In der Schnodsenbacher Wirtsstube sitzen sie dicht an dicht und beißen noch an ihrer Pizza. Das sieht nicht nach einer Tanzstunde aus. „Das ist nur ein Informationsabend“, meint der Wirt, der sich auch nicht vorstellen kann, dass in seinem Gasthaus bei voller Bude eine heiße Sohle aufs Parkett gelegt werden kann.
Zwanzig Minuten später hat irgendwer in der Stubenmitte Platz geschaffen. Die Stühle sind beiseitegestellt. Roberto Luis Johnson Marrero und seine Helfer tüfteln noch an der Bluetooth-Lautsprecherbox, aus der lateinamerikanische Musik ertönt: Salsa-Klänge.
Die paar freigeräumten Quadratmeter genügen Johnson Marrero und seiner Tanzpartnerin Nicola Degmayr, um vorzuführen, wie die Salsa getanzt wird. Flinke Schritte, anmutige Drehungen, filigrane Wickelfiguren. Das Duo macht das gut, finden alle und spenden Applaus.
Doch zum Zuschauen waren die schätzungsweise 30, 40 Leute – vom Kind bis zum Rentner – eigentlich nicht gekommen. Sie wollten sich selbst an der Salsa versuchen – unter der Anleitung des Kubaners Johnson Marrero. Der aus dem realsozialistisch-autoritären Staat geflohene 32-Jährige hat, nach Zwischenstationen in Frankfurt/Main und Nürnberg, seit Mitte April eine Bleibe in der Scheinfelder Notunterkunft (NUK) zugewiesen bekommen.
Johnson Marrero erklärt, Degmayr und Fernando Gliga – ein seit acht Jahren in Scheinfeld heimischer Angolaner, der auch Spanisch spricht – übersetzen: Die Salsa, so wird erläutert, hat eigentlich einen Achter-Rhythmus, doch die Vier und die Acht werden immer ausgelassen: 1, 2, 3 – 5, 6, 7. Der Herr beginnt mit dem linken Fuß, die Dame mit dem rechten. Alles klar? Na ja, probieren geht über studieren.
Da wird dann allerdings rasch klar: In der Wirtsstube wird das tatsächlich nichts. Zu eng. Viel zu eng. Doch mit der Bluetooth-Box ist es ja auch kein Problem, die Musik nach draußen zu verlagern – und mit ihr die Tanzfreunde.
Vor der Gaststätte auf dem noch ziemlich neuen Asphalt im dorferneuerten Schnodsenbach sortiert Johnson Marrero die Männer auf die eine Seite, die Frauen vis-a-vis. Er selbst stellt sich zunächst auf die Männerseite, später dann auf die Frauenseite.
Dass er einen Salsa-Kurs geben könnte, war eine Idee, die im Scheinfelder Flüchtlingsunterstützerkreis aufkam. Dieser fragte unter den NUK-Bewohnern ab, welche Berufe oder sonstigen Fähigkeiten sie haben. Johnson Marrero antwortete, er kann Salsa unterrichten. Im Unterstützerkreis wurde man hellhörig: Ob das wohl was für die Scheinfelder wäre? Man müsste es halt mal anbieten, wie Tanja Jordan und Fernando Gliga als Sprachvermittler mit dem Kubaner vereinbarten. Jordan startete über ihr Handy einen Aufruf und hatte binnen 20 Minuten 17 Anmeldungen. Beim Schnuppertermin in Schnodsenbach sind es dann etwa doppelt so viele.
Johnson Marrero tritt die Grundschritte auf der Stelle und zählt laut auf Deutsch: 1, 2, 3 – 5, 6, 7. Ein paar haben das schnell drin. Damit alle mitkommen, wiederholt der Vortänzer es dennoch mehrfach. Nächste Stufe: dieselbe Schrittfolge, aber in einer Vorwärts-rückwärts-Bewegung. 1, 2, 3 – 5, 6, 7. Unter hartnäckiger Weglassung der Vier zählt Johnson Marrero den Rhythmus wieder und wieder vor. Es folgen noch zwei weitere Stufen des Salsa-Repertoires: mit Seitwärtsbewegung und mit Armbewegungen.
Bis die Dämmerung in Schnodsenbach hereinbricht, sind jedem und jeder ein paar Grundfiguren der Salsa beigebracht. Johnson Marrero und Degmayr legen noch einen Pas-de-deux auf den Asphalt und ernten erneut Applaus.
Das hat Spaß gemacht, finden die Teilnehmer und auch Johnson Marrero. Der Anfangsgedanke, einen kompletten, mehrteiligen Salsa-Kurs zu geben, wird in der Runde heftig befürwortet. Wann? Und wo? Das wird in der Flüchtlingsunterstützergruppe diskutiert. Der Raum wird davon abhängig sein, wie viele teilnehmen wollen. Als Starttermin fasst man nach den Sommerferien ins Auge. Über zehn Stunden soll der Kurs gehen.
Eine Frage wird sein, ob Roberto Luis Johnson Marrero dann noch in Scheinfeld ist. Seine Anhörung im üblichen Asylbewerberverfahren hat er, so berichtet der Kubaner, auch nach mehreren Monaten in Deutschland noch nicht gehabt.