Die Fischerntewoche, die am Samstag, 1. November, startet, hat mit Hans-Günther Werdin einen Ideengeber, dessen Initiative im Jahr 1985 zu einem touristischen Höhepunkt im Jahreslauf der Stadt Dinkelsbühl geführt hat.
Um die Anfänge der Fischerntewoche Revue passieren zu lassen, muss das Rad der Zeit zurückgedreht werden: Der Gutsbesitzer Alfred Werdin kam nach dem Zweiten Weltkrieg aus Westpreußen nach Dinkelsbühl. Dort lernte er seine in der Pfluggasse wohnende spätere Frau Helene Schötz kennen. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor. Hans-Günther war der ältere von zwei Söhnen.
Der Start der Familie Werdin mit etwa 20 Hektar an Teichfläche nahe des heutigen Dinkelsbühler Stadtteils Neustädtlein war allerdings zu wenig, um ertragreich wirtschaften zu können. So kaufte Alfred Werdin Wiesengrundstücke auf, um zusätzliche 80 Hektar Teiche anzulegen. Bei der Entlandung eines Weihers sank allerdings der angemietete Bagger ein und konnte nur mithilfe von dicken Eichenstämmen herausgeholt werden. „Die Bergung war überaus teuer“, erinnert sich Hans-Günther Werdin, der als Kind die Aktion verfolgte. In der Folge wurde deshalb Geld in einen eigenen Bagger investiert.
Bald entstand in der ehemaligen Lohmühle ein Betriebsgebäude für die benötigten Fischerei-Utensilien. 1955 musste die Lohmühle für ein Wohnhaus weichen. Das vormalige Landgut der Werdins in der Nähe der heute polnischen Stadt Posen hieß Freundstal und wurde zum Namensgeber für das neue Domizil der Familie inmitten von Teichen.
Hans-Günther Werdin absolvierte nach der Schule eine Lehre als Fischwirt und wurde in diesem Metier Meister. Parallel dazu betrieb er die international vernetzte Beratungsfirma „planfish“. Aus erblichen Gründen pachtete Hans-Günther Werdin den Betrieb von seinem Vater und managte fortan alles alleine. Er hatte drei feste Mitarbeiter und fünf bis zehn Saisonkräfte.
Die Arbeit wurde mit den Jahren allerdings zunehmend schwieriger und erforderte den Einbau neuer Technik und einer Abfischanlage mit Betonkanälen. In einem 7000-Liter-Bassin wurden alle Fische eines Weihers gezählt und nach Art und Größe sortiert. Ein Großteil des mit regionalem Futter aus Weizen und Gerste aufgewachsenen Fangs wurde schließlich mit dem Lkw zur Kundschaft gebracht.
Allerdings drängten im Laufe der Jahre Billigfische auf den Markt: In der Tschechoslowakei, Polen, Ungarn und in der DDR wurde der Kilopreis, der in der damaligen Bundesrepublik verlangt wurde, deutlich unterboten. „Ich konnte für diesen Preis nicht mehr produzieren“, erinnert sich Hans-Günther Werdin. Die harte Arbeit entwickelte sich für ihn zu einem Draufzahlgeschäft.
Das Suchen nach Alternativen habe sich allerdings schwierig gestaltet, meint er rückblickend. Angelvereine wurden beliefert, die für ihre Baggerseen nach möglichst großen Fisch-Exemplaren verlangten. Auch der Versuch mit einer Fischräucherei brachte Werdin nicht den erhofften Durchbruch.
Die zündende Idee kam 1985: „Wenn die Leute schon nicht zu den Fischen kommen, dann bringen wir die Fische zu den Menschen“ lautete der Gedanke. In Zusammenarbeit mit dem damaligen Verkehrsamt und anderen Beteiligten wurde die Idee der Fischerntewoche geboren.
„Wir haben acht Aquarien auf dem Lkw aufgebaut und sind vor die Schranne gefahren“, erzählt der Teichwirt von der ersten Auflage, die auf den Tag genau am 1. November vor 40 Jahren eröffnet wurde. Am Beispiel der Forelle wurde auf Schildern und Plakaten die Fischproduktion anschaulich erklärt. Vom Ei über die winzigen Brütlinge, den Setzling und den Speisefisch bis hin zum drei Kilogramm schweren Mutterfisch waren dort inmitten der Altstadt alle Größenordnungen zu bestaunen.
Bereits im Folgejahr galt es, Änderungen und Zusatzangebote einzubauen, erklärt Werdin. Diesmal stand der Karpfen im Fokus. Angefangen vom zwei Gramm wiegenden kleinsten Karpfen über 50-Gramm-Exemplare und 500 Gramm schwere Fische bis zu den kapitalen Speisefischen waren die Entwicklungsstadien nachzuverfolgen, übertroffen nur noch von einem 20 Kilogramm schweren Mutterkarpfen.
„Wichtig war mir, dass nicht nur der Fisch selbst Interesse weckt, sondern das Drumherum auch passt“, meint Werdin heute. Eine Ausstellung im angemieteten Schrannensaal zu passenden Themen rund um den Fisch – dazu zählten Bücher, Wein, Kleidung, Geschirr, Angelbedarf, Räucherofen, Fischpräparator und Angelreisen – sei bei den Menschen gut angekommen. Ebenso wichtig sei die Beteiligung der Gastronomie gewesen: Immerhin zwölf Wirte hatten sich damals für die Mitwirkung entschieden.
Wieder ein Jahr später wurden Raubfische wie Hecht, Zander, Barsch, Aal und Wels ins Rampenlicht gerückt. Beim Fischwettschwimmen konnten die Zuschauerinnen und Zuschauer ihre Favoriten anfeuern. Ein Schätzfragenrätsel und ein Malwettbewerb für die Kinder lockten auch das junge Publikum an. Fischkochkurse waren ebenfalls im Angebot.
Als die Stadt 1989 eine finanzielle Unterstützung für die aufwendig aufgebaute fränkische Teichwirtschaft mit allen dort vorkommenden Fischarten laut Werdin abgelehnt hatte, musste der Initiator Auslagen in fünfstelliger D-Mark-Höhe selbst tragen, sodass er sein Engagement mit Bedauern beendete. „Ich hätte noch viele Ideen gehabt“, so der 75-jährige Werdin heute und seine Frau Kyra ergänzt: „Wir waren schließlich eine kreative Familie!“ Presse, Rundfunk und Fernsehen hatten mehrfach lokal und überregional berichtet. Die Keimzelle der Fischerntewoche – das Teichgut Freundstal – wurde schließlich 1997 privat verkauft.
Die Fischerntewoche ist aber nach wie vor ein Besuchermagnet für Einheimische wie Touristen. „Ganze Reisegruppen aus Asien haben sich aber damals schon die Nasen an den Aquarien plattgedrückt!“, schmunzelt Werdin. Dass der Touristik Service die zu einem festen Begriff für Dinkelsbühl gewordene Fischerntewoche auch heutzutage mit „Vielfalt und Genuss“ bewerben kann, ist auch der Pionierarbeit von Hans-Günther Werdin vor 40 Jahren zu verdanken.
Die Fischerntewoche vom 1. bis 9. November in Dinkelsbühl steht unter dem Motto „Natur, Kultur und Kulinarik”. Die Gäste können den Teichwirten beim Abfischen der Weiher über die Schulter blicken und die idyllische Weiher- und Flusslandschaft in der Region erkunden. Eine Schauteichanlage am Altrathausplatz und die Aquarienschau des Fischereivereins ergänzen das Programm. Die heimische Gastronomie offeriert traditionelle und innovative Gerichte aus Süßwasserfischen, während auf dem Fischmarkt Räucherfisch verkauft wird.