Wände voller Geigen: Bernd Soika aus Altheim restauriert alte Streichinstrumente | FLZ.de

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Veröffentlicht am 25.03.2025 07:00

Wände voller Geigen: Bernd Soika aus Altheim restauriert alte Streichinstrumente

Die Form des F-Lochs, der Schnecke, des Corpus: Es gibt viele Merkmale die dem Fachmann Hinweise darauf geben, aus welcher Zeit eine Violine stammt. (Foto: Ulli Ganter)
Die Form des F-Lochs, der Schnecke, des Corpus: Es gibt viele Merkmale die dem Fachmann Hinweise darauf geben, aus welcher Zeit eine Violine stammt. (Foto: Ulli Ganter)
Die Form des F-Lochs, der Schnecke, des Corpus: Es gibt viele Merkmale die dem Fachmann Hinweise darauf geben, aus welcher Zeit eine Violine stammt. (Foto: Ulli Ganter)

Wenn man den Weg mit Waschbetonplatten zum Haus von Bernd Soika in Altheim (Gemeinde Dietersheim im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim) entlanggeht, ahnt man nicht, was für eine Welt sich dahinter verbirgt. Dort lebt nicht nur ein Heimwerker, der im Werbespot jedes Baumarktes auftreten könnte, sondern auch ein passionierter Instrumentenrestaurator und -bauer.

Bernd Soika hat sich hier vor fünf Jahren einen Traum erfüllt: Er erstand ein Häuschen für einen fünfstelligen Betrag. Ohne große Aufforderung führt der begeisterungsfähige 48-Jährige überall herum, deutet auf die geometrischen Muster, die er in einer alten Lehmwand freigelegt hat und zeigt die Steintreppe in den Keller, die sich unter einer schweren Klappe verbirgt, die sich mit Hilfe eines Gewichts an einer Schnur leicht anheben lässt. Viel Arbeit liegt hinter ihm, denn am Anfang regnete es zum Dach noch hinein, die elektrischen Leitungen sind alle neu verlegt.

Seine Frau ist gerade erst mit eingezogen – „das Leben auf der Baustelle hätte ich ihr nicht zumuten können“. Aber der Aus- und Umbau des Hauses ist nur die zweitgrößte Leidenschaft von Soika, der ursprünglich aus Bielefeld stammt und vom Dialekt und Redefluss her eindeutig noch nicht ganz in Franken angekommen ist.

Ansonsten aber schon: „Es ist wunderschön hier“, schwärmt er über die Umgebung. Seit 2004 lebt er jetzt schon in Bayerns Norden, zuerst in Altdorf bei Nürnberg, dann in Burgthann und nun in Altheim und ist „hin und weg“, wie er sagt.

Massiver Holzcorpus einer Telecaster

Der Himmel hängt voller Geigen sagt man über jemanden, der sehr glücklich ist. Bei Soika hängen die Wände voller Geigen – doch das Gefühl dahinter ist dasselbe. Schon im Hausflur reiht sich Instrument an Instrument. In der kleinen Werkstatt, in der ein Holzofen für Behaglichkeit sorgt, liegt der massive Holz-Corpus einer Telecaster auf einem Handtuch. „Das ist die zweitberühmteste E-Gitarre nach der Stratocaster, die Jimi Hendrix spielte“ – und schon läuft der umtriebige Soika die Stufen hinauf und holt seine eigene Stratocaster, auf deren Griffbrett dann unverstärkt seine Finger über die Bünde gleiten.

Denn mit der Gitarre fing es einmal an, als Kind. „Ich habe klassische Gitarre gespielt.“ Doch schon bald merkte Soika, wie er erzählt, dass er kein Paco de Lucia werden wird. Schon mit 16 habe er sich verschuldet, um 200 Mark in eine Instrumentenbau-Fibel zu investieren. Nach Schule und Zivildienst ging er nach Österreich auf die Instrumentenbauschule in Hallstadt.

Irgendein Vorfahr von ihm war auch schon mal Instrumentenbauer, der Opa vererbte ihm viele Geigen, sein Vater war Goldschmiedemeister. Das Handwerk, aber auch die Freude an allem Schönen liegt also in der Familie. Als Instrumentenbauer hat sich Soika inzwischen der Restauration verschrieben und liebt vor allem Geigen. Er legt eine kleine Schnecke, den Abschluss des Geigenhalses, auf sein Handtuch. „Wer könnte so etwas nicht schön finden?“, ruft er entzückt aus. Seine Werkzeuge sind fast alle selbst gebaut: Winzige Hobel und kleine Hohlkehlen in Mini-Schubladen verstaut, die Soika alle öffnet.

In Norwegen fand er seinen Meister

Fast kein Gegenstand im Haus ist neu, alles steckt voller Erinnerungen – auch an Norwegen, wo Soika nach Österreich seinen wichtigsten Lehrmeister in Trondheim fand. Nur ein paar Flyer fallen auf: Darauf ist ein Portrait Soikas zu sehen, der „mit dem Zweiten besser hört“ – der leicht abgewandelte Werbespruch des ZDF.

Soika lacht: „Das war eine geile Sache.“ Für die Sendung „Kaputt und zugenäht“ wurde ihm im Fernseh-Studio eine komplette Instrumentenwerkstatt nachgebaut. Das Publikum konnte defekte Lieblingsstücke bringen und die Fachleute vor Ort versuchten, sie wieder in Schuss zubringen.

Obwohl Soika also in Restauratorenkreisen ein gewisses Renommee zu besitzen scheint, setzt er nur zum kleineren Teil auf die eigene Werkstatt. Momentan sieht seine Woche so aus: Drei Tage lang arbeitet er als Angestellter bei Paesold in Baiersdorf, ein Unternehmen, das Geigen und Bögen herstellt. Nur einen Tag ist er in seiner eigenen Werkstatt zugange und zwei Tage lang baut er an seinem Haus weiter. Die Angestelltentätigkeit ist die Lehre, die er aus seiner Zeit in Bielefeld gezogen hat, als er, wie er sagt, von einem Händler über den Tisch gezogen worden ist und lange arbeiten musste, um die Schulden wieder abzuzahlen.

Neustadt – Bielefeld und zurück

Mit der Verwirklichung seines Traums vom alten Häuschen im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim schließt sich ein Kreis. Denn in Bielefeld hatte er Kontakt zu Heinrich Scheller, einem Neustädter, der nach Bielefeld gezogen war und dort einen Kräuterladen betrieb. Dessen Bruder Günter Scheller ist als ehemaliger Stadtrat in Neustadt wohl bekannt. Heinrich nannte eine große Geigensammlung sein eigen, wegen der er Soika immer wieder aufsuchte. Inzwischen ist er gestorben, viele seiner Geigen hat Soika schon verkauft, andere warten noch auf Kundschaft.

Alte Geigen sind ein Thema für sich. Die Zettel, die im Korpus kleben, lügen oft – dendrochronologische Untersuchungen der Jahresringabfolgen des Holzes enthüllen mehr. Eine italienische Geige aus der Zeit von Stradivari ist dann auf einmal eine französische aus der Zeit um 1900.

Am Holz, der Form von Steg und Schnecke, den Charakteristika des F-Lochs und vielen weiteren, kleinen Merkmalen erkennt der Wahl-Altheimer, aus welcher Zeit und welchem Land das Instrument stammt. „Manchmal suche ich stundenlang nach dem passenden Stück Holz, dessen Jahresringe ähnlich nah beieinander liegen, wie bei der restaurierungsbedürftigen Geige“, erzählt er. Es gibt noch viel zu tun – aber die Wände hängen für Soika schon mal voller Geigen.


Ulli Ganter
Ulli Ganter
Redakteurin
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