Im Steigerwald entsteht ein Bürgerwindpark mit 19 Anlagen. Den Weg bis zur Genehmigung verglich Katrin Held, Geschäftsführerin beim Projektierer Naturenergie Zeilinger, mit einer Himalaya-Expedition. Rund 200 Millionen Euro werden investiert. Zur Unterzeichnung schaute auch Vize-Ministerpräsident Hubert Aiwanger in Baudenbach vorbei.
„Was sich im Steigerwald abspielt, ist gigantisch”, fand auch Staatssekretär Martin Schöffel (CSU), der als Vertreter von Ministerpräsident Markus Söder gekommen ist. Alleine die Zahlen des Projekts, die Held vortrug, belegen das eindrucksvoll.
Auf drei Flächen in sechs Gemarkungen (Scheinfeld, Oberscheinfeld, Markt Bibart, Baudenbach, Markt Taschendorf und Münchsteinach) sollen die Windparks errichtet werden.
Die 19 genehmigten Anlagen sollen jährlich rund 220 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen. Über eine Laufzeit von 20 Jahren entspricht das 4,4 Milliarden Kilowattstunden – oder umgerechnet 440 Millionen Liter Heizöl, die nicht importiert werden müssen, beziehungsweise bürgernäher ausgedrückt dem voraussichtlichen Bierausschank der Münchner Oktoberfeste der nächsten 63 Jahre.
Nun wurden also mit vielen Wegbegleitern und Beteiligten, darunter eben auch Aiwanger, die zentralen Projektverträge unterschrieben – der Startschuss für die Umsetzungsphase. Aus dem anfangs geplanten ruhigen Steigerwald-Spaziergang wurde schnell eine Himalaya-Expedition, kommentierte Reinhold Zeilinger, ebenfalls Geschäftsführer des gleichnamigen Projektierers, zum „Gang nach Canossa, nur ohne Papst”. Statt schöner Bergpanoramen habe man sich eben Paragrafen anschauen müssen. Und, so Held: „Wir hatten einen extrem steilen Anstieg und dieser Anstieg hieß Netzanschluss.” So manche schlaflose Nacht habe ihr das bereitet.
Die Netze sind voll, vor allem aber mit Strom aus Photovoltaikanlagen, erklärte die Geschäftsführerin. Also habe sich die Frage gestellt, wie dieses Thema klug gelöst werden kann. Die Herausforderung war letztlich, „dass sich für jede Lösung ein passendes Problem gefunden hat”. Frust machte sich breit. Bis an einem Abend gegen 20 Uhr Helds Telefon klingelte. Am Apparat: Hubert Aiwanger (FW). Der Minister machte den Netzanschluss zur Chefsache. So löste sich irgendwann alles in Wohlgefallen auf, eine Lösung wurde gefunden.
Die nächste Freude löste die Ausschreibung aus: Im November 2025 gingen 60 Prozent der Zuschläge der Bundesnetzagentur für Bayern in den Steigerwald, betonte Held. Das sei einmalig, wie das gesamte Projekt. Denn auch die 200 Millionen Euro hebe man nicht mal eben schnell bei der Sparkasse ab. 40 Finanzierungsgespräche zählte die Geschäftsführerin auf ihrer Strichliste, zahlreiche Banken sind beteiligt. Und schließlich fand sich mit Enercon als Windrad-Hersteller auch noch der passende Technologie-Partner. 650 Verhandlungsstunden haben beide Seiten investiert, Ergebnis waren letztlich über 1000 Seiten Vertragswerk.
Richtig Fahrt aufgenommen hatte das Thema erneuerbare Energien vor Ort mit dem Krieg in Europa. Die Energiepreise explodierten und allmählich setzte sich die Erkenntnis durch: „Wer Energie exportiert, exportiert auch Abhängigkeit”, betonte Zeilinger. Mit dem Wind-an-Land-Gesetz kam die Vorgabe, 1,8 Prozent der Landesfläche Bayerns für Windkraft auszuweisen. „Wir agieren selbst und reagieren nicht nur”: Das war der Ansporn der sechs Bürgermeister, das Projekt anzugehen. Sie warteten eben nicht, bis anonyme Großinvestoren ein Kreuz auf die Landkarte malen und dann Windräder bauen, lobte Zeilinger. „Wir übernehmen Verantwortung.”
Die insgesamt 19 Windräder werden auf drei räumlich verteilten Gebieten entstehen. „Was hier gelungen ist, ist ein echtes Miteinander”, fand Reinhold Zeilinger. „Über 300 Grundstückseigentümerinnen und Grundstückseigentümer haben sich beteiligt.” Geplant ist außerdem eine umfangreiche Bürgerbeteiligung – mit einem Konzept, das es in dieser Form noch nie gegeben habe. Dieses werde aktuell noch geprüft, im Herbst wollen die Zeilingers es dann präsentieren. Erste Informationsveranstaltungen gibt es schon vorher, denn die Bürgerinnen und Bürger warten laut Held schon sehnsüchtig: am 27. März in der Baudenbacher Gemeindehalle, am 28. März im Oberscheinfelder Sportheim (Beginn jeweils 19 Uhr) und am 29. März ab 17 Uhr in der Scheinfelder Graf-Halle.
Diese Bürgerbeteiligung ist auch dem Gastgeber, Baudenbachs Noch-Bürgermeister Wolfgang Schmidt, enorm wichtig: „Die Menschen vor Ort müssen profitieren.” Die Motivation, sich am Projekt zu beteiligen, fand er in den Sommern 2017 bis 2021, extrem trockene Jahre seien das gewesen, was sich auch auf die gemeindeeigene Wasserversorgung ausgewirkt habe. „Jedem sind die Gefahren des Klimawandels bewusst”, betonte Schmidt. „Und wenn wir Verantwortung übernehmen wollen, ja, dann müssen wir das in die Hand nehmen.”
Selbstverständlich verändere sich durch das Projekt das Landschaftsbild, aber nun hätten es die Kommunen eben selbst in der Hand, könnten auf die Abstände zur Wohnbebauung achten, die Bürger beteiligen und die Wertschöpfung vor Ort halten. Diese bezifferte Landrat Dr. Christian von Dobschütz mit der Gewinnausschüttung an die Bürgerinnen und Bürger, der Gewerbesteuer und der Beteiligung der Gemeinden an den Kilowattstunden auf rund 8,5 Millionen Euro jährlich, die so im Landkreis blieben. Nein, die Milliarden sollten eben nicht für Öl in den Nahen Osten fließen, „ich will, dass das Geld hier bleibt”.
Vize-Ministerpräsident Aiwanger zeigte sich mit dem Kompromiss beim Netzanschluss zufrieden: „Wenn die Sonne nicht scheint, können die Windkraftanlagen volle Kanne ins Netz”, sonst würden sie eben unter Umständen runtergeregelt. Aber er sieht auch weitere Möglichkeiten, den Strom zu nutzen: ob in Rechenzentren, in großen Speichern, mit direkten Leitungen in Unternehmen mit hohem Energiebedarf oder als Umwandlung im Elektrolyseur in Wasserstoff. Das müsse die Zukunft bringen. Aiwanger war sich sicher, dass das Thema Wasserstoff wieder Fahrt aufnehmen werde. Er verspricht sich vom Steigerwald-Projekt aber noch weitere, große Vorteile, spricht von gelebter Wirtschafts- und Standortpolitik.
Der Landrat erhofft sich mit den 19 Windrädern einen weiteren Schritt zu Frankens Mehrenergie-Region. Schon jetzt liege der Landkreis in der Metropolregion Nürnberg auf Platz eins, was den Energieexport angeht. Entsprechend sieht er den Bürgerwindpark Steigerwald „als Leuchtturm, nicht nur wegen seiner Höhe”. Das Vorhaben sei „beispielhaft für die Energiewende in Bayern”.
Katrin Held verteilte an die Wegebner ein kleines Windrad-Rotorblatt aus Holz, eine limitierte Auflage. Das Erstexemplar erhielt Hubert Aiwanger. Held überreichte auch von Dobschütz ein solches Holz-Modell – er versprach einen Ehrenplatz. Schließlich wollen sich alle Beteiligten noch lange an diesen Tag erinnern. Denn, wie Held betonte: „Der Bürgerwindpark Steigerwald zeigt, wie Energiewende funktionieren kann: nicht fremdbestimmt, sondern selbst gestaltet, nicht anonym, sondern regional verankert und getragen von Kommunen, Grundeigentümern und Bürgerinnen und Bürgern gleichermaßen.” Und, um bei der Himalaya-Expedition zu bleiben: Das Gipfelkreuz ist zwar noch nicht erreicht, wie Held erklärte, aber es ist bereits in Sichtweite.