In den 1920er Jahren erlebte der Segelflug in Deutschland einen Boom. Da der Versailler Vertrag als Folge des Ersten Weltkriegs den Motorflug nahezu verbot, konzentrierte sich die private Fliegerei auf das lautlose Gleiten. Die Wettbewerbe in der Rhön hatten längst weltweiten Ruf, als Flugpioniere 1926 den Hesselberg für sich entdeckten.
„Nürnberg hat jetzt endlich seine eigene Wasserkuppe”, hieß es vor 100 Jahren in der Zeitschrift „Flugsport”. In einer kurzen Notiz wurde die neueste Entwicklung beim Nordbayerischen Luftfahrtverband aufgegriffen, der sich von Nürnberg aus mit einem Hängegleiter sowie Segelmodellen auf den Weg Richtung Gerolfingen machte. Das war am 15. August 1926. Ein starttaugliches Segelflugzeug hatten die Pioniere zu diesem Zeitpunkt nicht. Dieses war noch im Bau.
Der Nürnberger Verein wünschte sich in seiner Nähe ein Fluggelände ähnlich der Wasserkuppe. Der Hesselberg schien da bestens geeignet. Mit seinen 689 Metern Höhe überragt er als Solitär die umliegende Gegend um rund 200 Meter und hat weite, in Richtung Süden offene Hänge.
Im März 1928 wandte sich der Geschäftsführer des Verbandes, Georg Liebermann, offiziell an die Anliegerkommunen Gerolfingen, Wittelshofen, Ehingen und Röckingen. Er bat schriftlich um eine Erlaubnis, auf dem Hesselberg den Betrieb aufnehmen zu können. Wenig später war auch das Segelflugzeug fertig und wurde auf den Namen „Albrecht Dürer” getauft. An Ostern 1928 erfolgte der Jungfernflug. Dieser soll 62 Sekunden gedauert haben. Als Lager- und Unterkunftsmöglichkeit baute der Verband auf dem Berg die Nürnberger Halle.
In den Folgejahren siedelten sich weitere Fliegervereinigungen an. Genügend Platz gab es. So wurde auch in Richtung Norden gestartet. In den dort bewaldeten Hang schlugen die Pioniere eine Schneise, entlang der die Fluggeräte nach der Landung mithilfe einer Seilwinde wieder zum Startplatz hinaufgezogen wurden. Die Zunahme des Flugbetriebs war auch mit einer baulichen Entwicklung verbunden. 1931 errichtete die Fliegervereinigung Schwabach eine Flugzeughalle. Danach entstand die Hermann-Esser-Halle, und es gab eine Nordhalle oberhalb der Schneise.
Der Flugbetrieb, zu dem ab 1929 bayerische Wettbewerbe gehörten, lockte nicht nur aktive Luftsport-Begeisterte, sondern auch viele Schaulustige an. Besonders an Ostern und Pfingsten soll es zu regelrechten Massenanstürmen gekommen sein. Vom regen Treiben profitierte nicht nur das Gasthaus Holzöder in Gipfelnähe, sondern auch die Gaststätten in den umliegenden Gemeinden.
Die Geschichte des Segelflugs am Hesselberg, der bis heute für die Luftfahrt von Bedeutung ist, hat der Erlanger Historiker und Autor Dr. Harald Fischer in einer Ausstellung aufbereitet. Diese erfasst die Zeit von den Anfängen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Gezeigt wird sie im Haus der Geschichte in Dinkelsbühl. Zu sehen sind neben einer Vielzahl historischer Fotografien zahlreiche Schautafeln mit damaligen Zeitungsausschnitten, Planzeichnungen und Manuskripten. Gegliedert in verschiedene Themenbereiche wird die damalige Entwicklung aufgezeigt. Waren es am Anfang einfache Gleiter, mit denen sich die damaligen Pioniere in die Luft wagten, schaffte die Fliegervereinigung Schwabach mit ihrer „Ozite“ beim Rhön-Segelflugwettbewerb 1932 einen Sechs-Stunden-Flug.
Zu den textlichen Quellen, die Harald Fischer aufgetan hat, gehört das Tagebuch der damals noch jungen Engländerin Naomi Heron Maxwell, die 1935/1936 am Hesselberg das Fliegen lernte. Auszugsweise übersetzt können die Besuchenden der Ausstellung Maxwells Eindrücke nachlesen. Zu sehen ist auch ein Manuskript des in Gunzenhausen aufgewachsenen Fluglehrers Eugen Wagner. Der Flugzeugmaschinenbauer wurde 1934 vom Luftamt Nürnberg mit dem Bau einer Segelflugschule am Hesselberg beauftragt, der ersten in Bayern.
Wagner, der seit 1928 Mitglied der NSDAP war, organisierte die Errichtung der Gebäude auf halber Höhe am Südhang, dort wo sich Nürnberger und Hermann-Esser-Halle befanden. Heute steht an dieser Stelle das Evangelische Bildungszentrum. Parallel zum damaligen Bau war bereits der Schulbetrieb angelaufen. Bei der offiziellen Eröffnung der Anlage 1936 war Wagner nicht mehr dabei. Er war offensichtlich aus der Schulleitung entlassen worden. Der Historiker Harald Fischer berichtet von einem widersprüchlichen Bild, das er bei der Auswertung der autobiografischen Berichte sowie der Dokumentation der Parteimitgliedschaft von Wagner und dessen Verhältnis zu den Nazis gewonnen habe.
Ab 1928 vereinnahmten die Nazis den Hesselberg für Kundgebungen, ab 1933 fanden dort regelmäßig die Frankentage statt. Von der Auflösung der Vereine im Rahmen der von den Nazis erzwungenen Gleichschaltung waren auch die Vereinigungen der Segelflieger betroffen. Die Segelflugschule am Hesselberg wurde 1937 Teil des Nationalsozialistischen Fliegerkorps. Es ging dort fortan um die Auslese des militärischen Nachwuchses.
Die Sonderausstellung „100 Jahre Segelflug am Hesselberg” läuft bis zum Jahresende. Sie ist zu den üblichen Öffnungszeiten des Hauses der Geschichte zu besichtigen: Montag bis Freitag jeweils von 9 bis 17 Uhr sowie samstags, sonntags und feiertags jeweils von 10 bis 16 Uhr. Ab November öffnet das Museum wochentags erst um 10 Uhr.