Uhrmacher Gehring aus Altmannshausen gehört zu den letzten seines Fachs | FLZ.de

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Veröffentlicht am 20.10.2025 10:15

Uhrmacher Gehring aus Altmannshausen gehört zu den letzten seines Fachs

Ohne Lupe kann er die vielen kleinen Zahnrädchen kaum richtig einsetzen. (Foto: Andreas Reum)
Ohne Lupe kann er die vielen kleinen Zahnrädchen kaum richtig einsetzen. (Foto: Andreas Reum)
Ohne Lupe kann er die vielen kleinen Zahnrädchen kaum richtig einsetzen. (Foto: Andreas Reum)

Vorsichtig schneidet er das Paket auf. Christoph Gehring wühlt sich durch das Füllmaterial, bevor er eine durchsichtige Tüte herauszieht. „Es ist immer ein bisschen eine Suche, desto besser es verpackt ist“, sagt Gehring lachend.

Er öffnet das Tütchen. Darin befindet sich eine Armbanduhr von Armani. Ein Juweliergeschäft aus dem schwäbischen Ludwigsburg hat sie ihm geschickt. Nun liegt sie in seiner Uhrenwerkstatt in Altmannshausen. Gehring ist selbstständig. In einem kleinen Anbau neben dem Wohnhaus in dem Markt Bibarter Ortsteil klammert er sich an die Tradition des mechanischen Zeitmessens. Die Wände sind mit etlichen Wanduhren verziert, die zu jeder vollen Stunde die Werkstatt in einen Konzertsaal verwandeln.

Loser Sekundenzeiger auf dem Ziffernblatt

Aufmerksam liest der Uhrmachermeister den beigefügten Zettel. Der Uhr fehlt nicht viel, lediglich der Sekundenzeiger liegt lose auf dem Ziffernblatt. Seufzend legt Gehring die Uhr zur Seite und rollt mit seinem Stuhl zum Computer. Das Ticken der Uhren wird nun vom Klicken der Tasten begleitet. Gehring muss die Uhr erst einmal in sein System eintragen. Manchmal wünscht er sich, dass die Bürokratie etwas lockerer lassen würde und er nicht alles x-fach dokumentieren müsste.

Nun nimmt Gehring das Uhrwerk heraus. Der rund 0,2 Millimeter dicke Zeiger und dessen Position im Getriebe sind mit bloßem Auge schwer zu erkennen. Deswegen hat er am linken Glas seiner Brille eine Lupe befestigt. Mit einer Pinzette nimmt er den losen Zeiger heraus. Seine Hand zittert kein bisschen. Sein Trick: Er hält seine Hand nicht frei in der Luft, sondern stützt sie mit der anderen, welche auf der Tischkante ruht. Konzentriert setzt er den losen Zeiger wieder auf seinen eigentlichen Platz und justiert ihn geduldig so, dass zwischen den einzelnen Zeigern einige Zehntelmillimeter Luft sind. Nach knapp fünf Minuten funktioniert die Uhr.

Gewisses Risiko besteht

Nun sitzt der Handwerker wieder am Computer: Er schickt dem Ludwigsburger Juweliergeschäft ein Angebot. „Es besteht dabei ein gewisses Risiko. Ich muss die Uhr manchmal erst reparieren, bevor ich sagen kann, wie viel es den Kunden kosten wird.“ Bei dieser Uhr ist er jedoch zuversichtlich, dass der Juwelier das Angebot akzeptiert.

Das Handwerk des Uhrmachers ist zur Seltenheit geworden. Vor der Corona-Pandemie erfasste die Bundesagentur für Arbeit rund 5500 Uhrmacher wie Gehring, heute sind es nur noch etwa 2600. Diese sind dafür gut ausgelastet. Kunden müssen bei ihm teilweise zwei Monate warten, bis ihre Uhrenreparatur an der Reihe ist.

Mit geschicktem Handgriff entfernt er das Schutzglas einer 1960er-Jahre-Armbanduhr und legt das Zifferblatt mit der Pinzette unter eine Glashaube, damit es nicht beschädigt wird. Ein millimetergroßes Zahnrad nach dem anderen legt er in einen Behälter mit Reinigungslösung.

Gangprobleme bei gebrauchten Uhren

Seine Arbeit wird abrupt unterbrochen, als es an der Werkstatttür klingelt. Gehring legt gelassen seine Pinzette zur Seite und öffnet die Tür. Lächelnd begrüßt er den Kunden. Mit seinem blauen Hemd und den grauen Haaren sieht er beinahe so alt aus wie die Uhr an seinem Handgelenk. Zusammen betreten sie die Werkstatt. Gehring holt aus einer der Schubladen eine Armbanduhr, die er kürzlich repariert hat. Der Kunde erzählt noch von seiner Wunsch-Uhr, einer gold-blauen.

Gehring runzelt die Stirn, warnt vor Gangproblemen bei gebrauchten Uhren und rät, darauf zu achten, dass eine Revision vorgenommen wird. „Am besten kaufen Sie so eine Uhr als Erstkäufer“, was meist nicht möglich ist bei alten Modellen.

Ersatzteile sind schwer zu bekommen

Sobald die Tür ins Schloss gefallen ist, sitzt Gehring bereits an seinem Rechner. Auf einer Internetseite gibt er die Produktionsnummer der Wunsch-Uhr ein. Ein Seufzen entfährt ihm, als er die ganzen roten Punkte neben den Abbildungen von Schrauben und Zahnrädern sieht. Die Punkte bestätigen seine Befürchtung: Für die Uhr gibt es kaum noch Ersatzteile auf dem Markt. Jedes Uhrwerk ist anders und je älter die Uhr, desto schwieriger ist es, Ersatzteile zu bekommen. Seine Hoffnung: Ein Internetforum für Uhrmacher. Sollte die Uhr des Kunden beim Kauf nicht im perfekten Zustand sein, ist er auf das Sammelsurium anderer Uhrmacher angewiesen.

Aber das ist ein Problem für später. Jetzt macht Gehring erst einmal weiter mit der Reinigung der goldenen Uhr, bei der er vorhin unterbrochen wurde. Er zerlegt sie in rund 75 Einzelteile und reinigt sie mit einem kleinen Pinsel. Zusammenbauen wird er sie erst am nächsten Tag. Von der Werkstatt führt eine Tür ins Wohnhaus; Gehring geht in seine Küche, und – wen wundert's – an der Wand hängt eine Holzuhr aus den 1890er Jahren.


Von LAURA EYRICH
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