Das Akkordeon gilt ja nicht gerade als das innovativste Instrument. Doch dieser Fehlmeinung lässt sich einfach korrigieren. Ein einziges Konzert von Yegor Zabelov genügt dafür.
Dieser Ausnahmekünstler, der sich selbst auch als Akkordeon-Fighter bezeichnet, bewies das mit seinem Konzert am Sonntag in der Immeldorfer Kultkneipe „Weißes Ross“.
Das Wort Kampf passt für Yegor Zabelovs persönlichen Stil tatsächlich recht gut. Wie er mit dem Akkordeon um jeden Ton ringt, es zieht, quetscht, ja ausdrückt, wie er sich in sein Instrument vertieft, fast verbeißt, es gleichzeitig bittend streichelt, wie er in es hineinspürt – allein das zu sehen, ist schon ein Erlebnis.
Das Resultat dieser Anstrengungen ist eine akustische Offenbarung. Wer hier die altbekannte Gemütlichkeitsmusik aus Akkordeon-Kreisen erwartet hätte, wäre herb enttäuscht worden. Musikfreunde, die sich auf Neues einlassen können, werden hier eine Oase finden.
Yegor Zabelov bezeichnet seine Musik als eine experimentelle Mischung aus Akkordeonklängen, Avantgarde-Jazz und Neoklassizismus, wobei er seinen innovativen Stil durch sein Faible für elektronische Musik entwickelte.
Von eben der nahm er den Input um Sequenz und Wellen auf, eignete sich das Konzept des einfachen Grundmusters und dessen variantenreiche, verfremdende Wiederholung an, übernahm die klangliche Breite der elektronischen Musik, wendete dies so auf das Akkordeon an, bis dieses die Möglichkeiten eines Synthesizers abbildete.
Alle Kompositionen, die er in Immeldorf spielte, waren seine eigenen. Beeinflusst ist er, wie er selbst sagt, von den Minimal-Music-Klassikern Philip Glass, Steve Reich, Michael Nyman sowie von dem finnischen Experimentalakkordeonisten Kimmo Pohjonen und der Jazzformation Exbjörn Svensson Trio. Auch erinnert die Musik von Yegor Zabelov an die Stücke eines Michael Galasso.
Dem Zuhörer können diese Zusammenhänge egal sein. Er hat in der Musik an sich sehr viel zu entdecken und zu verarbeiten. Ihre Konzeption ist anspruchsvoll.
Zabelovs Stücke beginnen stets leise und langsam, wie Nebel, der aufsteigt. Sie verdichten sich zu Wolken in Nuancen von Weiß, Grau und Schwarz, türmen sich auf, entladen sich in Stürmen, um dann leise auszuklingen. So leise, dass Yegor Zabelov nicht mehr Töne mit dem Instrument erzeugt, sondern nur noch die rhythmische Erinnerung an sie durch das Klappern der angespielten Tasten ans Ohr dringen lässt und so den Zuhörer spürbar aus dem Stück entlässt. Eine Meisterleistung in Komposition und Spiel.
Yegor Zabelov stammt aus Belarus und lebt in Polen. Mit dem Auftritt im „Weißen Ross“ beschloss er eine Tournee, die in Innsbruck und Wien begann, über Serbien und Slowenien nach München führte und in Immeldorf endete.