Stauffenberg-Enkelin am Volkstrauertag in Dinkelsbühl | FLZ.de

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Veröffentlicht am 20.11.2023 16:33

Stauffenberg-Enkelin am Volkstrauertag in Dinkelsbühl

Sophie von Bechtolsheim ist die Enkelin von Claus Schenk Graf von Stauffenberg. (Foto: Martina Haas)
Sophie von Bechtolsheim ist die Enkelin von Claus Schenk Graf von Stauffenberg. (Foto: Martina Haas)
Sophie von Bechtolsheim ist die Enkelin von Claus Schenk Graf von Stauffenberg. (Foto: Martina Haas)

Jeder Mensch trägt die mehr oder weniger schwere Last seiner persönlichen oder familiären Vergangenheit wie einen Rucksack durchs Leben. Das ist bei Sophie von Bechtolsheim nicht anders. Doch sind die Themen ihrer Familien-Geschichte zugleich ein Erbe, das alle angeht: Sie ist die Enkelin von Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

Stauffenberg versuchte am 20. Juli 1944 erfolglos, Adolf Hitler mit einer Bombe zu töten. Er hinterließ ein Erbe, „das der Mensch nicht ausschlagen kann“, wie von Bechtolsheim sagt. Die 1968 geborene Historikerin war auf Einladung der Stadt Dinkelsbühl anlässlich des Volkstrauertags gekommen, um über Verantwortung, Gewissen und Moral zu sprechen.

Das Vermächtnis des 20. Juli 1944 sei nicht nur ein familiäres Erbe, es habe auch eine historische und sogar aktuelle Bedeutung. „Was sollte der 20. Juli nach sich ziehen?“, fragte sie. Stauffenberg, ihr Großvater, wollte mit dem Attentat eine neue, in seinem Verständnis gerechte Gesellschaftsordnung erreichen. Bechtolsheim verwies in diesem Zusammenhang auf Stauffenbergs ausgeprägtes Ethos der Mitmenschlichkeit und sein Rechtsempfinden in einer Zeit der „menschlichen und nationalen Verwahrlosung“. Damit konkretisierte sie den abstrakten Gewissensbegriff, den sie auch als Verantwortung begreift.

Was das Attentat bis heute hinterlassen hat, das sei schwer zu beantworten. „Es geht da auch immer um die Deutungshoheit und Instrumentalisierung.“ Fakt sei: „Es war ein folgenschweres Scheitern.“ Dder Krieg endete in Zerstörung, Mitglieder der Gruppe um Stauffenberg wurden, so wie er selbst, hingerichtet. Es seien die besten Köpfe gewesen, die da ermordet wurden.

Attentat war eine „riesen Provokation”

Das Attentat sei eine „riesen Provokation“ gewesen und dessen Scheitern habe am empfindlichsten Nerv getroffen. „Die Verschwörer waren sich bewusst, dass das Attentat nicht gelingen kann, man es aber tun muss.“ Das Scheitern in Kauf zu nehmen, sei ihnen aber wichtiger gewesen als die Anpassung. „Und das gab ihnen eine besondere Seriosität“, ist Bechtolsheim überzeugt. Die Mitglieder des 20. Juli hätten sich mit existenziellen Fragen auseinandergesetzt, „die auch heute noch Gültigkeit haben und Verantwortung als Herausforderung hinterlassen“. Wenn diese zurückgewiesen werde, entstehe Schuld. Sich mit der eigenen Schuld beschäftigen zu müssen, sei „ganz unangenehm“.

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Die Pflicht zu handeln erkannt

Die Widerstandsgruppe habe sich mit dem Attentat nicht reinwaschen wollen, schilderte Bechtolsheim. „Vielmehr erkannte man die Pflicht zu handeln.“ Für uns bedeute dies: „Aus schuldhaftem Verhalten kommt man nicht heraus.“

Stauffenberg, christlich geprägt so wie die meisten der Widerstandsgruppe, sah die Notwendigkeit des Tyrannenmords. „Unschuldig bleibt man da womöglich nicht“, stellte die Rednerin fest. Solche grundsätzlichen Fragen stellten sich auch heute. Als Beispiel nannte Bechtolsheim das Geflüchteten-Thema: Jeder einzelne müsse sich fragen: „Welche sind die Nebenwirkungen, die ich verantworten will oder nicht verantworten kann?“ Der Mensch sei frei in seinen Entscheidungen, der Maßstab sei das eigene Gewissen. „Es gibt kein kollektives externes Gewissen.“

Weg war „individueller, einsamer Prozess”

Der Weg dahin sei ein „individueller, ein einsamer Prozess“, der reflektierte Distanz zu sich selbst erfordere und „Gewissensmut“. Weil sich die Mitglieder der Gruppe um den 20. Juli 1944 dem Christentum verpflichtet sahen, „machten sie sich unbestechlich“.

Deshalb, so Sophie von Bechtolsheim, dürfe deren Vermächtnis nicht in Bronze gegossen oder in eine Vitrine gestellt werden. „Es soll ein Auftrag sein, mit Gottes Hilfe das eigene Gewissen zu ergründen und für die Freiheit Verantwortung zu übernehmen.“

Der Umsturzversuch der Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg

Der 20. Juli 1944

So selten Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet wurde, so facettenreich war er auch. Die Wenigen, die es wagten, sich gegen das Hitler-Regime aufzulehnen, gehörten ganz unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Gruppen an und handelten aus sehr unterschiedlichen Motiven. Mit „20. Juli 1944“ ist der Umsturzversuch rund um Claus Schenk Graf von Stauffenberg gemeint. Wie das tatsächliche Netzwerk ausgesehen hat, lässt sich laut Stiftung 20. Juli 1944 nicht mehr vollständig rekonstruieren. Insgesamt gehörten ihm wohl 132 Personen als Beteiligte an. Schon bald nach dem 20. Juli wusste das Regime, dass es sich bei den Beteiligten nicht nur um „eine ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer dummer Offiziere“ gehandelt hatte, wie es Hitler in seiner Radioansprache in der Nacht zum 21. Juli formuliert hatte. Den NS-Verfolgern war schnell bewusst, dass das politische Spektrum von konservativ über liberal bis sozialdemokratisch reichte und dass zu den Beteiligten neben Angehörigen des Militärs auch zahlreiche Personen aus zivilen Berufsgruppen gehörten, darunter Diplomaten, Verwaltungsbeamte, Juristen, Gewerkschafter, Unternehmer, Gutsbesitzer, Wissenschaftler und auch Kirchenvertreter. Stauffenberg und andere Offiziere wurden in der Nacht auf den 21. Juli 1944 im Bendlerblock erschossen. Im Ehrenhof wird an sie erinnert. Der 20. Juli 1944 ist ein zentraler Bezugspunkt in der Erinnerung an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Seit den 1950er Jahren finden Gedenkfeiern statt. Mit Ansprachen wird der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedacht sowie der Menschen, die sich von 1933 bis 1945 gegen die NS-Diktatur zur Wehr setzten.

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