Irgendwann ist er da, dieser Gedanke: Huch, jetzt werde ich alt. Vielleicht an einem runden Geburtstag, vielleicht vor dem Spiegel, vielleicht fühlt sich der Körper plötzlich anders an.
Für viele ist das kein schöner Gedanke, sondern mit einer Art Schreck verbunden. Dabei geht es nicht nur um Falten und graue Haare oder darum, dass es hier und da zwickt. Sondern auch um größere Fragen: Werde ich jetzt immer mehr abbauen? Werde ich weniger wert? Wie viel kann ich überhaupt beeinflussen?
„Altern ist verbunden nicht nur mit Verlusten, sondern auch mit Gewinnen“, sagt die Psychologin und Altersforscherin Prof. Jana Nikitin. Doch: „Dadurch, dass wir uns auf die Verluste fokussieren, vergessen wir sehr schnell, dass die Gewinne immer noch da sind.“
So rechnen wir damit, schwächer, unattraktiver, vergesslicher zu werden. Ist das so? Nicht unbedingt, doch unsere Vorstellung vom Alter ist so: eher negativ. Selbst vermeintliche Komplimente können sie weiter festigen: „Du siehst viel jünger aus“ etwa. Oder die Aussage: „Ich fühle mich zehn Jahre jünger.“
Alt, das sind damit andere. „Eigentlich betonieren wir damit die negativen Altersbilder“, sagt Jana Nikitin. Die Botschaft dahinter sei schließlich: Altsein ist etwas Schlechtes - und zum Glück gehöre ich noch nicht dazu.
Das liege unter anderem daran, dass viele kaum oder keinen Kontakt zu Menschen außerhalb der eigenen Altersgruppe haben, von der Familie mal abgesehen, so die Forscherin.
Dann fehlen Erfahrungen, die pauschale Vorstellungen korrigieren könnten. „Wir wissen aus sehr viel sozialpsychologischer Forschung, dass Kontakt dazu führt, dass man Stereotype abbaut“, sagt Nikitin. Ihr Rat lautet deshalb: „Eignen Sie sich Wissen an und haben Sie Freunde in anderen Altersgruppen - nicht immer nur innerhalb der eigenen Altersgruppe.“
Altersbilder können sogar beeinflussen, wie wir tatsächlich altern, so die Forscherin. Wer etwa Rückenschmerzen bekommt und sofort denkt: „Das ist das Alter, da kann ich nichts machen“, verzichtet darauf, nach Handlungsmöglichkeiten zu suchen. So entsteht eine Art selbsterfüllende Prophezeiung: Wir rechnen mit dem Abbau, deuten Veränderungen entsprechend - und werden passiver.
Die Lösung besteht aber nicht darin, das Alter ausschließlich positiv zu sehen. „Man hat bestimmte Möglichkeiten, aber nicht alle Möglichkeiten dieser Welt“, sagt Jana Nikitin.
Das gehört für sie ebenso zu einer realistischen Einschätzung wie zu wissen: „Altern ist das, was ich aus meinen Voraussetzungen mache. Das ist nicht etwas, was kommt, sondern etwas, was wir mitgestalten.“ Positiv gelingt das etwa durch Bewegung, gesunde Ernährung, soziale Kontakte und eine sinnvolle Aufgabe - „das tut in jedem Alter gut, und dafür ist es nie zu spät“.
Hinzu kommen mögliche emotionale Gewinne. Im Durchschnitt seien ältere Menschen ausgeglichener, emotional stabiler und besser darin, ihre Gefühle zu regulieren, so die Professorin. Außerdem erlebten sie ihre sozialen Begegnungen häufig als bedeutungsvoller.
Das hänge auch mit dem wachsenden Bewusstsein zusammen, dass die eigene Zeit begrenzt ist. Daraus kann eine neue Klarheit entstehen. „Will ich jetzt wirklich noch jeden Blödsinn mitmachen? Nein, will ich nicht“, beschreibt Jana Nikitin diese Entwicklung. Man wählt bewusster aus, mit welchen Menschen man Zeit verbringt und welche Aufgaben sinnvoll erscheinen. Auch wird es einem oft mehr und mehr egal, was anderen von einem denken.
Was also tun, wenn einen das eigene Spiegelbild betrübt, wenn es zwickt und die Augen schlechter werden? Jana Nikitin empfiehlt, dem ersten Gedanken weitere folgen zu lassen: Welche meiner Vorstellungen vom Alter stimmen überhaupt? Welche Möglichkeiten habe ich weiterhin? Was habe ich mit dem Älterwerden gewonnen? Was habe ich aufgebaut, gelernt oder bewirkt? Welche Menschen, Beziehungen und Erfahrungen gehören heute zu meinem Leben?
Die Antworten sind für jeden Menschen andere. Die Falten verschwinden dadurch nicht. Aber womöglich verändert sich ihre Bedeutung: Sie sind dann nicht mehr nur ein Zeichen dafür, dass etwas verloren geht - sondern auch dafür, dass einiges hinzugekommen ist.
Zum Älterwerden gehört Jana Nikitin zufolge noch ein weiterer Prozess: Wir werden besser darin, uns an das anzupassen, was wir haben, und dessen Wert wahrzunehmen.
Menschen hätten grundsätzlich zwei Möglichkeiten, Kontrolle über ihr Leben auszuüben: „Entweder wir verändern die Welt so, dass sie zu unseren Bedürfnissen und Zielen passt. Oder wir verändern uns, sodass unsere Bedürfnisse dem entsprechen, was wir haben.“ Dieser zweite Prozess werde im höheren Erwachsenenalter stärker.
Das klingt zunächst nach Sich-Abfinden. Die Expertin sieht darin jedoch auch einen Gewinn: „Wir finden einfach das Gute, das Positive eher in dem, was wir haben, als in jungen Jahren.“ Beziehungen, Erfahrungen, Fähigkeiten, bewältigte Krisen, ein Zuhause, eine Familie, all das kommt zusammen - und vielleicht sogar noch mehr.
Prof. Jana Nikitin ist Leiterin des Arbeitsbereichs Psychologie des Alterns an der Universität Wien. Zusammen mit ihrer Kollegin Christina Ristl veröffentlichte sie in diesem Jahr das Buch „Die sieben Mythen des Alterns - Was wir von der psychologischen Forschung lernen können“ (Hogrefe).
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