Die Trümmerfrauen von Rothenburg waren anders. Wie und warum, das hat Jutta Striffler vom Freundeskreis des RothenburgMuseums im Rahmen einer Führung erzählt.
Dabei hat sie nicht nur bereits bekannte Daten, Fakten, Zahlen vermittelt. Vor allem hat sie die Erinnerungen jener Trümmerfrauen, die sie selbst noch kennengelernt hatte, nacherzählt. Und sie hat ihre eigenen Recherchen zum Thema dargelegt.
Striffler ist sicher: Die Trümmerfrauen, die Rothenburg nach der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg wieder mitaufgebaut haben, waren ganz anders als jene in den Großstädten wie Berlin. Dort seien Frauen teils zu „Propagandazwecken” – auch von Frauen – fotografiert worden, „schön mit Kopftuch und Stiefeln”, wie sie Trümmer beseitigen, erzählt Striffler.
Obwohl Männer ebenso an der Enttrümmerung beteiligt waren, „konzentrierten sich Fotografien und Presseberichte häufig ausschließlich auf Frauen”. Die Fokussierung auf den weiblichen Teil der Bevölkerung, der „quasi ohne männliche Hilfe den Wiederaufbau zu bewerkstelligen schien, war ein mediales Produkt”, so Striffler. Historiker haben ihr zufolge betont, „dass die geschlechtsspezifische Aufmerksamkeit nicht nur mit demografischen Zahlenverhältnissen nach dem Krieg zu tun hatte oder mit der Attraktion des Ungewöhnlichen”. Sondern die Frauen hätten „weit weniger im Schatten der NS-Vergangenheit” gestanden als die Männer. Frauen hätten – und zwar nicht nur in feministischen Kreisen – als „Garanten des Friedens und der Menschlichkeit” gegolten, die „die Schäden des von Männern gemachten Krieges beseitigten”.
Striffler ging auch auf den Begriff Trümmerfrauen an sich ein und sagte dazu: „Wer sich als Trümmerfrau verstand oder als solche deklariert wurde, änderte sich im Lauf der Jahrzehnte stark. Auch heute noch existieren sehr unterschiedliche Definitionen von Trümmerfrauen. Der Begriff findet sich in den Quellen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs kaum, tauchte dann aber Ende der 1940er Jahre vermehrt in Zeitungen und Zeitschriften, vor allem mit Bezug auf Berlin, auf.” In offiziellen Verlautbarungen sei eher von „Bauhilfsarbeiterinnen oder Enttrümmerungsarbeiterinnen” gesprochen worden.
Doch „mit den ersten Denkmalinitiativen setzte sich der Begriff der Trümmerfrau durch”. Vor allem „die rentenpolitischen Debatten der 1980er Jahre und die Historisierung der Frauengeschichte in Kriegs- und Nachkriegszeit führten zu einer Weitung des Begriffsverständnisses”. Striffler: „Trümmerfrau wurde zum Sammelbegriff für die weibliche Bevölkerung, die Härten im Zweiten Weltkrieg und in der Zeit des Wiederaufbaus erlebt hatte.”
Eine Zeit lang habe sich die Ansicht gehalten, dass der Erfolg des Wiederaufbaus zum Großteil auf den Schultern der Trümmerfrauen ruhte, erzählt Striffler. Für Rothenburg stellt sich die Lage anders dar. Dass Striffler das weiß, sei der „vorbildlichen Dokumentation unter dem damaligen Bürgermeister Hörner” zu verdanken. Durch ihre Recherchen im Amtsblatt fand sie heraus, dass „für Rothenburg eindeutig erkannt werden” könne, dass „die schweren Arbeiten von Männern und Baufirmen getätigt wurden”. Aber: Die Frauen seien unentbehrlich gewesen, um den Wiederaufbau so schnell voranbringen zu können.
Vieles weiß Striffler aus Gesprächen mit Trümmerfrauen. Sie sagt, in Rothenburg habe keine Frau an Fotos machen oder ähnliches denken können. „Das ist komplett anders gelaufen.”
Sie erzählt: „Männer waren einige da, aber nicht viele. Die haben die Frauen also gebraucht.” Sie erklärt: „Für die groben Arbeiten wurden bei uns die Männer eingesetzt und die Baufirmen, zum Beispiel die Baufirma Moll.” Brauchbare Materialien sollten im Sterngarten abgelegt werden, sie wurden wiederverwendet, beschreibt Striffler.
Frauen hatten vielfältige Aufgaben zu bewältigen: Trümmer räumen war die Offensichtlichste, aber genau so mussten sie sich um die Aufnahme von Familien und die Betreuung von Kindern und Kranken kümmern. Strifflers Großmutter zum Beispiel habe eine Frau aus der Rosengasse mit vier Kindern aufgenommen, sechs Kinder hatte sie selbst. Hier sei die Frage gewesen: Wie organisieren wir uns? Sie teilten sich auf zwischen Trümmerräumung sowie Kinderbetreuung, Gartenarbeit und Kochen. „Die Frauen haben alle zusammen geholfen. Da wurde gar nicht lange diskutiert.”
Die wichtigste Aufräumarbeit für die Rothenburger Frauen war laut Striffler Ziegel klopfen. Sie klopften vorsichtig den Mörtel ab, so dass die Ziegel möglichst schnell wieder verwendet werden konnten. Manche Frauen musste auch die schweren Loren ziehen und umkippen, erzählt sie. Was Striffler besonders fasziniert: „Die soziale Herkunft war völlig nebensächlich. Die haben sich einfach organisiert, dass es funktionierte.” Es sei ihnen „allen wichtig gewesen, dass ihre Stadt so schnell wie möglich wieder aufgebaut wird und dass die Familien, die obdachlos waren, wieder ein Dach über dem Kopf gehabt haben”.
Sie schätzt, dass „mit Sicherheit weit über 100 Frauen” zwei bis drei Jahre so gelebt und gearbeitet haben – „direkt ab Herbst 1945”. Ziemlich schnell hätten die Menschen zum Beispiel wieder in der Galgengasse und Rosengasse einziehen können. Striffler: „Im Grunde war der Rothenburger Wiederaufbau eine Meisterleistung, sowohl von den Frauen als auch den Männern sowie auch von den Stadtverantwortlichen.”