Çiğdem Özdil ist Friseurin. Und sie hatte soeben bei der Fashionweek in München zu tun. Ihr Job dort: Models stylen und ihnen zwischen Tür und Angel zu einem perfekten Look zu verhelfen. Die 38-Jährige bekam es dort unter anderem mit Dani Djokic zu tun, der Gewinnerin der Staffel 2025 von Heidi Klums „Germany’s Next Topmodel”.
Auch Magdalena Milic, Zweitplatzierte bei der diesjährigen GNTM-Ausgabe, sowie der Influencer Samuel Dohmen, der bei der Staffel mitmachte, waren unter ihren Kunden. Auch die Sängerin Katharina Eisenblut, die schon zweimal bei „Deutschland sucht den Superstar” teilnahm, wurde von ihr gestylt. Tätig ist die Rothenburgerin bei der Fashionweek im Auftrag der Designerin Pia Bolte.
Gebürtig kommt Çiğdem Özdil aus Nordrhein-Westfalen, aus Lippstadt, erzählt die 38-jährige. Dort begann sie damals ihre Ausbildung, obwohl sie eigentlich immer Polizistin werden wollte. Der Vater hatte seine Töchter stets in allem bestärkt, erinnert sie sich, habe gesagt: „Mach dein Ding, arbeite für dich”. Von der Polizeiausbildung riet er seiner Tochter jedoch ab. So entschied sie sich um – und wurde direkt im zweiten Ausbildungsjahr als Friseurin für den German Hairdressing Award nominiert.
Das beginnt sechs Uhr morgens und man kommt 24 Uhr nachts raus.
„Man hat das immer wieder, dass man jemanden kennenlernt, dann öffnen sich wieder Türen”, so Özdil. Ihr damaliger Chef habe selbst auf der Berliner Fashionweek gearbeitet, dadurch konnte sie viele Kontakte in der Branche knüpfen. An den Wochenenden fuhr sie nach Hamburg, hatte dort Jobs für die Marke Schwarzkopf und war bei Bühnenshows dabei. Sieben Tage am Stück hat sie teilweise durchgearbeitet, erzählt Özdil. Und lernte dort Armin Mohrbach kennen, einen Star-Visagisten, der ihr einen Job anbot. Sie lehnte ab, da sie sich nicht zutraute, alleine nach Hamburg zu ziehen. Ob sie das bereut?
Nein, sagt Özdil. Denn die Münchner Fashionweek ist für sie nicht die Erste: Sie arbeitete bereits auf der Berliner Fashionweek, war mit den Models von Germany's Next Topmodel auf Tournee durch Deutschland und war Geschäftsführerin eines Friseursalons. Sie hat viel erlebt, sagt Özdil. „Das macht es für mich aus. Einerseits die Salonarbeit, wo mir Frau Schulte von ihrem Nachbarshund erzählt. Und dann die Fashionweeks, die freakigen Designer mit ganz anderen Ideen im Kopf.”
Was sie an dem Beruf so liebt? „Das Verändern der Menschen. Und wir sind eigentlich auch Psychologinnen”, sagt sie lachend. Der Umgang mit Kundinnen und Kunden sei sehr privat, fast schon intim, da man sich so nah ist. Özdil möchte das Selbstbewusstsein ihrer Kundinnen wieder hervorholen, sagt sie, und Positivität und Glücksgefühle mit einer neuen Frisur auslösen.
Bei den Fashionweeks gehe es vor allem um eines: Schnelligkeit. Manchmal arbeiten fünf bis sechs Stylisten an einem Kopf, wenn die Vorgabe beispielsweise ist, aus einem Locken-Look innerhalb weniger Minuten einen Sleek-Look, also einer Frisur, bei der die Haare glatt an den Kopf gesprüht werden, zu kreieren. Es sind drei Tage Stress, gesteht Özdil. Es sei eine Herausforderung, alle Models müssen die gleiche Frisur tragen und jedes der Models läuft zwei bis dreimal.
„Das beginnt sechs Uhr morgens und man kommt 24 Uhr nachts raus.” Özdil freut sich darauf, neue Kolleginnen und Kollegen kennenzulernen. Es sei aber auch toll, die Models, die sonst nur im Fernsehen zu sehen sind, kennenzulernen. Die Kameras, die während der gesamten Zeit präsent sind, das Fernsehen, all das sei eine komplett andere Welt als der Salonalltag.
Obwohl sie den Ablauf der Berliner Fashionweek kennt, ist nun doch wieder alles neu. „Ich bin in einer ganz anderen Lebenssituation”, so Özdil. Mittlerweile hat sie geheiratet, ist aus Nordrhein-Westfalen nach Rothenburg gezogen und ist Mutter zweier Kinder. Sie ist gespannt, wie sie die Fashionweek jetzt nach all den Jahren erleben wird.
„Mit jedem Lebensjahr wird man stärker”, sagt Özdil. „Früher wollte ich immer was Großes, jetzt lieber was Kleines. An erster Stelle steht meine Familie.” Im Alter habe sie gelernt, Nein zu sagen. Und auch Pausen zu machen, körperlich und geistig. Sie hatte auch für die Fashionweek in Basel eine Anfrage, sagte jedoch ab. „Da musst du dich entscheiden, was ist jetzt wichtiger.” Und sie entschied sich für München und für ihren Friseursalon, den sie im September neu eröffnen wird.
Jetzt ist meine Zeit, jetzt ist so mein Part.
„Jetzt ist meine Zeit, jetzt ist so mein Part”, sagt Özdil über die Möglichkeit, wieder in die Friseurbranche einzusteigen. Zehn Jahre lang sei sie mit einem Kleingewerbe selbstständig gewesen, habe Event- und Brautstyling gemacht. Nun, mit der Saloneröffnung, kamen auch wieder die Anfragen aus der Branche.
„Es lastet ein enormer Druck auf uns Frauen”, ist sich Özdil sicher. Verschiedene Rollen, die eine Frau heutzutage gesellschaftlich erfüllen müsse, seien kaum realisierbar. „Man kann nicht überall 100 Prozent geben. Ich will gut damit leben, nicht die Familie dafür opfern.” Deshalb bleibt es für sie wichtig, auch mal Nein zu sagen. Sie hatte Glück, sagt sie, dass sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, dass sie Armin Mohrbach kennengelernt hat. „Dafür bin ich dankbar.” Aber: „Es gab noch viele andere Wege. Und jeder hat seinen eigenen.”