auf Italienisch heißt solch ein massives Teil aus Aluminium oder Stahl Serranda. Das kommt vom lateinischen serare, verriegeln. Es gibt aber noch ein anderes Wort dafür: Saracinesca. Der Grund liegt in der hiesigen Geschichte: Im Mittelalter wurden die Küstenstädte oft von Sarazenern überfallen, Piraten von der arabischen Halbinsel. Um die Stadt zu verbarrikadieren, nutzte man schwere Fallgitter aus Holz oder Eisen.

Millionen Rollläden prägen vielerorts das Straßenbild

Die deutsche Redewendung „Da geht bei mir der Laden runter“ stammt übrigens aus der Zeit, als auch hierzulande viele Geschäfte noch Rollläden hatten - längst vorbei. In Italien hingegen gibt es nach Schätzungen noch zwischen vier und acht Millionen, viele schon älter und in schmutzigem Grau. Manchmal sieht das arg nach toter Straße aus, was die Städte vermeiden wollen. Deshalb ist man vielerorts dazu übergegangen, die Serrande (die Mehrzahl schreibt man mit e) zu besprayen oder zu bemalen. 

Meist hat das Motiv etwas mit dem jeweiligen Gewerbe zu tun: Fischhändler zeigen auf ihren Jalousien bevorzugt Fische oder den Meeresgott Neptun. Von Autohändlern werden gern Oldtimer oder Szenen aus der Werkstatt verwendet. Bei Feinkostläden sind Obstkörbe beliebt, bei Restaurants ein gedeckter Tisch, bei Waschsalons natürlich Waschmaschinen. Manchmal malt der Besitzer selbst, meist sind es Auftragsarbeiten. 

„Kunst wird sichtbar, wenn die Stadt zur Ruhe kommt“

In einigen Kommunen haben die Bürgermeister zur Verschönerung des Stadtbilds Wettbewerbe ausgeschrieben. Im römischen Viertel Garbatella werden in einer Straße nun links auf den Rollläden Artikel aus der italienischen Verfassung zitiert, rechts gibt es die Bilder dazu. In San Miniato in der Toskana hat man sich für Porträts historischer Persönlichkeiten entschieden. In Nurallao auf Sardinien durften Schulkinder die Läden bemalen: Alltagskultur.

Die Kunsthistorikerin Anna Patrizia Mongiardo hat über Italiens Rollläden sogar ein Buch geschrieben („Arte avvolgibile“, Verschwindende Kunst). „Man sieht sie und sieht sie nicht. Sie rollt sich auf und wieder ab. Und wenn sie sich entfaltet, erscheint wie durch Zauberhand ein Gemälde. Die Kunst wird erst in den Nachtstunden sichtbar, wenn die arbeitende Stadt zur Ruhe kommt.“ Oder eben in den Ferien. Falls noch jemand da ist.

Ferragosto gibt es schon seit mehr als 2.000 Jahren

An diesem Samstag dürften - abgesehen von den Urlaubsorten - die Innenstädte wieder so leer sein wie sonst nie. Ferragosto ist seit Menschengedenken der Tag, an dem der Sommer kulminiert. Der Begriff ist mehr als 2.000 Jahre alt. Die Feriae Augusti (Augustusruhe) wurde im Jahr 18 vor Beginn unserer Zeitrechnung vom ersten römischen Kaiser Augustus verfügt, nach dem ja auch der gesamte Monat benannt ist - als eine Art Erntedank nach getaner Arbeit auf den Feldern.

Anfangs begann dies am Monatsersten. Im siebten Jahrhundert verlegte die katholische Kirche das vorchristliche Fest auf Mariä Himmelfahrt, den 15. August - den Tag, an dem die Gottesmutter Maria nach katholischem Glauben in den Himmel aufgenommen worden sein soll. Mit dem Massentourismus wurde im 20. Jahrhundert daraus der „Ferientag schlechthin“, wie es im Wörterbuch Treccani heißt, dem italienischen Gegenstück zum Duden.

Anfang September geht es wieder nach oben

Bis vor einigen Jahren waren die Straßen in den Innenstädten an diesem Tag tatsächlich menschenleer. 1988, so berichtete damals das Fernsehen, hatten in Rom mit seinen seinerzeit 2,8 Millionen Einwohnern gerade einmal sieben Geschäfte geöffnet. Inzwischen hat sich das geändert. Längst ist es kein Problem mehr, sich zu versorgen. Im Zeitalter der Globalisierung haben sich auch die Italiener internationalen Gebräuchen angepasst. 

Und trotzdem bleiben in vielen Geschäften die Rollläden noch unten - in der Regel bis zum 31. August. Am Morgen danach gehen die hoffentlich gut erholten Inhaber tief in die Knie, sperren die Schlösser auf und ziehen die Serrande mit einigem Krach wieder nach oben. Ein Geräusch, das man einen ganzen Monat lang nicht gehört hat. Und ein bisschen auch vermisst.

© dpa-infocom, dpa:260812-930-516866/1


Von dpa
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