Walddachsbacher baut Pfeil und Bogen: Ein seltenes Handwerk | FLZ.de

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Veröffentlicht am 14.05.2023 11:36

Walddachsbacher baut Pfeil und Bogen: Ein seltenes Handwerk

Präzision, Erfahrung und viel handwerkliches Talent erfordert die Fertigung eines Bogens. (Foto: Ute Niephaus)
Präzision, Erfahrung und viel handwerkliches Talent erfordert die Fertigung eines Bogens. (Foto: Ute Niephaus)
Präzision, Erfahrung und viel handwerkliches Talent erfordert die Fertigung eines Bogens. (Foto: Ute Niephaus)

Wenn Robert Böhringer spazieren geht, kann er nicht einfach die Natur zu genießen. „Ich kann einen Baum nicht nur als solchen sehen, ich erkenne stets den Bogen darin“, sagt er. „Das ist eine Berufskrankheit.“ Der 57-Jährige hat sich dem traditionellen Pfeil- und Bogenbau verschrieben.

Böhringer wird als Mitglied der Handwerkskammer geführt und gehört als Bogenbauer zu der Gruppe der Drechsler und Spielzeugbauer. Drei Tage in der Woche arbeitet der Walddachsbacher als Zahntechniker, an zwei Tagen als Pfeil- und Bogenbauer. Darüber hinaus ist er regelmäßig im Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim anzutreffen. Seit rund 20 Jahren lässt er dort die Gäste an seiner großen Leidenschaft teilhaben, erzählt anschaulich über die Geschichte von Pfeil und Bogen sowie deren Bau. Natürlich wird auch die Handhabung gezeigt – Robin Hood lässt grüßen.

Geschichte hat Robert Böhringer schon immer fasziniert. „Während die anderen Kinder Fußball gespielt haben, war ich im Wald.“ Irgendwann versuchte er sich als Bogenbauer, doch die ersten Exemplare gerieten wenig ansehnlich. Doch davon ließ sich der junge Robert nicht entmutigen. Irgendwann stieß er auf eine Fachzeitschrift, die sich mit traditionellem Bogenschießen beschäftigte. Hier fand er Gleichgesinnte, tauschte sich mit ihnen aus.

Fingerspitzengefühl und Geduld notwendig

Für die Umsetzung kommt dem Walddachsbacher seine Zahntechniksausbildung zugute. „Man muss penibel sein, Geduld haben und ganz viel Frustrationstoleranz aufweisen.“ Mit Letzterem kennt sich der Vater von fünf Kindern aus. Doch noch immer, nach vielen Jahren Praxis, landet ab und zu etliches im Ofen. Allerdings muss es dann schon ganz arg daneben gegangen sein. „So schnell gibt man einen Bogen nicht auf. Man versucht immer noch rauszuholen, was geht. Aber manchmal haut es einfach nicht hin.“

Den Grund liefert Böhringer gleich mit. „Wir Bogenbauer machen keine Form, wir haben nur eine Idee Produkt. Wie es letztlich aussieht, gibt die Bewegung vor.“ Berechnet werde nichts. „Wir haben aber im Kopf, was passiert, wenn man zu arg ran geht.“ Auf das Holz müsse man sich einlassen. „Man bekommt mit der Zeit ein Händchen dafür. Gewaltsam vorzugehen, dem Holz seinen Willen aufzudrücken, bringt gar nichts“, berichtet er von seinen Erfahrungen.

Dem Holz immer treu geblieben

Über Kurse bildete er sich fort, besuchte Workshops, von denen er heute selbst etliche gibt – für Schüler, Manager, Vereine. Wenn die Fachleute unter sich sind, probiert jeder etwas aus, „und gibt seinen Senf dazu“, sagt er lachend. Anders als einige seiner Kollegen, die inzwischen Bögen aus Carbon bauen, blieb er dem Holz immer treu.

Die Bogenbauerszene ist gut vernetzt. Bekommt Böhringer ein fremdes Exemplar in die Hände, erkennt er oft anhand bestimmter Merkmale, wer ihn gebaut hat. In der Regel werden die fertigen Exemplare nur geölt. Aber: „Man kann sie auch beizen.“ Böhringer räuchert sie zusätzlich. Das hat nichts mit dem Räuchen von Schinken gemein, sagt er und grinst. Es handelt sich vielmehr um eine chemische Reaktion. Salmiak und Gerbsäure reagieren im Holz. Der Walddachsbacher fertigt natürlich auch Pfeile und verkauft diese zu den passenden Bögen.

Der Kunde bekommt Maßanfertigungen

Seine Bögen sind Maßanfertigungen. „Sie werden auf den Schützen abgestimmt.“ Dafür benötigt er drei Parameter: Auszugslänge, Zuggewicht und die Mentalität des Schützen. Wird der Bogen „schneller“ gemacht, wird die Flugbahn der Pfeile flacher. Er wird dann aber auch „nervöser“. Sprich: Fehler des Schützen wirken sich stärker aus. Ein langsamerer Bogen ist freundlicher, ein bisschen parabolischer zu schießen, aber nicht so nachtragend. Die Qual der Wahl.

Wichtig ist Robert Böhringer stets die grundsätzliche Qualität: „Er ist etwas von mir.“ Mit einem guten Bogen allein ist es aber nicht getan, auch die Pfeile müssen dazu passen. Hier ist wieder Präzision gefragt. Im Gespräch mit dem Kunden gilt es, sich heranzutasten, zu erfahren, was dieser konkret will, seine Fähigkeiten und Schwächen auszuloten. Um beispielsweise die idealen Pfeile für einen Weltmeister zu bauen, brauchte Böhringer ein halbes Jahr. Anschließend galt es, alle Exemplare mit exakt den gleichen Flugeigenschaften auszustatten – eine weitere große Herausforderung. Und schließlich: Was wäre ein Pfeil ohne Spitze? Verwendet wird entweder eine Turnier- oder Metallspitze. Die Federn stammen in der Regel von Truthähnen, für historisch nachempfundene Pfeile greift er auf Gänsefedern zurück.

Auch die Köcher werden meist aus Holz gefertigt

Zusätzlich fertigt der 57-Jährige auch die Köcher. Diese sind ebenfalls überwiegend aus Holz, andere Kollegen wählen Leder als Basis.

Aktuell hat Böhringer einen Berg von Pfeilen vor sich, die fertig werden müssen. Im Frühling ist seine Hochsaison, da beginnen die Wettkämpfe, da frönen seine Kunden ihrem konzentrationsintensiven Hobby. Und wenn der Sommer kommt, geht Böhringer wieder Bäume gucken. Könnte ja ein Bogen drin stecken.


Von Ute Niephaus
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