Am Ende eines langen Berufslebens gehört es dazu, innezuhalten und das Vergangene zu reflektieren. Das macht auch Wolfgang Kerwagen, Leiter des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Ansbach. Nach dem Jahreswechsel geht er in den Ruhestand.
An Mariä Lichtmess, dem Beginn des neuen Bauernjahres, übernahm Wolfgang Kerwagen 2018 die Leitung des AELF Ansbach. Die bevorstehende Verabschiedung am 31. Januar im geladenen Gästekreis ist bewusst in die Zeit um Lichtmess gewählt. „Sie hat eine besondere Bedeutung für mich“, sagt der scheidende Landwirtschaftsdirektor. Sein Nachfolger Bernd Nagel wird bei der Veranstaltung offiziell als neuer Amtsleiter eingeführt.
Fragt man Kerwagen, ob man jungen Leuten überhaupt noch raten kann, einen landwirtschaftlichen Beruf zu erlernen, kommt eine umgehende Antwort. „Die Landwirtschaft hat immer eine Zukunft, auch wenn viel gejammert wird“, sagt Wolfgang Kerwagen aufgrund seiner langjährigen Berufserfahrung. „Es gab immer Betriebe, die gutes Geld verdient haben.“
Lebensmittelproduktion, Direktvermarktung, Energieerzeugung, Gäste auf dem Bauernhof, Landschaftspflege und Winterdienst böten dem Landwirt als selbstständigen Unternehmer Möglichkeiten der Betriebsausrichtung und -führung. „Es ist wichtig, offen für Veränderungen zu sein und bereit zu sein, neue Wege zu gehen.“ Kooperationen seien eine Möglichkeit, Kosten zu senken und neue Einnahmequellen zu erschließen. Etwa mit dem Aufbau eines Wärmenetzes mit Kommunen oder durch eine vertragliche Zusammenarbeit von landwirtschaftlichen Unternehmen.
Die Attraktivität landwirtschaftlicher Tätigkeiten zeige sich am Interesse junger Menschen. „Die Ausbildungszahlen gehen nicht zurück“, so Kerwagen, „auch an der Hochschule in Triesdorf sind die Zahlen konstant, obwohl die Betriebe weniger werden“. Zwei Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe in Stadt und Landkreis werden nach seinen Angaben inzwischen im Nebenerwerb betrieben. „Das bedeutet nicht, dass es ihnen finanziell schlechter geht.“
Ein großer Anteil des Gewinns in der Landwirtschaft komme aus Transferleistungen des Staates. „Das sind keine Sozialleistungen, sondern Entgelte für Naturschutzleistungen“, wie er betont. In Stadt und Landkreis war traditionell die Tierhaltung sehr stark. Das ist ein stückweit heute noch so, auch wenn Biogasanlagen mit landwirtschaftlichen Rohstoffen in den vergangenen 20 Jahren zugenommen haben.
„Früher waren Schweinemastbetriebe die Wachstumsbetriebe“, erläutert Kerwagen, „heute sind es die Biogasbetriebe. Aber das muss nicht so bleiben.“ Der tägliche Konsum von Fleisch und Wurst geht zurück wegen der geänderten Ess- und Einkaufsgewohnheiten der Menschen. Junge Leute greifen häufig zu vegetarischen oder veganen Alternativen.
Zunehmende Anforderungen für mehr Tierwohl in der Nutztierhaltung bedeute für viele Landwirte hohe Investitionen, „die oftmals nicht ausreichend honoriert werden“. Tierhaltung sei zeit- und arbeitsintensiv und könne Familienbetriebe an ihre Kapazitätsgrenzen bringen. Ob dann der Schritt zum Lohnarbeitsbetrieb sinnvoll sei, will dann gut überlegt sein.
Spricht man Kerwagen auf die Agrarpolitik der EU an, will er Brüssel nicht schlechtreden. „Ein Drittel der EU-Ausgaben geht in die Landwirtschaft. Das hängt mit der Historie der Ausnahmestellung des Wirtschaftszweiges zusammen, beziehungsweise dem umfassenden gemeinsamen europäischen Markt für landwirtschaftliche Erzeugnisse.“ Eine sichere Ernährung werde immer wichtiger.
Nicht verhehlen will er, dass der EU-Politikbetrieb kompliziert ist und Entscheidungen oftmals nicht so ganz nachvollziehbar sind. Der Unmut der Landwirte habe sich bei den Bauernprotesten im vergangenen Januar, aber auch schon früher gezeigt.
Immer mehr gesetzliche Auflagen, steigende Kosten und Vorgaben des Lebensmitteleinzelhandels sind schwierige Rahmenbedingungen für die Höfe. Eine Discount-Einzelhandelskette hat angekündigt, ab 2030 nur noch Fleisch und Milch der Kategorie Haltungsstufe 3 (Außenklima) verkaufen zu wollen. Das schreckt viele von notwendigen Investitionen ab.
Gerade ist Butter so teuer wie nie zuvor. Dafür gibt es im Wesentlichen einen Grund: der Rückgang der Milchproduktion. Wenn etwas knapp ist, wird es teurer. Doch die Bauernproteste zeigen Wirkung, so Kerwagen. 2024 sei der Abbau bürokratischer Auflagen in der Landwirtschaft vielfach umgesetzt oder zumindest auf den Weg gebracht worden.
Die Schließung der Landwirtschaftsschule, Abteilung Landwirtschaft, im Jahr 2021 in Ansbach bezeichnet Kerwagen als „einschneidend“. Mit der Landwirtschaftsakademie Ansbach habe man versucht, etwas Neues zu entwickeln. Das Seminar „Digitale Büroorganisation“ werde hervorragend angenommen.
Digitale Technologien halten in den Ställen und auf den Feldern Einzug. „Es läuft noch nicht alles gut zusammen, weil nicht alle Schnittstellen miteinander kommunizieren können“, erläutert Kerwagen.
Die Hälfte seiner Amtszeit als Behördenleiter fiel in den Abbruch und Neubau des AELF-Gebäudes mit Fertigstellung im Frühjahr 2021. Rund 100 Mitarbeiter sind dort beschäftigt. Zuvor war die Behörde auf acht Standorte verteilt.
Wolfgang Kerwagen stammt aus einem landwirtschaftlichen Betrieb mit Kühen, Zuckerrüben und Weinbau in der Nähe von Mainz. Er studierte Landwirtschaft an der Universität Gießen. Nach dem Referendariat in Ebersberg, Wertingen und Bamberg waren die Ämter in Laufen, Traunstein und Uffenheim seine beruflichen Stationen.
Seit 2014 ist er in Ansbach und brachte es bis zum Behördenleiter. 40 Berufsjahre waren für ihn im Rückblick „erfüllend“, wie er sagt. „Ich habe die Möglichkeiten genutzt, neue Ideen zu entwickeln und Schwerpunkte zu setzen. Die Arbeit mit den Menschen in Schule und Beratung war mir eine Herzensangelegenheit.“ Er sei dankbar für die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den bäuerlichen Betrieben und den vielen Organisationen im ländlichen Raum.
„Viele Zukunftsthemen in der Landwirtschaft wie Energie, Biodiversität, Klimawandel, Waldumbau und Ressourcenschutz haben eine hohe gesellschaftliche Bedeutung.“ Deshalb sei ein offener Dialog sehr wichtig. Die Moderation der Veranstaltungsreihe Grüne Couch, bei der Personen aus Landwirtschaft und Gesellschaft vor Publikum miteinander ins Gespräch kommen, will Wolfgang Kerwagen nach seinem Ausscheiden ehrenamtlich zunächst fortsetzen.