Mit dem Vortrag „Rothenburger Straßennamen: auch eine Kunst?“ von Peter Schaumann startete der Freundeskreis des RothenburgMuseums seine Reihe „Kunst sehen und verstehen“. Schaumann nahm die Zuhörerinnen und Zuhörer mit auf einen Gang durch die Straßen und Gassen der Stadt.
Fast 80 Prozent der Straßennamen hätten lokale Bezüge, erklärte Schaumann. Bis etwa 1922 hatte in Rothenburg jedes Haus eine eigene Hausnummer. Diese könne man noch an einzelnen Gebäuden sehen, wie am Amtsgericht oder beim Forstamt in der jetzigen Adam-Hörber-Straße. Dort prangt unter der jetzigen Hausnummer 39, eingemeißelt in einen Stein, die Zahl 1089 ½. Der Türstock trägt die Jahreszahl 1911.
In den Hinweisen zur Straßenbenennung heißt es, sie dürften nicht zu Verwechslungen führen und keine Diskriminierungen enthalten. Wie welche Straße benannt wird, bestimme der Stadtrat, so Schaumann weiter. Doch wo findet man Informationen zu den einzelnen Straßennamen? Schaumann blätterte hierzu in Veröffentlichungen von August Schnitzlein aus den Jahren 1906 und 1923 und wurde in einem Aufsatz in der „Linde“ von 1956 bei Heinrich Schmidt fündig. Sehr gute Informationsquellen waren die „Rothenburger Kalender”, die aus Datenschutzgründen seit 2017 nicht mehr erscheinen dürfen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg sei aufgrund des enormen Wachstums der Stadt diese in verschiedene Viertel eingeteilt worden, gerade außerhalb der Altstadt. Da gibt es die Bleiche mit ihren Straßennamen, die auf Orte hinweisen, die über die nahegelegene Bundesstraße erreicht werden können, wie Gebsattel, Feuchtwangen, Dinkelsbühl, Weißenburg oder Nördlingen.
Ganz anders ist es im Alten Heckenacker, wo im Bereich der Heckenackerstraße die kleineren Straßen nach Figuren des historischen Festspiels „Der Meistertrunk“ benannt sind. Schaumann nannte die Namen Reimerweg, Scheibleinweg, Rinkenbergweg, Tillyweg, Aldringerweg und Pappenheimweg. Zwischen all den männlichen Figuren befindet sich ein Straßenname, der nach einer Frau benannt ist, nämlich nach Magdalena Hirsching. Sie gibt es allerdings nur fiktiv im Festspiel, war also nie eine lebende Person.
Lange Zeit war dies der einzige Weg, der einer Frau gewidmet war, so Schaumann. Doch seit wenigen Jahren gibt es – der Nachverdichtung zwischen Heckenackerstraße und Herterichweg sei Dank – eine Straße, die nach einer Rothenburger Malerin und Künstlerin benannt wurde: Es ist der Elise-Mahler-Weg.
Viele Straßen trügen im Heckenacker die Namen von Malern, so der Wilhelm-Ziegler-Weg, der Martin-Schwarz-Weg, der Peter-Philippi-Weg, der Friedrich-Herlin-Weg, der Ludwig-Richter-Weg, der Theodor-Alt-Weg oder die Wilhelm-Schacht-Straße. Etliche ihrer Bilder sind im RothenburgMuseum zu bestaunen, so Schaumann.
Zudem hätte man Persönlichkeiten durch Straßennamen geehrt, die sich besonders für die Stadt verdient gemacht haben, wie Ernst Geißendörfer oder Dr. Heinrich Wilhelm Bensen. Auch viele Bürgermeister hätte man mit Straßennamen bedacht, so beispielsweise Johann Bezold, Heinrich Toppler oder Dr. Erich Lauterbach. Man habe versucht, in der „Rothenburger Neustadt“ Viertel zu schaffen, mit denen sich die Menschen identifizieren können, wie das Dichterviertel, die Sportplatzsiedlung, den Katzenbuckel, das Wiesenviertel und künftig den Himmelweiher.
In der Altstadt gibt es Plätze und Gassen, dazu Märkte und besondere Bauten, die für die Namensgebung dienen. Vom Marktplatz aus kann man zum Grünen Markt oder über den Kapellenplatz zum Milchmarkt laufen. In der Oberen Schmiedgasse waren früher Handwerker zu Hause, Schmiede und Wagner. Auch die Hafengasse zweigt ab. Dort lebten und arbeiteten vor allem Töpfer (Hafner).
Dann gibt es noch das Rahmengässchen. Hier standen die Tuchrahmen zum Trocknen gewebter Lodentücher. Wenn man die Stadt durch die Galgengasse verlässt, kommt man laut Schaumann an den höchsten Punkt der Stadt „Vorm Würzburger Tor“. Dort habe sich wohl der Galgen befunden.
„Viele Kostbarkeiten verbergen sich in den Straßennamen”, meinte Schaumann. Seien es Persönlichkeiten, Gebäulichkeiten oder geschichtliche Bezüge – sie zeigten eine hohe Identität mit der Stadtgeschichte.
Es gebe noch einige Persönlichkeiten, die eine Würdigung durch einen Straßennamen verdienen würden, sagte Schaumann. Er denke dabei besonders an Rabbi Meir ben Baruch. Was eindeutig fehlt, seien die Frauen, da waren sich alle einig.
Man könnte doch den Straßen im Himmelweiher ausschließlich Frauennamen geben, meinte eine Zuhörerin. Doch wer soll das sein? Eine Scherenschnittkünstlerin vielleicht? Eine Bürgermeisterin? Eine Priorin des Dominikanerinnenordens? Oder eine Heimatdichterin mit sehr kurzem Namen? Das sei jetzt die Hausaufgabe, bedeutende Frauen der Stadt aufzuspüren, denen man einen Straßennamen widmen könnte, sagte Schaumann augenzwinkernd.