„So beschämend”: Krankenpfleger wird in Ansbacher Supermarkt ständig kontrolliert | FLZ.de

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Veröffentlicht am 16.09.2025 12:00

„So beschämend”: Krankenpfleger wird in Ansbacher Supermarkt ständig kontrolliert

Rucksack- oder Taschenkontrollen gehören an der Supermarktkasse dazu. Doch was, wenn man den Verdacht schöpft, dass man nur aufgrund seines äußeren Erscheinungsbildes ständig kontrolliert wird? (Symbolbild: Evi Lemberger)
Rucksack- oder Taschenkontrollen gehören an der Supermarktkasse dazu. Doch was, wenn man den Verdacht schöpft, dass man nur aufgrund seines äußeren Erscheinungsbildes ständig kontrolliert wird? (Symbolbild: Evi Lemberger)
Rucksack- oder Taschenkontrollen gehören an der Supermarktkasse dazu. Doch was, wenn man den Verdacht schöpft, dass man nur aufgrund seines äußeren Erscheinungsbildes ständig kontrolliert wird? (Symbolbild: Evi Lemberger)

„Ich habe mich geschämt, jeder hat es mitbekommen.” Als ein Krankenpfleger nach der Nachtschicht an der Supermarktkasse steht, soll er seinen Rucksack zeigen. Er macht mit. Doch als es zum fünften Mal in wenigen Monaten vorkommt, kommen die Fragen. Der 28-Jährige ist verletzt und traurig. Warum trifft es immer ausgerechnet ihn?

„Ich habe erst einmal überlegt: War das Diskriminierung oder war das ihre Arbeit?” Der 28-Jährige ist unsicher, tauscht sich mit Bekannten, Kolleginnen und Kollegen aus, geht die Situation immer wieder im Kopf durch. Am Ende steht für ihn fest: Er wurde kontrolliert, weil er nicht aussieht wie ein Europäer.

Der 28-Jährige stammt aus Madagaskar und ist seit mehr als fünf Jahren in Deutschland. Bei den Kontrollen an der Supermarktkasse wird für ihn deutlich: Er wird nicht so behandelt wie alle anderen. „Es war so beschämend und verletzend”. Er hat nie etwas gestohlen, wollte sich nur nach der Arbeit Frühstück kaufen. Für ihn ist eine Grenze überschritten.

Probleme bei der Wohnungssuche

Einkaufen – eine ganz alltägliche Sache wird für den jungen Mann zu einer Situation, in der er sich diskriminiert fühlt. „Es ist ein kompliziertes Thema”, sagen Iryna Savchenko, Integrationsbeauftragte der Stadt Ansbach, und Johannes Brom, aufsuchender Integrationsberater. Die Grenzen verschwimmen in diesem Feld – und sie sind individuell.

Beide arbeiten täglich mit Geflüchteten in Ansbach. Savchenko und Brom sind nah dran an den Ängsten, Sorgen und Problemen der Menschen mit Migrationshintergrund. Sie unterstützen, begleiten, erklären.

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Diskriminierung im Alltag findet statt, das steht für die beiden Integrations-Profis fest. Sie kennen viele Fälle. Brom erzählt von Familien, die nach einer Wohnung suchen. Schon am Telefon wird gefragt, ob die Frau ein Kopftuch trage. Lautet die Antwort ja, wird die Bewerbung direkt abgelehnt. „Wir kämpfen dann, bis wir jemanden finden, dem das egal ist”, schildert Brom. Das kann dauern.

Welche Rolle spielen äußere Merkmale?

Geht es um Kontrollen bei der Polizei oder anderen Behörden, spricht man von Racial Profiling. Personen werden also nicht aufgrund eines konkreten Verdachts kontrolliert, sondern aufgrund von äußeren Merkmalen, wie Haar- oder Hautfarbe, von denen Rückschlüsse auf die vermeintliche Herkunft gezogen werden. Es ist das Prinzip, das der 28-Jährige an der Supermarktkasse vermutet hat: Er wird des Diebstahls verdächtigt, weil er mit schwarzen Haaren und als dunkler Typ nicht als Deutscher eingeordnet wird.

Solche Fälle sind Savchenko und Brom in Ansbach nicht bekannt, sagen beide entschlossen. Savchenko räumt aber ein: „Wahrscheinlich wissen wir nicht alles.” Denn die Stadt Ansbach hat keine eigene Stelle, die solche Fälle aufnimmt und erfasst.

Auch Aussagen ohne bösen Hintergedanken können verletzen

„Nicht alles ist Rassismus”, sagt Brom. Geflüchtete seien häufig „sensibel”, findet der Integrationsberater. Wie er das meint? Er erklärt: Behördenmitarbeitende reagieren zum Beispiel nicht verärgert, weil der Mensch vor ihnen aus Eritrea oder Syrien stammt, sondern, weil Aufgaben nicht erledigt wurden. Das versucht Brom auch im Gespräch mit Geflüchteten immer wieder klar zu machen.

Wissen kann man es allerdings nicht. Vorurteile, Klischees und Schubladendenken sind tief in allen Köpfen verankert. „Es gibt manche Sachen, die passieren unterbewusst”, stellt Savchenko fest. Aussagen oder Handlungen passieren ohne böse Hintergedanken – und trotzdem verletzen sie Menschen. Wichtig sei es dann, diese Fälle gut zu verarbeiten.

Jeder Fall muss individuell betrachtet werden, betont Savchenko. Was aber für sie und Brom immer gilt: reden, reden, reden. Wenn sich eine Person diskriminiert fühlt, sollten sich alle Betroffenen zusammensetzen und einander zuhören. Selbst wenn keine böse Absicht dahinter steckt: Verständnis, Reflexion und eine Entschuldigung gehören dazu.

Entschuldigung: Fehlanzeige

Genau das hat es im Supermarkt-Beispiel nicht gegeben. Mehrmals bat der 28-Jährige per Mail um eine Erklärung. Er wollte Kriterien hören, nach denen die Kontrollen stattfinden. Keine Antwort. Später telefonierte er mit dem Betreiber. „Er hat nicht reflektiert”, erzählt der Krankenpfleger. Eine Entschuldigung gab es auch nicht. Stattdessen habe man ihm gesagt, dass er in einem anderen Markt einkaufen solle, wenn ihn die Kontrollen stören, erzählt der 28-Jährige.

Von einer Entschuldigung ist auch im offiziellen Schreiben keine Spur. Die Kette hinter dem Markt weist den Vorwurf der Diskriminierung zurück. „Unsere Kontrollen finden rechtskonform anhand objektiver Kriterien statt”, schreibt eine Pressesprecherin. Weiter: „Nur im Fall, dass ein konkreter Verdacht auf Ladendiebstahl besteht, wird kontrolliert.”

Ein solcher Verdacht, so erzählt der 28-Jährige, sei ihm gegenüber nie geäußert worden. In diesem Markt geht er inzwischen nicht mehr einkaufen. Er nimmt jetzt einen deutlich längeren Fußmarsch in Kauf. Diebstahlkontrollen kann er nachvollziehen, sagt er. Doch wieso er wieder und wieder herauszogen wird, während Kundinnen und Kunden um ihn herum mit Rucksäcken nicht kontrolliert werden – dafür hat er kein Verständnis.

Sein Wunsch: „Ich will nur, dass die jeden Kunden gleich behandeln. Das machen wir doch auch auf der Arbeit im Krankenhaus. Ich wünsche mir, dass niemand anderes das erleben muss.”


Antonia Müller
Antonia Müller
Redakteurin in der Lokalredaktion Ansbach
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