Ansbacher Alltag vor 100 Jahren: Kein Wasser mehr aus Gersbach | FLZ.de

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Veröffentlicht am 31.08.2024 10:23

Ansbacher Alltag vor 100 Jahren: Kein Wasser mehr aus Gersbach

Diese historische Aufnahme – vermutlich um die Jahrhundertwende aufgenommen – zeigt das 1898 eröffnete Wasserwerk in Gersbach. Eine defekte Druckrohrleitung sorgte hier im August 1924 für Probleme. (Repro: Alexander Biernoth)
Diese historische Aufnahme – vermutlich um die Jahrhundertwende aufgenommen – zeigt das 1898 eröffnete Wasserwerk in Gersbach. Eine defekte Druckrohrleitung sorgte hier im August 1924 für Probleme. (Repro: Alexander Biernoth)
Diese historische Aufnahme – vermutlich um die Jahrhundertwende aufgenommen – zeigt das 1898 eröffnete Wasserwerk in Gersbach. Eine defekte Druckrohrleitung sorgte hier im August 1924 für Probleme. (Repro: Alexander Biernoth)

In der Woche ab Montag, 25. August 1924, wird die Gründung des Roten Kreuzes vor 60 Jahren gefeiert. Auf dem Ludwigsplatz gibt die Kapelle des Reiterregiments 17 ein Platzkonzert, danach folgt eine Straßensammlung. In der ersten Septemberwoche wird dann in Ansbach eine Haussammlung beginnen.

Das Ansbacher Rote Kreuz kümmert sich neben der Abhaltung von Sanitätskursen auch um „bedürftige Veteranen“ sowie um „Rhein- und Ruhrflüchtlinge“. Flüchtlinge auf der Durchreise werden vom Roten Kreuz am Bahnhof mit Lebensmitteln versorgt.

Kostkinderkontrolle durch die Frauen des Roten Kreuzes

Der Frauenverein des Roten Kreuzes ist seit dem Jahr 1907 für die Säuglingsfürsorge in der Stadt verantwortlich. Er betreibt eine Mutterberatungsstelle, wo die Mütter sich ärztlichen Rat zur Ernährung ihres Nachwuchses holen können. Angeschlossen ist eine Säuglingsmilchküche, wo abgestillte Kinder mit Nahrung in „sterilisierten und trinkfertigen Portionen“ versorgt werden.

Darüber hinaus betreiben die BRK-Frauen eine Tageskrippe, „um erwerbstätigen Müttern Gelegenheit zu geben, ihre Kinder tagsüber gegen geringes Entgeld versorgen zu lassen“. Dieses Angebot werde „in Zeiten günstiger Erwerbsmöglichkeit viel in Anspruch genommen“, schreibt die Fränkische Zeitung.

Schließlich üben die Frauen des Roten Kreuzes in der Stadt die „Kostkinderkontrolle“ aus. Das heißt, sie suchen in regelmäßigen Abständen die in Kostplätzen untergebrachten Kinder auf und überzeugen sich von ihrem gesundheitlichen Zustand.

Defekt an der Druckrohrleitung

An der Druckrohrleitung des Ansbacher Wasserwerks in Gersbach ist ein größerer Defekt aufgetreten. Wie die Direktion der Städtischen Werke mitteilt, ist dadurch „längere Zeit die Zufuhr von Wasser nach dem Hochbehälter an der Triesdorfer Straße unterbrochen“. Dadurch sei dort der Wasserstand so stark gesunken, „daß ein Teil der höher gelegenen Häuser nicht mehr mit Wasser versorgt werden konnte“.

Innerhalb von einem halben Tag konnte die Reparatur durchgeführt und die Wasserversorgung wieder aufgenommen werden. Es sei allerdings nicht ausgeschlossen, „daß sich in den nächsten Tagen an einzelnen Stellen der Stadt Trübungen des Wassers bemerkbar machen“. Das Wasser sei aber einwandfrei und trinkbar.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts reichten die Trinkwasserbrunnen der wachsenden Stadt nicht mehr aus, weshalb 1898 in Gersbach, einem Ortsteil von Mitteleschenbach, das Wasserwerk in Betrieb ging. Im Jahr 1968 kam das Wasserwerk in Schlauersbach, einem Ortsteil von Lichtenau, hinzu, weil die Quelle in Gersbach nicht mehr ausreichte.

Der Obst- und Gartenbauverein beklagt große Ernteverluste durch Schädlinge. Deshalb wird auf einer Versammlung im „Schwarzen Bock“ beschlossen, Hand-Giftspritzen anzuschaffen, die an die Vereinsmitglieder ausgeliehen werden können.

Von Ansbach in die weite Welt: Johann Bezold verkauft in seinem Laden an der Uzstraße Schiffspassagen nach Nord- und Südamerika, aber auch nach Cuba, Mexiko, Westindien, Afrika oder Ostasien. Die Hamburg-Amerika-Line, auch Harriman Line genannt, bietet zum Beispiel eine wöchentliche Abfahrt von Hamburg nach New York, laut Zeitungsanzeige eine „billige Beförderung mit vorzüglicher Verpflegung und Unterbringung in Kammern in allen Klassen“.

Morgen-Urin ist mitzubringen

Das Laboratorium Ludwig Näßl, das Urin-Untersuchungen zur Erkennung von Krankheiten anbietet, nimmt am Freitag, 29. August, wieder Aufträge entgegen. Zur Abgabe zwischen 9.30 und 17 Uhr im Hotel „Goldener Zirkel“ ist Morgen-Urin mitzubringen. In diesem Spätsommer ist es kalt in Ansbach: Am Donnerstag, 28. August, klettert das Thermometer tagsüber nicht über zwölf Grad, und in der Nacht zum Freitag fällt die Temperatur gar auf magere 3,5 Grad.

Bei der Protestversammlung der Ansbacher Hausbesitzer kann der Saal des Evangelischen Gemeindehauses den Andrang kaum fassen. Die Fränkische Zeitung stellt fest, „daß es sich bei den Hausbesitzern meist um Angehörige des Mittelstandes und zu einem nicht geringen Teil um Angestellte und Arbeiter handelt, keineswegs um wohlhabende Leute, wie es allenthalben hingestellt wird“.

Die Versammlung verabschiedet schließlich eine Resolution, in der die Aufhebung der Haussteuer und der Wohnungsbauabgabe gefordert wird. Auch fordern die Hausbesitzer, wieder die volle Friedensmiete kassieren zu dürfen, „weil es ein Unrecht ist, dem reich mit Glücksgütern gesegneten Teile der Mieter auf Kosten der Allgemeinheit, der Hausbesitzer, Hypothekgläubiger und Kleinrentner ständig Unsummen zu schenken“. Die Hausbesitzer fordern „endlich den raschesten Abbau der Zwangswirtschaft im Wohnungswesen, weil sie niemand zum Segen gereicht hat“.

Das Staatsministerium für soziale Fürsorge gibt in der gleichen Woche bekannt, dass die Miete auch im September 1924 nicht erhöht wird. Die Miete beträgt wie im August 68 Prozent der Friedensmiete in Goldmark, heißt es in einer Bekanntmachung des Staatsministeriums. Wegen der herrschenden wirtschaftlichen Verhältnisse sei demnach für weite Teile der Bevölkerung die Miete sonst nicht tragbar.


Winfried Vennemann
Winfried Vennemann
Redakteur
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