Es kann nicht jeder von sich behaupten, dass der Kanzler mal bei ihm zu Gast war. Thomas Fleischmann aus dem Markt Erlbacher Ortsteil Mettelaurach schon. Was sich dadurch bei ihm geändert hat? „Nichts”, lautet die spontane Antwort des jungen Mannes am Telefon. Es gibt aber auch noch eine etwas längere Version.
Die vermittelt der 35-Jährige ein paar Tage später im persönlichen Gespräch. „Die kochen auch nur mit Wasser” und „die allermeisten wollen gute persönliche Kontakte“, sind Fleischmanns Erfahrungen mit der Politik aus der Verbandsarbeit. Er ist Landesvorsitzender der bayerischen Jungbauernschaft und hat auf Ebene des Freistaats schon einige Begegnungen gehabt. Viele sprächen gerne mit jungen Leuten, weil es da oft ein wenig lockerer zugehe. „Man ist gleich per Du.“ Künftig wird er in der Kommunalpolitik als Gemeinderat in Markt Erlbach mitmischen.
„Den Olaf” hat er als „sehr freundlich, zuvorkommend und interessiert” erlebt. Der Kanzler habe versucht, auf Augenhöhe zu kommunizieren. Fleischmann: „Ich hatte den Eindruck, dass er aufnimmt, was ich sage.” Es sei ihm aber klar gewesen, dass er seine Vorschläge nicht sofort umsetzt. „Welche Argumente von mir irgendwo eingeflossen sind, weiß man nicht. Aber es gehört zur verbandlichen Arbeit, verschiedene Kanäle in die Politik zu nutzen.”
Scholz wird die Zeit auf dem Hof der Fleischmanns genossen haben. Denn in Berlin wehte ihm schon wenige Tage später ein wesentlich ungemütlicherer Wind um die Nase. Im Dezember stellte er dann die Vertrauensfrage im Bundestag und leitete damit das Ende seiner Kanzlerschaft ein. Vor diesem Hintergrund überrascht es Fleischmann auch nicht, dass er nach dem Besuch aus dem Kanzleramt nichts mehr hörte. „Ich habe ihm als Gastgeschenk ein paar Samen übergeben, aber ich weiß nicht, ob sie überhaupt ausgesät wurden.”
Davor jedoch war er erfreut, dass der Kanzler nach dem ersten Zusammentreffen auch einem zweiten und schließlich dem dritten in Mettelaurach zustimmte. Denn ursprünglich traf Fleischmann zusammen mit anderen jungen Leuten aus der Landwirtschaft Scholz auf der Grünen Woche. „Als es danach hieß 'Das möchte er fortsetzen', war das schon mehr, als wir erwartet hatten”, erinnert sich der Bio-Landwirt. Am Ende des zweiten Treffens im Kanzleramt habe er Scholz dann auf die Höfe der Teilnehmenden eingeladen. Dass er gerade nach Mettelaurach kam, bezeichnet Fleischmann aber ganz uneitel als „Zufall”. Scholz hatte einen Termin in Nürnberg – und da sei sein Hof einfach günstig gelegen.
An die Wochen vor dem Kanzlerbesuch erinnert er sich als eine spannende Zeit. Fast täglich sei die Polizei bei ihm gewesen. Fluchtwege wurden abgeklärt. Auch eine Delegation des Bundespresseamtes sei gekommen. „Die haben sich schon gewundert, warum der Bundeskanzler zu so normalen Menschen kommt.” Die Proteste der Landwirte, welche die Gespräche ausgelöst hatten, waren auch in Mettelaurach zu erwarten. Er habe sich deshalb schon überlegt, ob er das Risiko eingehen will, dass auf seinem Hof dadurch ein Schaden entsteht.
Die Sicherheit sei auch der Grund gewesen, dass die Nachricht vom Kanzlerbesuch erst relativ kurzfristig öffentlich wurde. Doch die Demonstrierenden, die da waren, hätten sich mit der Polizei abgesprochen, alles sei gut verlaufen. Als Gastgeber sei es seine Entscheidung gewesen, wer zu dem Besuch kommen kann. Er verstand, dass Bürgermeisterin und Landrat den seltenen Gast auch persönlich begrüßen wollten, sorgte aber auch dafür, dass „wir mal ohne Presse und ohne Zuhörer gemütlich auf der Terrasse sitzen konnten.”
Im Vorfeld hatte das Umfeld des Kanzlers auch kontrolliert, welche der Maschinen auf dem Hof, zum Beispiel wegen Verletzungsgefahr „kanzlertauglich” sind. Olaf Scholz durfte den Bulldog besteigen, den Mähdrescher aber versteckte man etwas. Als der Kanzler spontan einen Abstecher zu den Zaungästen unternahm, habe er damit bei den Sicherheitskräften für Schweißausbrüche gesorgt, schildert Fleischmann. Aber es kam nicht zu Zwischenfällen.
Viele hätten im Vorfeld ihm gegenüber ihren Unmut gegenüber Scholz kundgetan, erzählt der schon während seiner Ausbildung ausgezeichnete Landwirt. „Aber die meisten fanden's cool, dass ich den Bundeskanzler geholt habe.” Er sei kein großer Selbstdarsteller, aber für seine Verbandsgespräche in den Wochen danach habe der Kanzlerbesuch einen guten Gesprächsanlass und -einstieg geliefert.
Dass er bei der Kommunalwahl wegen des Kanzlerbesuchs wesentlich mehr Stimmen bekommen hat, glaubt der Mettelauracher nicht. Auch im Gemeinderat will er so wirken, wie er es im Verband versucht: als jemand, der nicht die Person, sondern die Sache in den Vordergrund stellt.
Wichtig ist ihm, „dass man freundlich miteinander umgeht. Jeder hat unterschiedliche Prägungen. Das muss man respektieren.” Meist sei der Mittelweg der richtige. Deshalb betrachte er es mit Sorge, dass die Leute sich immer mehr den politischen Rändern zuwenden. Seine Überzeugung dagegen lautet: „Ohne Kompromissbereitschaft funktioniert das Ganze nicht.”.