Torrekord? Was für ein Torrekord? Wenige Tage vor dem Champions-League-Rückspiel gegen Real Madrid (Mittwoch, 21.00 Uhr/DAZN) wusste ausgerechnet der Rekordtorschütze des FC Bayern München für einen Moment nicht, wovon da alle gerade reden. „Der Ball wurde mir in die Hand gedrückt auf dem Platz. Ich hatte das gar nicht auf dem Schirm. Ich musste mir auch ehrlich gesagt erst mal erklären lassen, was das für ein Rekord ist“, sagte Leon Goretzka nach dem 5:0 (1:0) beim FC St. Pauli.
Noch einmal zum Nachlesen für ihn: 101 Tore hatten die Club-Legenden Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Uli Hoeneß und Co. in der Saison 1971/72 für den FC Bayern erzielt. Diese Bestmarke galt in der Fußball-Bundesliga 54 Jahre lang. Seit Samstagabend hat das aktuelle Bayern-Team schon 105 Treffer nach nur 29 Spieltagen auf dem Konto. Goretzka erzielte am Hamburger Millerntor den historischen 102. Treffer in der 53. Minute zum 2:0.
Dass der deutsche Nationalspieler die Münchner im Sommer nach acht Jahren verlassen wird, passt in gewisser Weise zu der Rekordgeschichte. Denn er ist lange genug dabei, um zu wissen: In diesem Club hält sich niemand lange mit statistischem Schmuckwerk auf, wenn man schon am kommenden Sonntag zum 35. Mal als deutscher Meister feststehen könnte und vor allem vier Tage vorher das große Real Madrid aus der Champions League werfen will.
„Es ist immer noch eine Riesen-Challenge“, sagte Goretzka trotz des überzeugenden 2:1 im Hinspiel. Dieser „kleine Vorteil“ könne „gegen eine solche Mannschaft auch schnell wieder weg sein“. Aber: „Wir fühlen uns in der Allianz-Arena pudelwohl. In der Regel fühlt sich der Gegner bei uns nicht ganz so wohl. Jetzt schauen wir einfach, dass wir das Ding über die Linie drücken. Wir werden alle an dem Tag bereit sein. Gewarnt werden müssen wir nicht. Das wissen wir schon ganz genau, gegen wen wir da spielen!“
Solche Aussagen wie auch der gesamte Auftritt gegen St. Pauli zeigen: Es ist kein Zufall, dass genau diese Bayern-Generation den Uralt-Rekord gebrochen hat. Und nicht schon Rummenigge/Breitner zu Beginn der 80er-Jahre, Elber/Effenberg am Ende der 90er, Robben/Ribery noch ein paar Jahre später oder Lewandowski/Müller im Sechs-Titel-Jahr 2020. Epochale Mannschaften hatte der FC Bayern in den vergangenen Dekaden ja genug.
Diese Spieler aber „hören nicht auf. Die machen auch nach dem vierten oder fünften Tor noch immer weiter“, sagte Uli Hoeneß, der die vergangenen Jahrzehnte dieses Clubs als Bayern-Spieler, Manager, Präsident und jetzt Aufsichtsrat prägte wie kein zweiter.
Die aktuelle Mannschaft ist selbstbewusst, aber nicht überheblich. Hungrig, aber nie überdreht. Sie „erstickt“ ihre Gegner (Goretzka), aber macht das immer koordiniert. Kurzum: Dieses Bayern-Team ist das Werk seines Trainers Vincent Kompany. Der dulde keine Nachlässigkeiten, sagte Goretzka. „Sondern wir lassen einfach immer alles angeschaltet.“
Zum Vergleich: Real Madrid stolperte rund um die beiden Bayern-Spiele antriebslos durch die Pflichtaufgaben gegen RCD Mallorca (1:2) und FC Girona (1:1). Die Münchner dagegen überrannten den FC St. Pauli selbst ohne sieben geschonte Stammspieler.
Dass Jamal Musiala (9. Minute) dabei das erste von fünf Toren erzielte, zeigt eine weitere Auffälligkeit unter Kompany: Nebengeräusche werden bei den Bayern längst nicht mehr so laut, wie das früher gern der Fall war.
Erst vor wenigen Tagen hatte der frühere Kapitän und - Clubvorstand Oliver Kahn dem lange verletzten Starspieler einen freiwilligen WM-Verzicht nahegelegt. Musialas Auftritt in Hamburg war dann die passende Antworte auf eine befremdliche Diskussion. „Auf jeden Fall will ich zur WM“, sagte der 23-Jährige - und damit ist das Thema auch vorerst wieder erledigt.
Jetzt schauen alle auf das Rückspiel Real. Und die Devise ist: „Kontrollierte Euphorie“, wie Sportvorstand Max Eberl sagt. „Das, was wir geleistet haben, kann uns keiner mehr nehmen. Und trotzdem wissen wir, was für ein großer Gegner am Mittwoch auf uns trifft.“
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