In der Woche ab Montag, 19. April 1926, kommt der „Groß-Zirkus Geschwister Birkeneder” nach Ansbach. Die Bürgerinnen und Bürger fiebern den Vorstellungen entgegen, während das Zelt auf der Inselwiese aufgebaut wird. Die erste Show ist am Donnerstagabend zu erleben, in der Buchhandlung Eichinger gibt es Karten im Vorverkauf.
„Es ist das erstemal, daß ein derartiges großes Unternehmen ein Gastspiel hier gibt. Allein die riesigen Zeltanlagen, vom Riesenzuschauerzelt bis zum kleinsten Requisitenzelt, sind schon eine Sehenswürdigkeit für sich”, beschreibt die Fränkische Zeitung. „Daneben ist es der große exotische Tierpark und der prächtige Marstall, der nirgends seine Anziehungskraft verfehlt. Aus dem Tierpark ist es vor allem die große Löwennummer, die überall berechtigtes Aufsehen erregt. Dem Gastspiel, das für Ansbach wie überall eine große Sensation bedeutet, darf man mit Spannung entgegensehen.”
Für die Künstlerinnen und Künstler und alle weiteren Beschäftigten des Zirkusbetriebes werden „circa 100 Zimmer benötigt”, heißt es in einer Annonce. „Die verehrliche Einwohnerschaft wird um Entgegenkommen gebeten. Auch wird für die große exotische Tierschau täglich 1 Schlachtpferd benötigt. Offerten über nur seuchenfreie Tiere, eventuell aus Notschlachtungen, erbeten an die Direktion des Circus.”
Erwartet werden zu den Vorstellungen zahlreiche Gäste aus dem Umland, „denn die Reklamekolonnen des Zirkus Birkeneder arbeiten weit über die Grenzen der Stadt hinaus”, erklärt die Redaktion. „Viele auswärtige Schaulustige werden nach Ansbach kommen, so daß auch die hiesige Geschäftswelt viel Nutzen durch den Zirkus Birkeneder haben wird.”
Die viermal im Jahr stattfindende Mess' lockt ebenfalls etliche „Leute vom Lande” in die Stadt. Nach einem Pressebericht in der Vorwoche über eine mögliche Verlegung der Messe vom Oberen und Unteren Markt an die Promenade wird nun im Stadtrat diskutiert: „Wie der Vorsitzende mitteilt, sind im Laufe der letzten Jahre gelegentlich der Messe Mißstände zutage getreten, insbesondere auf dem Gebiet des Feuerschutzes, und dadurch, daß eine Reihe von Anwesensbesitzern dagegen Stellung nahmen, daß vor ihren Geschäften Meßbuden aufgestellt wurden.”
Der Beschluss im Gremium: Von einer Verlegung soll zunächst abgesehen werden, weil sich der Schutzverein für Gewerbe und Handel und der Gewerbeverein der Gastwirte gegen den Standortwechsel ausgesprochen haben. „Wenn weitere Beschwerden der Anwohner kommen, muss dann aber mit der Verlegung Ernst gemacht werden.” Stadtrat Stinzing schildert, dass es zu Beginn der Messe „regelmäßig Skandalszenen” gebe. „Er wünscht, daß die Hausbesitzer nicht mehr skandalieren, wenn die Meßbuden aufgestellt werden.”
Mit einer Ausstellung in der Karlshalle wird die bereits groß angekündigte „Reichsgesundheitswoche” eröffnet. „In geschmackvoller Aufmachung, der die reiche Ausstattung mit Zierbäumchen und Sträuchern aus der Hofgärtnerei in dem prächtigen Raum eine besonders freundliche Note gibt, wird hier die Gesundheitspflege vom volkstümlich-praktischen Standpunkt aus behandelt.” Weniger schön als die Aufmachung sind die Exponate: „In kolorierten anatomischen Präparaten werden Erscheinungen von Geschlechts- und Kinderkrankheiten, von Rachitis und Trunksucht vorgeführt.”
Ansprechender ist wohl der Bereich in der Ausstellung, der sich „der Säuglingsfürsorge” widmet: „In erster Linie ist hier das hygienische Säuglingszimmer mit seiner reichhaltigen Ausstattung zu nennen, zu der sowohl Geschäfte wie auch Private beigetragen haben. Die Wickelkommode wurde aus privatem Besitz zur Verfügung gestellt. Die Firma Stößel zeigt alle erdenkliche Wäsche für die kleinen Lieblinge. Die Firma Schmetzer zeigt ihren glänzenden Ruf begründende Fabrikate, so vor allem zwei prächtige Kinderwagen, dann ein Gitterbett und ein Kinderlaufgitter.”
Auch am Städtischen Mädchenlyzeum, am Theresieninstitut, hat das neue Schuljahr begonnen. Dort werden in den sechs Jahrgangsstufen insgesamt 172 Schülerinnen unterrichtet. Die sechste Klasse besuchen nun 19 Mädchen. Sie werden nach ihrem Abschluss am Lyzeum die Chance haben, an die neu geschaffene Oberrealschule zu wechseln. „Einer Bekanntmachung des Kultusministeriums zufolge haben sich die Schülerinnen für die Zulassung an dieser höheren Lehranstalt einer Aufnahmeprüfung nur in Mathematik, Physik und Chemie zu unterziehen. Die endgültige Aufnahme ist von dem Bestehen der vorgeschriebenen Probezeit abhängig.”
Die Lehrkräfte sämtlicher Schulen werden vom Ministerium mit einer Sonderaufgabe betraut: Bei Schulausflügen haben sie „für genaue Einhaltung der einschlägigen oberpolizeilichen Vorschriften zum Schutz einheimischer Pflanzenarten Sorge zu tragen und darüber hinaus bei jeder Gelegenheit in der Jugend die Ehrfurcht vor der Natur zu wecken”.
Für den Gasthof zum Pfau wird ein „fleißiges, zuverlässiges Zimmermädchen” gesucht. Die Karosseriefabrik Karl Maurer stellt Wagner-, Schlosser-, Lackierer- und Sattlerlehrlinge ein. Und der Hautarzt Dr. Wolf und seine Frau, die praktische Ärztin Dr. Elsbeth Wolf-Jacob, sind von ihrer Reise zurückgekehrt, wie sie ihren Patientinnen und Patienten in einer Zeitungsannonce mitteilen.
Das Ehepaar hat im Dezember 1924 in der Karolinenstraße 5 eine Gemeinschaftspraxis eröffnet und ist seiner Zeit voraus: Die Ärztin trägt einen Doppelnamen, obwohl Frauen erst ab 1957 das Recht haben, nach der Heirat den eigenen Nachnamen zu führen. Dr. Elsbeth Wolf-Jacob gehört zu den nur rund 2500 Ärztinnen, die Mitte der 1920er Jahre im gesamten Deutschen Reich praktizieren.
Am Abend des 20. April feiert die Ortsgruppe der NSDAP im evangelischen Vereinshaus Hitlers Geburtstag. Alle Parteimitglieder mit Angehörigen sind zum Kommen verpflichtet, „Gesinnungsfreunde sind willkommen”. Festredner ist Max Sauerteig, Pfarrer an der Johanniskirche, fanatischer Nationalsozialist und ein persönlicher Freund Hitlers.
Dann geht's endlich los im Birkenederschen Zirkuszelt; bei der Ansbacher Premiere am Donnerstag und am Wochenende bilden sich lange Schlangen an den Eingängen. „Was hier geboten wird, ist tatsächlich das Beste, was man bisher auf diesem Gebiete sehen konnte”, schwärmt die Lokalredaktion. „In jeder Vorstellung 14 fauchende Quovadis-Löwen! Ein gigantischer Löwen-Ringkampf! Mensch gegen Bestie!”