Die Belebung des Zentrums ist in vielen deutschen Städten eine dringliche Aufgabe. Wie herausfordernd und vielschichtig das Problem ist und gedacht werden muss, zeigt sich in Herrieden anhand einer Schlüsselimmobilie.
Das Tor, das zum Durchgang in der historischen Stadtmauer führt, geht nur schwer auf. Bürgermeisterin Dorina Jechnerer muss sich schon mit all ihrer Kraft dagegen lehnen, ehe es knarzend den Weg freigibt – es mag als Sinnbild stehen für die intensiven Bemühungen der Stadt, den Kern Herriedens nicht dem Wandel der Zeit preiszugeben. Gras wächst hier über das Pflaster hinter dem Anwesen in der Vorderen Gasse, das in der Sichtachse zur Basilika und unweit des Marktplatzes liegt. Es ist, wenn man so will, die Vorzeigestraße Herriedens oder soll es zumindest wieder werden.
Deshalb hat die Stadt hier vor nunmehr etwas mehr als fünf Jahren ihr Vorkaufsrecht für Immobilien im Sanierungsgebiet Altstadt wahrgenommen. Von Enteignung war damals kurzzeitig die Rede, „mein erster Skandal”, denkt Jechnerer nicht ganz ernst gemeint zurück. Dabei bestand bereits seit 2014 über das Innerstädtische Entwicklungskonzept (ISEK) die Möglichkeit, mit diesem Werkzeug die Fortführung der Gesamtplanung in dem Bereich voranzutreiben. Denn erst durch ein Zusammenspiel von verschiedenen Maßnahmen kann die gewünschte Änderung des Gesamtbildes entstehen, sagt die Bürgermeisterin zu diesem Puzzlespiel. „Es bringt nichts, wenn nur die Häuser schön sind und sich aber nichts rührt in der Altstadt.”
Es geht darum, eine ganzheitliche Atmosphäre zu schaffen, in der Menschen sich wohlfühlen. Als Gast für ein paar Stunden genau wie als dauerhafter Nutzer. Dafür laufen in der Vorderen Gasse verschiedene Ansätze zusammen. Und es beinhaltete nicht nur das im Kern ins 15. Jahrhundert datierte historischen Anwesen, dessen schiefer Giebel weit über Herrieden hinaus bekannt ist. „Neben dem Gebäude gilt es auch, ein benachbartes Haus im Umgriff mitzuentwickeln”, erklärt Verwaltungs-Geschäftsleiterin Anja Schwander den gesamtheitlichen Ansatz. Zudem bietet die Stadt gleich nebenan ein in die Jahre gekommenes Dreier-Ensemble zum Kauf an.
Das kostet Zeit, viel Zeit, was mitunter zu Unmut in der Bevölkerung führt. Es zeigt aber gleichzeitig, an wie vielen Stellschrauben gedreht werden muss. Seit dem Kauf der Immobilie 2020 wurden „mit dem Stadtplanungsbüro Möglichkeiten eruiert, wie ein Konzept unter Berücksichtigung der verschiedenen Interessenlagen, wie Wirtschaftlichkeit, Denkmalschutz und Baurecht, baulich umgesetzt werden kann”, heißt es dazu aus dem Rathaus.
De facto übernimmt die Stadt die Vorplanung, auch wenn die Kosten dafür aller Voraussicht nach schwer refinanzierbar sind. Die Vorgaben eines Rahmens mit dem, was wünschenswert und in Sachen Denkmalschutz möglich ist, soll einen Anreiz für Investoren darstellen und den Weg bis zur Umsetzung verkürzen. Für die Immobilien in der Vorderen Gasse 21 und 23 ist inzwischen ein Investor gefunden, dessen Vorstellungen sich mit den von der Stadt angedachten Maßnahmen in Einklang bringen lassen.
In dem Bereich der westlichen Altstadt soll neben der aufwändigen Sanierung der Schlüsselimmobilien zu modernem Wohnen ein ganzes Paket Wirkung zeigen. Da spielt das 2022 beschlossene Radverkehrskonzept hinein, weil der Anschluss eines Radweges Richtung Neunstetten hier hergestellt werden soll. Zuletzt wurde erst vor wenigen Wochen im Umweltausschuss der Lückenschluss eines Grünzugs um die Stadtmauer für Radler und Fußgänger mit einer deutlichen Aufwertung der Umgebung einstimmig befürwortet.
Ein Weg soll zwischen den beiden Gebäuden durch eine kleine Öffnung der Stadtmauer führen. Das Café erhält einen geschützten Außenbereich direkt am Gemäuer mit Blick ins Grüne. Hier am Altmühlhaag besteht gerade nur ein Trampelpfad, alles wirkt verwildert, mit dem beinahe zugewachsenen Gewölbekeller fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Vorgesehen ist, den Weg zu verbreitern und ihn damit für Fußgänger und Radler zu erschließen. Der noch unterirdisch verlaufene Bachlauf soll in einem Teilstück freigelegt und damit erlebbar gemacht werden.
Es geht um die Aufenthaltsqualität, darum, Anreize für Besucherinnen und Besucher zu schaffen, genau wie darum, die Heimat der Herrieder charmant zu gestalten. Der politische Wille der Stadtspitze dazu war in den vergangenen Jahren durchaus ausgeprägt, lässt die Bürgermeisterin durchblicken. Mit einem Aufruf zu Gestaltungsideen sollten alle Fraktionen und Gruppierungen im Stadtrat mit ins Boot geholt werden.
Die Zahl der Parkplätze, die der CSU als heilbringendes Mittel der Wahl in der Frage der Innenstadtbelebung gilt, wurde im Zentrum an verschiedenen Stellen bereits gesteigert. Mit einer baulichen Aufwertung des am Eingang der Stadt liegenden Festplatzes könnte dieser Bereich künftig auch als große Stellfläche genutzt werden. Über eine Brücke, so der Vorschlag von Jechnerers Bürgerforum Herrieden, wäre ein fußläufig problemlos zu bewältigender Anschluss an die Altstadt herzustellen.
Doch für die Umsetzung ist weiter Geduld nötig. „Schritt für Schritt” sollen die Maßnahmen realisiert werden, sagt Jechnerer, was de facto „nach aktueller Haushaltslage” meint. Da die Stadt gerade viel Geld für etliche Großprojekte aufwenden muss und gleichzeitig die Gewerbesteuer nicht mehr so sprudelt, ist wohl trotz hoher Förderungen frühestens 2027 mit der Realisation zu rechnen.