Uneindeutiger Verlust, das klingt irgendwie sperrig. Gemeint ist: Es fehlt das Klare, Eindeutige. Stirbt ein Mensch, trauern wir. Die Situation ist dann eindeutig: Ein Kind, Partner oder Elternteil ist nicht mehr da, wir vermissen ihn oder sie, müssen uns mit dem Verlust abfinden und Abschied nehmen.
Bei einem uneindeutigen Verlust dagegen ist die Lage unklar. Die amerikanische Professorin Pauline Boss entwickelte das Konzept des „Ambiguous loss“ in den 1970er-Jahren und unterschied zwei Formen. Zum einen kann ein Mensch nicht mehr körperlich, aber psychisch präsent sein.
Der Fall, dass ein Mensch durch Demenz „verloren geht“, betrifft bereits heute viele Familien. Traurigkeit, Schuldgefühle, Selbstvorwürfe, körperliche Symptome – die Begleiterscheinungen eines uneindeutigen Verlustes können denen nach einem Todesfall ähneln. Aber was in Trauerprozess bei einem eindeutigen Verlust hilft, greift hier nicht wirklich. Wie also geht man gut mit so einem uneindeutigen Verlust um?
„Der Unterschied ist: Wir haben keine Gewissheit. Der Abschied, um den es beim klassischen Trauerprozess geht, bleibt letztlich aus“, sagt Professorin Anette Kersting. Sie ist Direktorin der Klinik und Poliklinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Leipzig. Beim uneindeutigen Verlust gehe es vielmehr darum, mit der Widersprüchlichkeit leben zu lernen.
„Man kann an manchen Tagen hoffnungsvoll sein, weil die Krankheit vielleicht stagniert, und an anderen Tagen resignieren“, sagt Anette Kersting. Denn selbst gegen alle Wahrscheinlichkeiten gebe es bei Erkrankungen immer noch Hoffnung. Das sei auch gut so. „Ich glaube, dass man ohne Hoffnung manche Situation nicht aushalten kann“, so die Professorin. Die Spannung gilt es jedoch auszuhalten.
Trauerexpertin und Fachautorin Chris Paul spricht von immer wiederkehrenden kleinen Trauerprozessen im Alltag. Statt dem einen großen, endgültigen Verlust gibt es eine Serie von kleinen Verlusten. Wofür man beim Tod eines Menschen mehrere Jahre Zeit hat, geschieht beim uneindeutigen Verlust kleinteilig und jeweils wie im Zeitraffer. Das belastet.
Chris Paul empfiehlt Menschen, die einen uneindeutigen Verlust erleben, im Moment zu bleiben. „Stellen Sie nicht die ungewisse Zukunftsperspektive in den Vordergrund“, sagt sie und rät auch davon ab, mit dem zu vergleichen, was früher war. Besser: eine neue Kontaktebene zu finden, etwa ein einfaches, gemeinsames Spiel. „In Momenten der geteilten Freude kann etwas sehr Schönes und Tröstliches sein“, so die Autorin.
Trotz des Verlustes kann sich manchmal auch eine neue Perspektive entwickeln. Manche Angehörige erleben neue Seiten in der Beziehung, etwa wenn ein strenger Elternteil durch die Demenz weicher wird. „Ich habe Menschen begleitet, die einen neuen Zugang zu ihren Eltern gefunden haben, als sie sich auf die Veränderungen einlassen konnten“, sagt Chris Paul.
Auch Dankbarkeit für das, was war, kann das Loslassen in kleinen Schritten erleichtern. „Durch alles, was die Person, die jetzt erkrankt ist, uns in gesunden Zeiten weitergegeben hat, hat sie eine Spur in uns gelegt, die fortbesteht“, sagt die Trauerexpertin. Das wahrzunehmen, kann trösten.
Weil Angehörige im Fall einer Demenz an vielen Fronten gefordert sind, sollten sie alle Pflege-, Hilfs- und Betreuungsangebote von Kranken- und Pflegekasse nutzen, die möglich sind. Demenzverbände bieten Beratungen, Schulungen und Selbsthilfegruppen an. Beim Schultern der emotionalen Last können auch Freunde unterstützen.
„Es ist eine Krise, so ein Mensch hat eine Menge zu denken, zu entscheiden und zu tun“, sagt Chris Paul. Freunde sollten über eine möglicherweise lange Strecke dranbleiben und Verständnis zeigen. „Zuhören ist das Allerwichtigste“, sagt die Expertin. „Mehr zuhören als reden. Und schauen, ob man ein bisschen normalen Alltag anbieten kann.“
Das kann so aussehen, dass man denjenigen oder diejenige weiter zum Stammtisch oder Spaziergang einlädt, aber nicht sauer ist, wenn er oder sie es nicht schafft. Angehörigen hilft es, eine Atempause von ihren Sorgen zu bekommen und zu spüren: „Ich bin noch da.“
Entwickeln Angehörige von Menschen mit Demenz selbst psychische Beschwerden, etwa depressive Symptome, ist allerdings professionelle Hilfe gefragt, sagt Anette Kersting. „Solche Symptome sind ein Zeichen, dass man mit allem, was man erlebt und aushält, überfordert ist.“
Erster Ansprechpartner ist in der Regel der Hausarzt oder die Hausärztin. „Man kann sich aber auch direkt an ärztliche oder psychologische Psychotherapeuten wenden.“
Hilft die Serie von vielen kleinen Trauerprozessen wenigstens beim letzten, endgültigen Abschied? Das ist ganz unterschiedlich, sagt Chris Paul. „Menschen haben mir gesagt, sie hätten sich schon in so vielen kleinen Schritten von der Person verabschiedet, dass der endgültige Abschied leichter sei“, berichtet sie. „Andere sagen, dass die Person nun auch physisch nicht mehr da sei, sei etwas noch mal etwas ganz anderes.“
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