Das süße Leben am Meer und eine anfangs noch herzliche Willkommenskultur: Das waren für deutsche Juden und Regimefeinde gute Gründe, sich 1933 in Südfrankreich vor den Nationalsozialisten in Sicherheit zu bringen. Zudem versprach der Hafen von Marseille die Möglichkeit, im Bedarfsfall weiterziehen zu können.
Vor allem Schriftsteller, Künstler und andere Intellektuelle waren früh alarmiert. Einige hatten Marseille und Umgebung bereits vor der Machtübernahme Hitlers aufgesucht. Andere taten es ihnen bald darauf gleich, wobei sich Thomas Mann und sein Kollege Lion Feuchtwanger im 50 Kilometer entfernten Sanary-sur-Mer einquartierten.
Während der Nobelpreisträger nach viereinhalb Monaten eine Professur in den USA annahm, sollte Feuchtwanger sieben Jahre bleiben - was ihm beinahe zum Verhängnis geworden wäre.
Wie Ina Bérato am Hafen des beschaulichen Küstenortes erklärt, sind die berühmten Bewohner Sanarys nach Ende des Zweiten Weltkriegs schnell in Vergessenheit geraten. Doch seit ein paar Jahren verzeichnet die Touristenführerin ein steigendes Interesse an den Geflüchteten, die hier nicht isoliert waren: Eine an der Außenwand des Tourismusbüros angebrachte Gedenktafel weist fast 70 klangvolle Namen aus. Genug für Sanary, sich neuerdings als „Hauptstadt des künstlerischen und literarischen Exils“ zu bezeichnen.
Ein acht Kilometer langer Wanderweg führt zu 21 Domizilen ehemaliger Exilanten. Vor den meisten Bauten erinnern kleine Schautafeln an die Bewohner, deren Texte Bérato geschrieben hat. Der attraktivste Teil des Parcours beginnt am „Hotel de la Tour“, wo Klaus Mann lange genug in Zimmer 17 gewohnt hat, um die Adresse in seinem Briefkopf zu führen. Am 11. Mai 1933 musste er dort in einer deutschen Tageszeitung lesen, dass in München tags zuvor seine Bücher öffentlich verbrannt worden waren.
Mutter Katia und Vater Thomas hatten sich da bereits in der Villa La Tranquille eingerichtet, wo das Paar auch Literaturabende organisierte. Das Haus - 1944 von den Nazis abgerissen und später wieder aufgebaut - befindet sich in bevorzugter Lage am Chemin de la Colline.
Nur wenige Meter entfernt bezogen zwei Jahre später Alma Mahler-Werfel und der Schriftsteller Franz Werfel eine umgebaute Windmühle. Auf der anderen Seite des Hügels lebte mit Aldous Huxley ein britischer Star-Autor, um die Ecke residierten die Feuchtwangers.
Die Häuser in den Straßen Sanarys sind von Bougainvillea umgeben, es duftet nach Pinien, und das Meer glitzert überschwänglich. Wer hier spazieren geht, kann sich leicht vorstellen, wie wohl sich die Kreativen gefühlt haben müssen, bis sie nach Übersee weiterzogen - oder von der Nachrichtenlage eingeholt wurden. Da Feuchtwanger nicht wahrhaben wollte, dass er in Südfrankreich nicht sicher war, musste er sich am 21. Mai 1940 im Camp des Milles vor den Toren von Aix-en-Provence melden.
Wie Magdalena Schräder dort erklärt, war die ehemalige Ziegelfabrik damals gerade in ein Internierungslager für sogenannte Schutzhaft umgewandelt worden. „Grund war die Sorge der französischen Regierung, die Exilanten könnten den Einmarsch der Nazis vorbereiten.“ Eine aberwitzige Vorstellung, so die gebürtige Deutsche, die vor Ort als kulturelle Vermittlerin arbeitet. „Es handelte sich ja um Menschen, die vor den Nazis geflüchtet waren.“
Als die deutschen Truppen nur wenige Wochen später Frankreich förmlich überrollt und zu 60 Prozent besetzt hatten, wurde aus der laxen Schutzhaft eine deutlich strengere „Haft für unerwünschte Ausländer“. Der Tiefpunkt folgte 1942, als Camp des Milles zum Deportationslager wurde. Über 2.000 Gefangene wurden per Zug nach Auschwitz abtransportiert.
Wie Schräder ausführt, nahm das Camp 1947 seine ursprüngliche Funktion als Ziegelfabrik auf. Das Internierungslager löschte die Bevölkerung zügig aus ihrem Gedächtnis. Erst 1983, als die mittlerweile stillgelegte Fabrik abgerissen werden sollte, endete die Amnesie.
Gegen den mehrheitlichen Willen der Bevölkerung von Les Milles wurde die Einrichtung einer Gedenkstätte beschlossen, die Einblicke in die damaligen Lebensumstände bietet. Seit 2012 ist diese mit Museum und Forschungszentrum für Genozide in Betrieb.
Lion Feuchtwanger hatte das Glück, zur ersten Generation der Gefangenen gehört zu haben. Daher durfte er sich um Transitpapiere und Visa bemühen. Nach etlichen Wirrungen gelang ihm tatsächlich die Flucht in die USA. Maßgeblichen Anteil daran hatte Varian Fry, nach dem heute der Vorplatz des US-Konsulats in Marseille benannt ist.
Der amerikanische Journalist leitete von Mitte 1940 bis 1942 das Emergency Rescue Committee, das unter anderem von der First Lady und Menschenrechtsaktivistin Eleanor Roosevelt unterstützt wurde. Er und sein Team retteten über 2.000 Schriftsteller, Künstler und andere Verfolgte vor dem Tod.
Auch Frys Geschichte war weitgehend in Vergessenheit geraten, bis ihn die Netflix-Serie „Transatlantic“, basierend auf dem Roman „The Flight Portfolio“ von Julie Orringer, 2023 zurück ins kollektive Gedächtnis holte. Seitdem finden vermehrt Touristen den Weg zum Place Varian Fry, der wegen seiner Nähe zum Konsulat streng bewacht wird. Anders als noch vor wenigen Jahren müssen Besucher nicht mehr umständlich nach weiteren Spuren der Flüchtlingsgeschichte suchen.
Unweit des glanzvollen Museums der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers (MUCEM) befindet sich seit 2019 in einem ehemaligen deutschen Bunker das „Mémorial des déportations“. Einen Steinwurf entfernt im Viertel Le Panier weisen Wandgemälde auf die Rolle der Stadt als Zufluchtsort der 1930er und 40er Jahre hin.
Mit dem wiedererwachten Interesse an den Exilanten ist auch die „Association Varian Fry France“ in den Fokus gerückt, die sich um das Vermächtnis des Aktivisten kümmert. Vorsitzender ist der amerikanische Hochschullehrer Philip Breeden, der vorher US-Konsul in Marseille war. Er schreibt das Interesse an Fry auch der angespannten weltpolitischen Lage zu, in der immer mehr Grenzen erneut geschlossen seien.
Der Netflix-Serie attestiert Breeden hohen Unterhaltungswert - wenngleich sich die biografische Genauigkeit in Grenzen halte. Großartig sei, dass Fry die Würdigung erfahre, die er verdiene. Wenn die Menschheit etwas von ihm lernen könne, dann dies: „Jeder Einzelne kann große Dinge bewegen.“ Im Falle Lion Feuchtwangers waren es 18 zusätzliche Lebensjahre in den USA.
Reiseziel: Marseille liegt an der Côte d’Azur, Sanary-sur-Mer rund eine Autostunde südöstlich die Küste runter.
Reisezeit: Die Gegend ist ein Ganzjahresziel, wobei viele Hotels und Restaurants im Winter geschlossen haben. Dafür erhalten Besucher von November bis März einen authentischen Eindruck vom beschaulichen Leben vor Ort, das früheren Zeiten ähnelt.
Anreise: Marseille ist von Frankfurt aus per ICE und TGV saisonal ohne, sonst mit einem Umstieg erreichbar (bahn.de; www.sncf-connect.com/de-de/bahn/strecke/frankfurt-am-main/marseille). Nonstop-Flüge bietet die Lufthansa ab Frankfurt und München an (lufthansa.com). Ryanair fliegt von Berlin aus ohne Zwischenstopp (ryanair.com). Transfer vor Ort mit ÖPNV oder Mietwagen.
Museen und Erinnerung: Der Eintritt ins Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers (MUCEM) kostet regulär 11 Euro (https://mucem.org); wer die Gedenkstätte Camp des Milles besucht, zahlt 14 Euro (campdesmilles.org); die Dauerausstellung in der Gedenkstätte im „Mémorial des déportations“ ist kostenfrei (musees.marseille.fr/memorial-des-deportations-0)
Weitere Informationen: marseille-tourisme.com; sanary-tourisme.com/de
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