Nominierte für Buchpreis als „Spiegel unserer Zeit“ | FLZ.de

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Veröffentlicht am 11.08.2026 10:01, aktualisiert am 11.08.2026 14:05

Nominierte für Buchpreis als „Spiegel unserer Zeit“

“Um die Literatur müssen wir uns derzeit keine Sorgen machen.“ (Symbolbild) (Foto: Marcus Brandt/dpa)
“Um die Literatur müssen wir uns derzeit keine Sorgen machen.“ (Symbolbild) (Foto: Marcus Brandt/dpa)
“Um die Literatur müssen wir uns derzeit keine Sorgen machen.“ (Symbolbild) (Foto: Marcus Brandt/dpa)

Da sind die Essenslieferanten als Chronisten unserer globalisierten Gegenwart, die junge Zwangsarbeiterin auf einem norddeutschen Hof in Kriegszeiten und die Träume eines Programmierers in der DDR. Und da ist die Kindheit in einer Kommune in Berlin-Kreuzberg der 1980er Jahre, die Kurdin, die politisch verfolgt wird, und der Kurztrip eines Paares nach Heidelberg, dessen Ehe zunehmend außer Form gerät.

20 ganz unterschiedliche Romane haben es auf die mit Spannung erwartete Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. 17 der Autorinnen und Autoren sind zum ersten Mal nominiert, wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bekanntgab. Am 8. September wird die Liste dann auf die sechs Titel umfassende Shortlist verkürzt. Der Sieger oder die Siegerin wird am 5. Oktober in Frankfurt verkündet - am Tag vor Eröffnung der Buchmesse. 

„Das Vergangene ergründen, um Gegenwart zu verstehen“

„Wir wollen die Vielfalt dieses Literaturjahrgangs zeigen“, erklärt Jurysprecherin Cornelia Geißler von der „Berliner Zeitung“. Was aber bei aller Unterschiedlichkeit auffällig sei: „Die Romane sind ein Spiegel unserer Zeit.“ 

Und: „Das Vergangene ergründen, um Gegenwart zu verstehen“ - das finde sich in den Titeln auf ganz unterschiedliche Weisen. „Stilbewusst, innovativ, durchaus auch mit Witz zeigen die Autorinnen und Autoren die Verletztheit ihrer Figuren, begleiten Aufbrüche in eine andere Zukunft“, sagt Geißler. „Wie soll man sich zurechtfinden in einer Welt, in der Verunsicherung um sich greift? Wir sind überzeugt: Lesen hilft. Dies sind die Bücher dafür.“

Hier ist die Longlist in alphabetischer Reihenfolge:

  • Shida Bazyar: Die Lücken 
  • Helene Bukowski: Wer möchte nicht im Leben bleiben
  • Miriam Carbe: Unerwünschte Töchter
  • Muri Darida: King Cobra
  • Alisha Gamisch: Parasiti 
  • Franziska Gänsler: Orca
  • Tomer Gardi: Liefern
  • Valeria Gordeev: Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle
  • Elias Hirschl: Schleifen
  • Svenja Leiber: Nelka
  • Leh-Wei Liao: Glaszeit 
  • Peggy Mädler: Selbstregulierung des Herzens
  • Giuliano Musio: Aus anderem Holz
  • Yade Yasemin Önder: Anti Müller
  • Lukas Rietzschel: Sanditz
  • Ingo Schulze: Das Wasser im August
  • Heinz Strunk: Memories of Heidelberg 
  • Karosh Taha: Gulistan
  • Lilli Tollkien: Mit beiden Händen den Himmel stützen
  • Dana Vowinckel: Anton und Alma

Prominente Namen - und sechs Debüts

Zu den prominenten Namen auf der Liste zählen sicher Ingo Schulze und Heinz Strunk, die - ebenso wie Shida Bazyar - bereits in der Vergangenheit auf der Longlist standen. Schulze erhält für seinen nun nominierten Roman „Das Wasser im August“ auch den Uwe-Johnson-Preis 2026. Strunk erweist sich in seinem tragisch-komischen „Memories of Heidelberg“ als Beobachter zwischenmenschlicher Abgründe. 

Aber auch neue Stimmen werden berücksichtigt. Gleich sechs Romandebüts haben es auf die Liste geschafft – und zwar von Miriam Carbe, Muri Darida, Alisha Gamisch, Valeria Gordeev, Leh-Wei Liao und Lilli Tollkien. In „Unerwünschte Töchter“ erzählt Carbe eine Familiengeschichte in einem ganzen Jahrhundert. Gamisch folgt in „Parasiti“ den Lebenswegen dreier russlanddeutscher Frauen. Bachmann-Preisträgerin Gordeev erzählt von einer Familie zwischen Kiew, Moskau und Berlin und einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. 

Und wie steht es um die sprachlichen Besonderheiten?

Auffällig ist, dass in einigen Romanen – etwa von Gordeev, Darida, Gamisch und Liao – Elemente aus anderen Sprachen einfließen. „Wir sind sehr angetan davon, wie markant und erhellend biografische Mehrsprachigkeit in literarischen Reichtum mündet“, sagt Geißler.

Und generell würde der Trend zum autofiktionalen Schreiben eher zurückgehen. „Es gibt weniger Selbstbeschau. Stattdessen geht es um größere Themen, die die Gesellschaft betreffen, die anhand einzelner Figuren verhandelt werden.“ 

So erzählt etwa „Anton und Alma“ von einer großen Liebe in einer gespaltenen Welt. In „Gulistan“ geht es um das Leben einer Kurdin in einem Land, das sie anfeindet. In „Liefern“ erzählt Tomer Gardi von Ausbeutung und Menschlichkeit und macht Essenslieferanten zu Chronisten der Gegenwart. Und „Sanditz“, angesiedelt in einer fiktiven Lausitzer Kleinstadt, erstreckt sich von den 1970er Jahren bis hin zur Corona-Pandemie und zum Beginn des Ukraine-Krieges.

„Um die Literatur müssen wir uns derzeit keine Sorgen machen.“

Vielleicht führen die Verunsicherung und die Krisen auch dazu, dass besonders gute Bücher geschrieben werden, sagt die Jurysprecherin mit Blick auf das aktuelle Literaturjahr. Tatsache sei: „Um die Literatur müssen wir uns derzeit keine Sorgen machen.“

Insgesamt hat die Jury 205 Titel gesichtet, die zwischen Herbst 2025 und Anfang September 2026 erschienen sind oder noch erscheinen. Der Deutsche Buchpreis gilt als eine der wichtigsten Auszeichnungen im Literatursegment und ist mit insgesamt 37.500 Euro dotiert: Der Sieger erhält 25.000 Euro, die übrigen Autoren der Shortlist jeweils 2.500 Euro. Im vergangenen Jahr ging die Auszeichnung an Dorothee Elmiger für „Die Holländerinnen“.

© dpa-infocom, dpa:260811-930-512574/2


Von dpa
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