Bis zu sechs Mal Training die Woche, zwölf deutsche Meistertitel und glitzerndes Kostüm. Für Liana Wolf ist das kein Fasching – es ist Leistungssport. Die 23-Jährige aus Brodswinden betreibt seit ihrem fünften Lebensjahr karnevalistischen Leistungssport. Aktuell läuft vermutlich ihre letzte Wettkampfsaison.
Liana Wolf hat schon im Alter von fünf Jahren mit dem Tanzsport begonnen – zunächst in Wolframs-Eschenbach, später wechselt sie zur DJK Schwabach, da ihre Trainerinnen ihr „zu großes Potenzial“ attestierten, so Wolf. In ihrer ersten Wettkampfsaison wurde sie direkt fränkische Meisterin – 2011 zum ersten Mal Deutsche Meisterin. Seitdem tanzt sie kontinuierlich an der nationalen Spitze. Insgesamt ist die 23-Jährige neunfache Deutsche Meisterin als Solotanzmariechen – inklusive Gruppentiteln in der weiblichen Garde und im Showtanz sind es zwölf deutsche Meistertitel. Momentan tanzt sie bei den Besenbindern in Röttenbach bei Erlangen.
Wolf hat keine klassische „Faschingsbiografie“. Sie zieht eine klare Linie zwischen dem Sport und den Traditionen. „Ich bin eigentlich gar kein Fan von Fasching, Karneval, allem Drumherum. Das ist gar nicht mein Ding“, erklärt Liana Wolf. Ihr persönlicher Fokus liegt nicht auf Auftritten, sondern auf Leistung, Wettkampf und sportlicher Entwicklung. „Ich bin mehr Sportler als Karnevalist.“ Ihr aktuelles Trainingspensum liegt bei fünf bis sechs Einheiten pro Woche, da die deutschen Meisterschaften Ende März wieder für sie anstehen – als Kind waren es bereits drei bis vier Einheiten.
Gardetanz ist ein hochreglementierter Leistungssport, bei dem Technik, Schwierigkeit, Haltung, Ausdruck und Sauberkeit bewertet werden. Mehrfache Titel über Jahre hinweg kommen selten vor. Die Belastung ist im Gardetanz besonders hoch, denn zu dem Sport gehören die frühe Spezialisierung, ein ästhetischer Bewertungsmaßstab und eine Vergleichbarkeit auf höchstem Niveau. „Die mentale Herausforderung ist mittlerweile größer als die körperliche“, so Wolf.
Die junge Frau erläutert, dass das jahrelange Tanzen an der Spitze eine hohe Erwartung von außen und an den eigenen Perfektionsanspruch mit sich bringt. Mentales Training ist inzwischen fester Bestandteil ihres Programms. Liana Wolf arbeitet mit einer Sportpsychologin im Verein zusammen. Zudem nutzt sie auch Techniken im Alltag, wie positive Affirmationen, mentale Routinen und bewusste Regeneration.
Die Brodswindenerin erklärt: „Je älter man wird, desto mehr Kopf macht man sich. Wenn du oben mitspielen willst, musst du auf einiges verzichten.“ Nicht nur wenig spontane Freizeit, Einschränkungen bei Treffen mit Freunden und in der Urlaubsplanung, sondern auch hohe Selbstdisziplin und frühe Verantwortung gehören seit fast zwanzig Jahren zu ihrem Leben dazu.
Nach dem Abitur hatte sie den Wunsch nach Freiheit, begann zu reisen, jedoch wurde dies in Indonesien durch die Corona-Pandemie unterbrochen. Insgesamt machte Wolf eine Wettkampfpause von fünf Jahren. Die Gründe dafür waren äußere Umstände und der bewusste Abstand vom Leistungssport. „Ich hatte einfach keinen Bock mehr und hab’ mich zu sehr an die Freiheit gewöhnt“, erzählt die Studentin. Doch dann war sie als Zuschauerin auf einem Wettkampf und der alte Ehrgeiz war wieder da. „Ich hab’ mir gedacht: Eigentlich kann ich das auch – und vielleicht sogar besser.“
Die aktuelle Saison ist jedoch bewusst der letzte Abschnitt, da für sie nun eine neue Lebensphase startet. Trotzdem bedauert sie ihre Wiederkehr nicht: „Ich würde nichts missen wollen aus den letzten Jahren.“ Das Elternhaus in ihrer Heimat Brodswinden ist bis heute zentraler Anker und ein emotionaler Rückzugsort für Wolf: „Brodswinden ist für mich mein Safe Space.“ Trotz des Umzugs nach Erlangen hat sie immer noch eine enge Verbindung zu Familie, Schulfreunden und der Region Ansbach.
Für ihre Zukunft plant sie zunächst einmal, ihr Studium abzuschließen und sich mehr darauf zu fokussieren, Lehrerin in den Fächern Englisch und Geschichte zu werden, bevorzugt in Mittelfranken. Langfristig möchte sie erst einmal viel Freizeit nachholen und neue Sport- und Tanzarten ausprobieren.
Eine Anfrage aus dem Verein, ob sie zukünftig den Nachwuchs trainieren wolle, liegt vor, jedoch hat sie sich noch nicht entschieden. Für Liana Wolf besteht zunächst der Wunsch nach Abstand zum karnevalistischen Tanzsport nach ihrem Karriereende: „Ich glaube, ich brauche erst einmal ein, zwei Jahre Abstand von der Bubble.“ Ihre Motivation für später wäre vor allem die mentale Unterstützung junger Tänzerinnen, ein gesünderer Umgang mit Körperbildern und eine neue, reflektierte Trainergeneration.