Die Dinkelsbühler Altstadt ist bis Mitte Oktober die Bühne für 20 Skulpturen des im Ortsteil Weidelbach lebenden Bildhauers Dietrich Klinge. In einer Serie stellt die FLZ die Kunstwerke in einer losen Abfolge vor.
In der Regel beginnen die Führungen zur Skulpturenmeile mit Werken des Bildhauers Dietrich Klinge in Dinkelsbühl am Münster St. Georg. Dort, gleich neben dem Eingangsportal, steht eine Figur aus dem Gordian-Zyklus.
Streng genommen ist Gordian IX nur ein Porträtkopf, der auf einem kreuzförmigen Unterbau aufgebracht ist. Die Analogie zur christlichen Jesus-Figur am Kreuz liegt nahe, verstärkt durch die unmittelbare Nähe zu einem sakralen Bau.
Der Name des Dargestellten jedoch verweist auf einen anderen Kontext, der auf der griechischen Mythologie fußt. Der Sage nach hat der phrygische König Gordios einen komplizierten Knoten an seinem Streitwagen befestigt, der die Deichsel untrennbar mit dem Zugjoch verband. Wer diesen lösen konnte, dem war die Herrschaft über Asien versprochen. Zahllose scheiterten an dem Versuch, die Bast-Seile zu entwirren – bis Alexander kam. Damals, 333 vor Christus, noch am Anfang seines großen Eroberungsfeldzuges gen Osten, fackelte er nicht lange, zog sein Schwert und hieb das Konstrukt durch.
Dietrich Klinges Gordian hat vom Gesichtsausdruck etwas von der trotzigen Entschlossenheit des makedonischen Königs. Er schaut nicht leidend, sondern eher schmollend mit leicht gesenktem Haupt vom Kreuz herunter. Das Material, aus dem diese Skulptur gefertigt ist, foppt den Betrachter, wie es typisch für Klinges Werke ist. Es ist keinesfalls Holz, wie es für ein Kreuz üblich wäre, sondern Bronze. Die organisch wirkenden Strukturen, die das aus Holz gefertigte und mit der Kettensäge bearbeitete Grundmodell hatte, sind im Metallguss erhalten geblieben und verleihen dem im Grunde statischen Werk eine überraschende Lebendigkeit.
Die gleiche Methode hat Dietrich Klinge bei Gordian V angewendet, der nicht weit entfernt vom Münster vor der Schranne steht. Doch wie anders ist diese Skulptur von ihrer Wirkung her.
Sie scheint wie aus einem monumentalen Holzstamm gehauen. Aus einem Quader herausgearbeitet das grob ausgestaltete Gesicht mit seinem leicht entrückten Blick, die Körperform lediglich angedeutet, durchfurcht von Querrissen, so als sei das Holz unter der Bearbeitung geborsten.
Ein Klotz von einem Mann, von dem trotz aller verborgenen Kraft eine innere Ruhe auszugehen scheint. Die Rückseite der Skulptur weist die deutlich sichtbaren Rinden-Strukturen auf, wie sie etwa große Eichen haben. Am Rumpf tun sich treppenartige Vorsprünge auf, die von so manchem Betrachter auch als Ruheplatz genutzt werden.
Die beiden Gordian-Figuren verändern das Stadtbild, schaffen neue Perspektiven auf Vertrautes, deuten ihre Umgebung um.
Das ist ein zentraler Aspekt dieser Skulpturenmeile, die Altes mit moderner Kunst auf reizvolle Weise verknüpft.