Zeitkapseln gewähren einen Blick in die Vergangenheit. Häufig sind sie in Kirchtürmen oder irgendwo im Mauerwerk eines Gebäudes versteckt. Entsprechend selten kommen solche Relikte wieder ans Tageslicht. Bei den Abbrucharbeiten der Villa am Drechselsgarten wurde so eine Zeitkapsel entdeckt. Ein emotionaler Schatz.
Als Johann Stein die Zeitungsartikel über die ehemalige Villa am Drechselsgarten liest, die hoch über Ansbach thronte und nun einem Gebäudekomplex Platz machen soll, kommt der 82-Jährige ins Grübeln. „Da blutet einem das Herz bei diesen Bildern.“ Das zweigeteilte Anwesen hatten im Jahr 1954 die Arbeiter der noch immer bestehende Firma seines Vaters erbaut. Johann, damals gerade freche 13 Jahre alt, begleitete seinen Vater immer mal wieder mit auf die Baustelle. Aber nicht, um Mörtel anzurühren oder den Arbeitern zur Hand zu gehen. Und das lässt ihn noch heute schmunzeln.
„Mauern hat mich nicht interessiert. Ich bin mit, weil ich da immer neues Spielzeug bekommen hab’“, erinnert er sich mit einem Grinsen, das ein wenig traurig über die vielen bereits vergangenen Jahre scheint, genauso aber die Freude aus Kindheitstagen widerspiegelt. 1954 war das, als die Firma Stein aus Wachsenberg bei Neusitz den Zuschlag erhielt. Auftraggeber war kein geringerer als Max Schmidt, Chef der Firma Bellmann & Co, auch als Beco bekannt.
„Das waren reiche Leut´, das hat man am sicheren und bestimmten Auftreten gemerkt. Und an den teuren Autos“, beschreibt Johann Stein die damalige Situation des Ehepaares Max und Frieda Schmidt. „Der Name war mir gleich präsent.“ Seit 1945 war die Firma Bellmann in Ansbach angesiedelt und produzierte recht erfolgreich so ziemlich alles, was sich Arm wie Reich in den Jahren des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg leisten konnte. Neben den bekannten bruchsicheren Weihnachtskugeln waren das eben auch Spielzeugautos.
So gab der Fabrikant eine standesgemäße Villa in bester Wohnlage am Drechselsgarten und unweit der Fertigungsstätte in der Brauhausstraße in Auftrag. Der eigene Steinbruch der Firma Stein gab den Ausschlag. „Das war eine Sonderarbeit. Nur wenige Firmen hatten solche Bruchsteine“, erklärt Johann Stein. „Alle acht Tage war der Herr Schmidt hier in Wachsenberg bei meinem Vater.“ Gab der firmeneigene Steinbruch nicht die gewünschte Ware her, „sind wir flugs nach Solnhofen gefahren und haben dort die Steine besorgt“, blickt der heutige Senior-Chef zurück.
So etwas ist schön. Das lassen wir einrahmen.
Ende Oktober 1954 stand die Villa kurz vor der Fertigstellung. Womöglich war es eine Laune der Maurer in geselliger Runde, die dazu führte, dass in eine der mannshohen Säulen am Eingang ein Schriftstück in einer leere Bierflasche deponiert und dort eingemauert wurde. Als nun die Abbrucharbeiten fortschritten, wurde Baggerfahrer Benedikt Schäfer darauf aufmerksam. Die Flasche ging zwar zu Bruch, ein Glücksfall bleibt es trotzdem, wie auch Sigi Kriegbaum von der Abbruchfirma Schneider&Sohn diesen Zufallsfund beschreibt. „Das hat jeden begeistert, der das mitgekriegt hat.“
Im Inneren der braunen Flasche mit dem für die damalige Zeit typischen Bügelverschluss fand sich ein als Erinnerung gekennzeichnetes Schreiben. „Mit viel Schweiss und Müh arbeiteten wir für die Firma Bellmann hier“, beginnt das im Laufe der Jahrzehnte nur leicht vergilbte Schriftstück. Im Zentrum steht ein frommer Wunsch der fleißigen Arbeiter für ihre Auftraggeber: „Durch diesen Eingang soll immer nur Glück und Segen kommen.“
Die Vertreter des Bauunternehmens und die zupackenden Helfer des Fabrikanten müssen sich gut verstanden und entsprechend Hand in Hand gearbeitet haben. Dafür spricht der Satz am Ende des Schriftstücks: „Die Männer von der Firma Stein, die der Mauer die Form gegeben und die Leute von der Firma Bellmann, die dieser Mörtel und Stein gegeben, wollen sich hier verewigen.“
Nach nicht einmal einem Jahr Bauzeit standen sämtliche Grundmauern, weiß Johann Stein noch heute. Es muss ein Prachtbau gewesen sein über den Dächern der Stadt in herrlicher Alleinlage. „Außenrum war fast gar nichts da“, beschreibt Johann Stein die damalige Randlage am Drechselsgarten.
Fast 70 Jahre später ist die Villa Geschichte. Max Schmidt, dessen Firma nach seinem Tod im September 1977 Konkurs ging, und seine Frau Frieda sind auf dem Ansbacher Stadtfriedhof begraben. Mit der Übergabe des Schriftstücks an Johann Stein schloss sich aber ein Kreis. „So etwas ist schön. Das lassen wir einrahmen“, sagte Johann Stein sichtlich gerührt.