Bierkeller, Luftschutzraum und mehr: Unter dem Burgmilchling-Hügel von Wilhermsdorf gibt es ein offensichtlich weitverzweigtes Gewölbekeller-Netz. Der Heimatverein hat mit Erlaubnis und Unterstützung der Marktgemeinde in Handarbeit einige bislang verschüttete Gänge wieder begehbar gemacht.
Bei einem Termin, an dem auch Pressevertretende teilnehmen durften, erläuterte vor allem die Vizechefin des Heimatvereins, Alexandra Zipfel, den Hintergrund. Dabei waren neben der Vorsitzenden des Vereins, Irmi Weißfloch, auch Bürgermeister Uwe Emmert, Landkreis-Fürth-Kreisheimatpfleger Thomas Liebert und Brauhaus-Besitzer Jürgen Strauß anwesend.
Am Ende einer der vielen verwirrenden Gänge stehen ein paar Relikte aus einer sehr schlimmen Zeit: Drei Stahl-Stuhlskelette zeugen davon, dass die Gewölbekeller unter dem Wilhermsdorfer Burgmilchling im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzräume dienten. „1000 Menschen sollen hier teilweise Unterschlupf gefunden haben“, berichtet Alexandra Zipfel.
„Sogar Operationen hat es hier gegeben“, durchgeführt vom ortsansässigen Dorfarzt, weiß die Vizechefin des örtlichen Heimatvereins aus Aufzeichnungen. Doch was sie noch nicht genau weiß: Wie alt jeder einzelne Gang ist. Auch Pläne gebe es davon keine, nicht einmal im Bayerischen Staatsarchiv.
Fest stehe nur: „Die ältesten sind bis zu 500 Jahre alt.“ Das habe sie vom Landesamt für Denkmalpflege des Freistaats erfahren. Dass hier inzwischen überhaupt wieder jemand stehen und gehen kann, ist besonders der Hartnäckigkeit von Zipfel und der Vorsitzenden Irmi Weißfloch zu verdanken.
Über die Jahre hat das Heimatvereins-Führungsteam bereits viele interessante Details über die Geschichte der Zenngrundgemeinde ans Licht gebracht. Irgendwann kam den beiden die Idee, Licht auch ins Dunkel unter dem Ort zu bringen.
Wie gesagt: Dass die Keller als Luftschutzraum genutzt wurden, war bekannt. Und auch, dass die Ortsbrauerei, 1669 gegründet und 1972 von der Windsheimer Bürgerbräu übernommen, ihre Biervorräte in den anschließenden Kellern lagerte.
Viele Wilhermsdorfer Bürgerinnen und Bürger wissen außerdem noch vom Eisweiher zu berichten. Dessen gefrorenes Wasser wurde winters in die Keller gebracht, um die Temperatur unter die – heute ganzjährig messbare – Temperatur von elf bis zwölf Grad Celsius zu drücken.
Etwa 2020 meldete sich Alexandra Zipfel bei Bürgerbräu-Chef Jürgen Strauß mit der auf den ersten Blick seltsamen Bitte: „Dürfen wir im Brauhaus eine Mauer einschlagen?“ Doch Strauß war gar nicht so verwundert – wusste er doch, dass hinter der Mauer des jetzigen Wohnhauses die Kellergewölbe begannen.
„Wir hatten die Mauer errichtet, weil immer wieder Ratten aus den Gängen kamen“, erinnert er sich. Trotzdem stimmte er zu. Jetzt tritt Strauß selbst durch die nun vorhandene Tür in die wieder begehbare Unterwelt ein.
Was er, Fürths Kreisheimatpfleger Thomas Liebert und drei Reporterinnen und Reporter erstmals sehen, scheint den Heimatvereins-Chefinnen inzwischen fast zur zweiten Heimat geworden zu sein. Und auch Bürgermeister Uwe Emmert (CSU) hat sich seit besagtem Mauer-Fall wohl schon des Öfteren hier aufgehalten.
Was gleich auffällt: In etwa 20 Metern Entfernung steht eine Stahlkonstruktion, die nun gar nicht historisch wirkt. Denn hier stand eine später eingebrachte Mauer als Sperre. Das neue Stahlskelett stützt den darüber liegenden Belüftungs- und Notausstiegsschacht aus Klinker.
Bürgermeister Emmert weiß, dass der Schacht 1942/43 entstand. Gefordert hatte ihn die Nazi-Gauverwaltung. Heute steht oben drüber ein Haus. Das Stützsystem berechnet hat der Großhabersdorfer Statiker Gregor Stolarski: „Der war oft dabei, hat auch viel ehrenamtliche Arbeit erbracht“, wird von Heimatvereinsseite dankend erwähnt.
Denn beim ersten Besuch habe sich an diesem Punkt eine Einbruchstelle befunden, erläutert Zipfel. Ein paar Leute hätten sich dann links am Schacht vorbeigezwängt. „Danach kamen wir nur schrittweise voran.“ Aus Sicherheitsgründen haben sich Feuerwehrleute mit Sauerstoff-Ausrüstung zuerst dort bewegt, auch um die Luft zu testen.
Inzwischen kann man das Stahlgestell als eine Art Eingang in die Unterwelt dahinter sehen. „Hier muss man sich bücken, etwa 1,60 Meter hoch“ sei der Durchgang. Die Gänge dahinter aber sind mit etwa 2,30 Metern Höhe selbst für Riesen gut zu begehen. Außerdem wurden einige alte Luftschächte wieder geöffnet.
„Das haben ‚unsere Zwerge‘ geschafft“, wie Alexandra Zipfel die vielen Helfenden ihres Vereins liebevoll bezeichnet. „Die haben viel Erdreich bewegt, inzwischen 120 Tonnen“ seien mit Schubkarren ans Tageslicht befördert worden. Und das ortsansässige Fuhrunternehmen Enßner habe das Material untersuchen lassen und kostenfrei entsorgt, nennt sie einen wichtigen Sponsor.
So konnten eine Reihe dieser alten Gänge freigelegt werden. Auch wenn noch nicht überall die am Boden verlegten Ziegel vom Erdreich freigekratzt sind, weshalb an vielen Stellen Vliesdecken liegen: Jeder der rundum verkleideten Gänge schaut anders aus. „Ursprünglich wurden Sandsteine mit Kalkmörtel verfugt“, sagt der fachkundige Archäologe Lieberth.
Doch oft sind im oberen Bereich der Wände oder über dem Kopf keine Sandsteine mehr, sondern Ziegel eingemauert. Sie dürften in der ebenfalls nicht mehr vorhandenen örtlichen Ziegelei gefertigt worden sein. Der Heimatpfleger vermutet hier „Reparaturen“ über die Jahrhunderte. Das liegt nahe, fällt die Größe der verwendeten Ziegel doch recht unterschiedlich aus.
An einigen Stellen an den Decken der Gänge sind rote Punkte aufgemalt, „Marker zur Kontrolle, ob sich etwas verändert“, so Emmert. Denn beim Heimatverein reifen Pläne, die Kellergänge zur Besichtigung zu öffnen. Und da ist Sicherheit höchstes Gebot.
Gut ausgeleuchtet sind die Stollen bereits. Aber nicht über die wohl schon kurz nach der örtlichen Elektrifizierung in den 1910er Jahren installierten Leitungen, deren Reste heute noch teilweise an Isolatoren unter der Decke hängen, sondern über moderne Technik.
Nein, es sei kein Massentourismus geplant, bekräftigt Alexandra Zipfel: Etwa 20 Menschen pro Gruppe könnten durch die Gänge geführt werden. Dabei denkt sie an ganz unterschiedliche Themen, die mit der Vergangenheit des Wilhermsdorfer Untergrunds zu tun haben. Startschuss für die Führungen soll Mitte nächsten Jahres sein.
Und wenn alles klappt, könnte sich an den unterirdischen ein lukullischer Genuss anschließen, denn unter der Brauhaus-Gaststätte harrt der hohe Rittersaal seiner Wiedererweckung. Zu Brauereizeiten standen hier Lagertanks. Später wurde der Raum auch für Ritteressen hergenommen. Doch derzeit liegt er im Dornröschenschlaf.
Auch für diese Pläne lasse der Gemeinderat dem Heimatverein freie Hand, sagt Emmert. Brauhaus-Besitzer Strauß hätte nichts dagegen. Und vielleicht werden ja die Wilhermsdorfer Keller gar Teil einer Idee, über die man zurzeit im Landratsamt eifrig brütet: ein Felsenkeller-Radweg zu verschiedenen unterirdischen Schätzen des Kreises.
Doch zuerst müssen die Wilhermsdorfer ein eigenes Konzept auf die Beine stellen und umsetzen – zumal noch jede Menge unter der Erde zu tun sein könnte, wie Holzgitter vor einigen Einbruchstellen zeigen: „Wir wissen jetzt noch nicht, wo das Ende der Gänge ist“, gibt Uwe Emmert zu. Zumal die Sage geht: Früher soll sogar das Wasserschloss Hochmilchling per Geheimgang erreichbar gewesen sein.