Auf der Spitze des Schlossbucks ist die Welt in Ordnung. In eine Idylle eingebettet liegt dort eine Wiese, umgeben von alten Eichen. Vögel zwitschern. Weiße Blümchen recken sich nach den Strahlen der Nachmittagssonne. Am Rande des Hügels schlummern Enten an einem Teich, die Köpfe im Gefieder. Schwer vorstellbar, dass von diesem einsamen, ruhigen Ort einst der Terror ausging.
Heute ist die Stelle bei Schauerheim als Virnsberger Haag bekannt. Bis zu Beginn des 15. Jahrhunderts thronte auf der Anhöhe, die heute ausgedehnte Graslandschaft ist, eine Burg, genannt Wernsberg. Übrig geblieben ist nichts von ihr. Lediglich zwei Burggräben und zwei runde Erhebungen im Bereich der ehemaligen Hauptburg lassen eine frühere menschliche Besiedlung erkennen. Im 19. Jahrhundert seien hier noch die Reste des Bergfrieds gestanden, sagt Historiker Dr. Wolfgang Mück. Dann habe man die Trümmer zum Eisenbahn- und Straßenbau fortgeschafft. Am Rande des Hügels finden sich zwei faustgroße Sandsteine – vielleicht wirklich die letzten Überbleibsel der Burg Wernsberg.
Die Aussicht ist auch heute noch herrlich: Weit in den Aischgrund und den Steigerwald hinein schweift der Blick. Die strategisch günstige Lage mag einer der Hauptgründe gewesen sein, weshalb der Wernsberg zum Schauplatz des Schreckens geriet. Ein „Raubschloss“ sei die Anlage gewesen, schreibt der Neustädter Stadtchronist Matthias Salomon Schnizzer. Eine Langenfelder Legende erzählt von einem Raubzug der Burgherren gegen städtische Kaufleute.
Konkrete Namen der Wernsberger Verbrecher nennen die historischen Quellen nicht. Doch die Beschreibungen passen ins Bild der Zeit: Im Mittelalter war der Aischgrund unter Händlern als gefährliche Gegend verschrien. Schnizzer berichtet von mehreren Raubüberfällen in der Region, ausgehend von Burgen wie Wernsberg, Kropfsberg oder Brunn. Auch unter den Augen der Obrigkeit war der Warentransport vor Angriffen nicht sicher. Schnizzer hebt einen Übergriff auf Nürnberger Kaufleute 1426 hervor, an dem sich unter anderem ein Wilhelm von Rechberg beteiligt habe: „Zu Neustadt an der Aysch niedergeworfen“, notiert der Chronist über die Attackierten – also in unmittelbarer Nähe der Stadt.
Kein Wunder, dass selbst Johann Wolfgang von Goethe eine Episode seines Raubritter-Schauspiels „Götz von Berlichingen“ im Aischgrund ansiedelte. „Auf den Weg nach Dachsbach“, um genau zu sein.
Doch die Nürnberger Reichsstädter wussten sich zu wehren. Bekamen sie einen Halunken zu fassen, kannten sie keine Gnade. Einen mit dem Namen Schüttensamen „verbrannten sie lebendig“, seine Knechte „köpften sie“, weiß Schnizzer über eine 1474 aufgegriffene Bande zu berichten.
Auch den Wernsberg suchte die Rache der Städte heim, wenn man Historiker Max Döllner Glauben schenkt. Die „Pfeffersäcke“ – der Spottname für die Reichsstädter – hätten die Burg 1409 abgebrannt, schildert er. Auch andere Jahreszahlen der Zerstörung sind im Umlauf. Fest steht: 1504 wird der Wernsberg nur noch als „öd schlos“ bezeichnet. Der Grundstein zur heutigen Idylle ist gelegt.
Die frühen Tage der Burganlage auf dem Schloßbuck oberhalb von Schauerheim liegen im historischen Dunkeln, „doch vermutlich ist sie sehr alt“, sagt Historiker Dr. Wolfgang Mück. Er verweist in diesem Zusammenhang auf frühmittelalterliche Wegspuren, die den Hügel hinaufführen.
Der Neustädter Alt-Bürgermeister und Heimatkundler sieht einen Zusammenhang mit dem nahen Königshof Riedfeld. Möglicherweise sei auf der Anhöhe zunächst eine sogenannte Fliehburg gestanden, interpretiert Wolfgang Schippke in den „Neustädter Streiflichtern“ auffällige „Verbauungen“ am Berg.
Sie muss der Vorläufer jener Burg Wernsberg gewesen sein, die um das Jahr 1300 häufiger Erwähnung findet. Hier residiert Heinrich von Hohenlohe auf der Veste und gibt sich den Zusatz „de Wernsperch“. Etwa ein halbes Jahrhundert später wechselt die Burg in den Besitz der Nürnberger Burggrafen. 1412 ist der Wernsberg als ein Heiratsgut erwähnt. Eine Zerstörung der Anlage um diesen Zeitraum herum scheint indes wahrscheinlich: Kurz darauf ist der Fleck schließlich nur noch als Ruine bekannt.
Hinweis der Redaktion: Der Text ist eine Wiederveröffentlichung vom 14. August 2019.