Puppenstuben, Zinnsoldaten und Wollunterhosen: Im Haus der Geschichte wird die Kindheit in Dinkelsbühl um 1900 greifbar. In der Sonderausstellung mit Spielzeug und Fotografien aus der Zeit wollen Rosemarie Hauser-Metzger und Dr. Hans-Dieter Metzger die Besucherinnen und Besucher anregen, in eigene Kindheitserinnerungen zurückzukehren.
Womit spielten Kinder vor rund 120 Jahren in der Wörnitzstadt? Welcher Spielraum stand ihnen zur Verfügung? Wodurch war ihre Erlebniswelt geprägt? Wie waren sie gekleidet? Wie haben sie gewohnt? Und wie haben sie am liebsten ihre Zeit verbracht? Auf diese Fragen gibt es oft nur unzureichend Antworten. Erinnerungen an diese Zeit werden zwar in Familienerzählungen weitergetragen, aber immer sind es Bruchstücke. Vieles ist heute nicht mehr greifbar, manches auch kaum mehr vorstellbar.
Rosemarie Hauser-Metzger und Dr. Hans-Dieter Metzger wollten sich damit nicht zufriedengeben und machten sich deshalb auf Spurensuche. Was das Ehepaar dabei gefunden hat, ist in der Sonderausstellung im Haus der Geschichte zu sehen. Und die Besucherinnen und Besucher können beim Betrachten selbst auf Spurensuche gehen in ihrem eigenen Schatz der Erinnerung.
Kindheitserinnerungen sind es wohl bei vielen Älteren, die sich die Fotos und Tafeln anschauen. Denn auch vor mehr als 100 Jahren galt: Kinder lieben es zu spielen. Auch damals brauchte es Dinge zum Spielen, also Spielzeug, und Spielregeln.
Für ihre Ausstellung haben Rosemarie Hauser-Metzger und Dr. Hans-Dieter Metzger Zeugnisse der Zeit um 1900 gesucht. Gefunden haben sie Puppenküche und Wohnzimmer in Miniaturformat – Spiegelbilder des damaligen idealen Hauswesens. Aufgespürt haben sie einen Kaufmannsladen, der vielleicht beliebteste Typ der Puppenstube, dessen realistische Ausstattung Kinder zum Rollenspiel animieren konnte.
Zu sehen gibt es im Haus der Geschichte außerdem eine originalgetreue Schreinerwerkstatt mit funktionierenden Werkzeugen. Entdeckt haben die beiden aber auch Anleitungen für das Spiel draußen: Längst vergessene Auszählreime oder Regeln für Schusserspiele werden plötzlich wieder präsent.
Was die Ausstellung ebenfalls sehenswert macht: die historischen Fotografien. Diese veranschaulichen eine Erlebniswelt Dinkelsbühler Kinder, die nicht nur den häuslichen, sondern vor allem auch den öffentlichen Raum umfasste, und sich deutlich von der Gegenwart unterscheidet. Das Besondere an den Bildern ist, dass sie Menschen zeigen. Wie Metzger im Gespräch mit der FLZ erläuterte, hätten auch vor über 100 Jahren viele Fotografen lieber menschenleere Städte gezeigt, weil ihr Fokus auf der Architektur gelegen habe.
Auf fast allen der gezeigten Fotos sind Kinder zu sehen und damit schließt sich der Kreis zu den Spielsachen. Die dienten zu allen Zeiten dazu, Mädchen und Jungen Dinge begreifbar werden zu lassen. Für die Erwachsenen, die jetzt die Exponate betrachteten, würden indes Erinnerungen wieder greifbar, zum Beispiel beim Anblick der ungeliebten Wollunterhosen, die Kinder noch zu Metzgers Zeiten tragen mussten. Den Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung wünschte er jedenfalls, dass deren Fantasie und Erinnerungsvermögen keine Grenzen gesetzt sind.
Die Idee zur Ausstellung hatten Rosemarie Hauser-Metzger und Dr. Hans-Dieter Metzger, als im Sommer eine betagte Tante gestorben war. In deren Besitz waren vier Puppenstuben, die für die Seniorin stets ein Erinnerungsanker gewesen seien, wie Metzger berichtet. Das Hab und Gut der Familie sei bei der Bombardierung Crailsheims untergegangen, nur die Puppenstuben blieben.
„Für die Tante waren die Miniaturhäuschen stets eine Rückkehr in die eigene Familiengeschichte”, erzählt Metzger weiter. „Und so hat sich eben die Ausstellung entwickelt.” Er hoffe, dass bei den Besucherinnen und Besuchern „etwas angeschoben” werde, vielleicht „Erinnerungen an Erinnerungen”, so Metzger anlässlich der Eröffnung.
Ute Heiß, die Leiterin des Museums, zeigte sich bei der Vernissage glücklich darüber, dass das Projekt so „spontan” und mit „viel Herzblut” verwirklicht worden sei. Rainer Schreck aus dem Museumsteam habe das möglich gemacht. Es sei eine „runde Sache” geworden. Die Ausstellung passe gut in die Adventszeit, meinte sie, bleibe aber auch danach noch bis zum Sonntag, 8. März, zu Gast im Haus der Geschichte.