„Solange ich kann”: Rothenburgerin versorgt Truppen an Pfingsten von oben | FLZ.de

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Veröffentlicht am 06.06.2025 13:00

„Solange ich kann”: Rothenburgerin versorgt Truppen an Pfingsten von oben

Christine Wehr-Müller (links) an Pfingsten gemeinsam mit Luise Wirsching, mit der sie sich „freundschaftlich verbunden fühlt“. (Foto: Heinz Rothkegel)
Christine Wehr-Müller (links) an Pfingsten gemeinsam mit Luise Wirsching, mit der sie sich „freundschaftlich verbunden fühlt“. (Foto: Heinz Rothkegel)
Christine Wehr-Müller (links) an Pfingsten gemeinsam mit Luise Wirsching, mit der sie sich „freundschaftlich verbunden fühlt“. (Foto: Heinz Rothkegel)

Christine Wehr-Müller lebt eigentlich in Köln, ist aber regelmäßig in Rothenburg, wo ihre Familie ein Haus hat. Über Pfingsten kommt sie auch wieder, wie immer zum Festspiel. Während des historischen Heereszugs am Sonntag hat die 77-Jährige schließlich eine wichtige Funktion: bei der Versorgung der Gruppen, und zwar von oben.

Jahr für Jahr stellt sich Christine Wehr-Müller an ihr Fenster im zweiten Stock des Hauses in der Oberen Schmiedgasse und lässt Körbe an einer langen, roten Schnur hinunter. Darin befinden sich frische regionale Lebensmittel. Mal ist Gemüse dabei, mal gibt es Würstchen und gelegentlich auch eine Weinflasche.

Wie kommt eine Kölnerin zu einem Anwesen in der Altstadt? Ihr Vater sei Rothenburger gewesen, erzählt Wehr-Müller. Nach dem Krieg war das Elternhaus zerstört, der Vater Akademiker – er fand keine Stelle in der Stadt.

Immerwährende Verbindung zur Stadt

So kam es, dass die Eltern wegzogen. Jedoch verloren sie nie den Draht zu Rothenburg: Regelmäßig kam der Vater noch zurück, besuchte Freunde und einen Stammtisch. 1994 zogen ihre Eltern wieder ganz nach Rothenburg, in das Haus in der Oberen Schmiedgasse, das nach dem Krieg eine Ruine gewesen und vom Vater saniert worden war.

Von der Mutter hatte sie schon als Kind viel über die Stadt erfahren und natürlich über das Festspiel und den Meistertrunk, etwa über den Brauch, dass früher während des Heereszugs immer ein Viertel-Laib holländischer Käse an einem Haken aus einem Fenster heruntergelassen wurde. Verantwortlich dafür gewesen sein soll die Familie Weth, die damals in der Galgengasse wohnte. Das habe sie beeindruckt, so Wehr-Müller.

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„Mag sein, dass meine Mutter übertrieben hat, aber ich fand das interessant“, erzählt sie. Dann habe sie sofort gedacht: „Ich mache das jetzt auch.“ Erstmal habe sie Gemüse in der Altstadt eingekauft. Das habe sie in ein Netz gesteckt und dieses wiederum an ein grobes Seil gehängt. Vor dem ersten Mal Herunterlassen sei sie sehr aufgeregt gewesen, gesteht Wehr-Müller.

Vier bis fünf Beutel pro Festzug

Beim zweiten Mal sei direkt ein Blumenkohl herausgerutscht und einer Touristin auf die Schulter gefallen. Es gab deshalb zwar keinen Ärger. Natürlich sollte das aber kein zweites Mal vorkommen. Wehr-Müller ließ sich dann also für ihr Vorhaben ein ausgeklügelteres System einfallen und nutzt seither ein ordentliches Netz und eine Plastikschnur.

Anfangs habe sie keine Erfahrung gehabt und vielleicht auch zu wenig Geduld, reflektiert Christine Wehr-Müller. Manchmal kämen die Gruppen zu schnell vorbei und keiner schaue hoch zu ihrem Fenster. Dann werde ihr Angebot auch mal übersehen. Vier bis fünf Beutel lässt sie für die Truppen am Pfingstsonntag hinunter. Hinein kommen Dinge, die gut mitzunehmen sind, wie Gemüse, Würstchen, Äpfel oder Melonen.

„Es geht mehr um die Show und um die Geste“, sagt Wehr-Müller. Sie erlebe immer große Überraschung und Erstaunen der Menschen, die auf die Körbe aufmerksam werden. Was ihr besonders aufgefallen sei: Meist würden nur Touristinnen und Touristen mal nach oben schauen und dann die Verpflegung entdecken.

Jemand hat die Aktion vermisst

Erwartet habe sie, dass sich die Aktion durch Mundpropaganda herumsprechen würde – dem sei aber bisher nicht so, erklärt die 77-Jährige. In einem Jahr habe sie mal pausiert und keine Körbe heruntergelassen. Aber dann sei sie von einem Altstädter angesprochen worden, dem das Fehlen der Aktion aufgefallen war. „Es gab also doch jemanden, der mich vermisst hat“, freut sie sich.

Und so fühlte sie sich verpflichtet weiterzumachen. „Das ist jetzt Tradition geworden.“ Und: „Die möchte ich fortsetzen, solange ich kann.“

Allerdings hofft sie darauf, dass andere Leute in der Altstadt Ähnliches machen: „Es wäre auch toll, wenn sich Jüngere finden würden.“


Von Irmeli Pohl
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